Jugendschutz mit angezogener Handbremse

Künftig sind Alterslimiten auch für Games verbindlich. Aber sie gelten nur offline – das Internet bleibt unreglementiert.

Wer darf wann ins Kino? Die Politik schafft Ordnung.

Wer darf wann ins Kino? Die Politik schafft Ordnung. Bild: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer sich als Vater oder Mutter Gedanken darüber macht, ob ein bestimmter Film für den Nachwuchs geeignet ist oder nicht, der stösst früher oder später auf Widersprüche. Nicht selten gelten im Kanton Zürich andere Alterslimiten und Empfehlungen als in den Nachbarkantonen; auch auf DVDs sind die Empfehlungen oft anders als im Kino.

Das Fernsehen wiederum blendet nur in Ausnahmefällen eine Warnung ein, wenn ein Film harte Gewalt- oder Sexszenen enthält. Gar nicht zu reden vom Internet, wo Kinder ohne jegliche Warnung oder gar Altersschranke verstörende Aufnahmen sehen können.

National einheitliche Alterslimiten

Grund für die verwirrende Lage ist ein veraltetes Gesetz. Es stammt aus dem Jahr 1971 – aus einer Zeit, als noch keine eidgenössische Regelung existierte und die Branche selbst noch keine Altersempfehlungen abgab. Damals mussten Kinos jeden einzelnen Film anmelden, den sie Kindern unter 16 zu zeigen gedachten; Filmsachverständige legten daraufhin das Alterslimit fest.

Damit soll nun Schluss sein. Der Kantonsrat hat sich für eine neue Regelung ausgesprochen. Sie soll national einheitliche Alterslimiten ermöglichen, und zwar auch für Games. Hier gab es bislang keine verbindlichen Vorgaben.

Keine Regel ist keine Lösung

Künftig sind die Alterslimiten im Kino ebenso wie beim Kauf von DVDs und Computergames verbindlich. Wie die anderen Kantone übernimmt Zürich neu die Empfehlungen der Schweizerischen Kommission Jugendschutz; bei Games stützt er sich auf die Angaben der Branche, etwa auf die FSK (freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in Deutschland). Dabei gilt dieselbe Regelung wie beim Alkohol: Strafbar macht sich nicht der Jugendliche, der die Limite missachtet, sondern das Kino oder der Händler.

So weit, so unumstritten im Kantonsrat. Dass es sinnvoll ist, Kinder und Jugendliche vor verstörenden Bildern zu schützen, das sahen alle Parlamentarier ein. Selbst Bruno Amacker (SVP, Zürich), wehrte sich nicht grundsätzlich, auch wenn er fand, hier liege ein gutes Beispiel dafür vor, «wie gesetzgeberische Arbeit in die Hosen gehen kann». Denn es gehe hier um etwas völlig Exotisches, das in Zeiten des Streaming am Aussterben sei: DVDs und Sexkinos.

«Es ist absurd, wenn ein 14-Jähriger zwar keine Sex-DVD im Onlinehandel bestellen kann, aber denselben Film ohne Einschränkungen streamen darf.»Rafael Steiner, 
SP-Kantonsrat Winterthur

Andere Parlamentarier formulierten es nicht so drastisch, aber auch sie sprachen den grundsätzlichen Widerspruch an, den das neue Gesetz enthält: Es regelt nur den Zugang zu Kinos und den Verkauf von Games und Filmen, nicht aber den Zugang via Internet. «Keine Regelung ist aber auch keine Lösung», fand Michael Biber (FDP, Bachenbülach). Barbara Schaffner (GLP, Otelfingen) erinnerte daran, dass Alterslimiten für Eltern eine hilfreiche Einordnung seien, auch wenn viele Games und Filme im Netz frei zugänglich seien. Ähnlich argumentierte Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP): «Es wäre ein falsches Signal, auf den Jugendschutz zu verzichten.»

Dennoch war die SP die einzige Fraktion, die diesen Widerspruch ausräumen wollte. Rafael Steiner (Winterthur) schlug vor, die Alterslimiten auch auf Film-Streaming sowie auf Onlinegames auszudehnen: «Es ist absurd, wenn ein 14-Jähriger zwar keine Sex-DVD im Onlinehandel bestellen kann, aber denselben Film ohne Einschränkungen streamen darf.» Michael Biber hielt dem entgegen, das Internet sei wie das Fernsehen Bundessache, der Kanton dürfe hier gar nichts regeln. Steiners Antrag scheiterte mit 124:39 Stimmen.

Sanktionen nicht Hauptziel

Stellt sich die Frage, wie der Kanton kontrolliert, ob Kinos und Händler die Alterslimiten einhalten. Der Regierungsrat wollte zu diesem Zweck Testkäufe und -eintritte ins Gesetz aufnehmen, ähnlich wie beim Alkohol, wo sich dieses Vorgehen seit Jahren bewährt. Doch die Ratsmehrheit sah das anders; Sanktionen seien nicht das Hauptziel des Gesetzes. Der Paragraf wurde mit 109 zu 54 Stimmen abgelehnt.

Dafür sprachen sich nur SP, EVP, CVP und ein Teil der Grünen aus. «Wenn Testkäufe nicht möglich sind, wie soll die Polizei prüfen, ob das Gesetz eingehalten wird?», fragte Daniel Heierli (Grüne, Zürich).

Michael Biber, Polizist von Beruf, entgegnete, Testkäufe seien im Polizeigesetz geregelt und wenn nötig durchaus möglich. Im Filmgesetz brauche es dafür keinen eigenen Paragrafen. Für SVP und AL wiederum sind Testkäufe grundsätzlich Unfug. Bruno Amacker sagte: «Es ist erbärmlich, wenn der Staat seinen Bürgern Fallen stellt.»

Das Gesetz geht nun in die Redaktionslesung; die Schlussabstimmung in rund vier Wochen dürfte allerdings nur noch Formsache sein.

Erstellt: 11.09.2018, 10:06 Uhr

Artikel zum Thema

Cannabis-Besitz für Junge: Justiz ist sich völlig uneinig

Dürfen Jugendliche eine geringe Menge Cannabis zum Eigenkonsum besitzen? Ja, sagt das Zürcher Obergericht. Nein, sagt die Jugendanwaltschaft. Mehr...

Keine Busse für Alkoholverkauf an Jugendliche

Im Kanton Zürich dürfen ab nächstem Jahr Jugendliche für Alkohol- oder Tabaktestkäufe eingesetzt werden. Gebüsst werden die Verkäufer bei Verstössen aber nicht, bestätigt das Zürcher Obergericht. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Genuss und Freude schenken

Schenken Sie Ihren Freunden Hochgenuss in Form eines FINE TO DINE Gutscheins für über 130 Schweizer Restaurants.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Negativzinsen, unser notwendiges Übel

Von Kopf bis Fuss So wichtig ist Vitamin D

Die Welt in Bildern

Feueralarm: Ein Lufttanker lässt Flammschutzmittel auf die Brände in den Gospers Mountains in New South Wales fallen. Durch die hohen Temperaturen und starke Winde ist in Australien die Gefahr von Buschfeuer momentan allgegenwärtig. (15. November 2019)
(Bild: Dean Lewins) Mehr...