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Kampf gegen das tote Herz

Die drittgrösste Stadt des Kantons scheitert seit Jahren beim Versuch, das lieblose Zentrum zu beleben. Die Vergangenheit lastet wie ein Fluch auf Uster. Nun wagt das Wirtschaftsforum den grossen Befreiungsschlag.

Die Stadt Uster tut sich seit Jahren schwer, ein attraktives Zentrum zu gestalten. Der letzte Versuch, den Kern mit der «Skyline» zu beleben, scheiterte. Die Plätze zwischen den Hochhäusern neben dem Bahnhof dienen als Durchgang – für mehr nicht. Wie das Wirtschaftsforum Uster mitteilt, entwickeln sich der Detailhandel und die Gastronomie unterdurchschnittlich.

Das Forum hat darum im Mai 2011 einen Kredit gesprochen, um mit einem Konzept die Situation zu analysieren und Vorschläge auszuarbeiten (siehe Bildstrecke). Die Ideen seien konkret, der Weg dorthin aber lange und «vermutlich steinig», schreibt die wirtschaftliche Vereinigung. «Das Forum glaubt an die Machbarkeit des neuen, attraktiven Zentrums und ist bereit, sich dafür zu engagieren», heisst es in der Mitteilung.

Die Gründe, warum die drittgrösste Stadt des Kantons ihr Zentrum nicht beleben kann, sind historisch bedingt. Die einstige Industriehochburg ist geprägt von den Arealen, auf denen Fabriken und die dazugehörigen Arbeiter- und Kosthäuser standen. Um sie herum hat sich Uster entwickelt. Heute noch prägen sie das Stadtleben: Ihre Umnutzung schafft soziale Inseln, abseits vom eigentlichen Zentrum Usters.

500 Menschen auf dem Zellweger-Areal

Beispielsweise entsteht auf dem einstigen Land des Spinnereikönigs Heinrich Kunz ein regelrechtes neues Quartier. Mehr als 1000 neue Arbeitsplätze wollen die Planer auf dem im Jahr 1824 entstandenen Zellweger-Areal schaffen. Daneben werden ab Sommer 2012 an die 500 Menschen die rund 200 Wohnungen um die neugestaltete Parkanlage beziehen.

Das Gelände soll im sozialen und kulturellen Leben der Stadt Uster eine Protagonistenrolle einnehmen. Damit wiederholt sich die Geschichte: Während der Blütezeit der Ustermer Industrie beherbergte das Zellweger-Areal an die 5000 Arbeitsplätze und war damit massgebend an der Entwicklung der Stadt beteiligt. In den letzten Jahrzehnten verwaiste es zusehends.

Der «Fabrik-Satan»

Ähnlich erging es dem Trümpler-Areal am Eingang der Stadt. Rückblende: Das Volk hungert. Heimarbeiter fürchten um ihre Existenz. Die mechanischen Webstühle bedrohen ihre Arbeit. Ihre Wut schwelt. In einer Petition machen die Oberländer deutlich: «Wir fordern also die Hinterhaltung der mechanischen Webereien (…) und fragen gar nicht, ob sich solches mit den Grundsätzen der Staatsklugheit oder Politik vertrage oder nicht, sondern wir fordern es auf moralische Grundsätze und allgemeinen Volkswillen gestützt.»

Die Obrigkeit hat für sie aber kein Gehör. Am 22. November 1832 schreiten sie zur Tat und setzen den «Fabrik-Satan» von Corrodi und Pfister in Flammen. Die Fabrikarbeiter versuchen mit glühenden Eisenstangen aus der Schmiede die Angreifer in Schach zu halten – vergeblich. Ebenso hilflos ist die Feuerwehr, die Weberei fällt den Flammen zum Opfer.

Perlen dem Abach entlang

Mit dem «Brand von Uster» schreibt das heutige Trümpler-Areal am Ortseingang Schweizer Geschichte. Pfarrer Wermüller in Uster schimpft den Protest eine «unerhörte Gräueltat». Sie habe Hunderte arbeitsamer Menschen ihres Unterhalts beraubt. Die Maschinenstürmer wurden verhaftet, ein Teil des Oberlandes militärisch besetzt, die Fabrik wieder aufgebaut. Die Flammen hatten zwar das Fabrikgebäude zerstört, sie vermochten der Industrialisierung aber keinen Einhalt zu gebieten.

Die Gründungswelle der mechanischen Baumwollspinnereien, die in den Jahren um 1815 ihren Anfang genommen hat, verändert das gesellschaftliche Leben von Uster. Die Fabrikbetriebe der ländlichen Oberschicht prägen das Ortsbild. Sie sind Statussymbol, Arbeitsstätte und Lebensraum zugleich. Neben dem Industriegebäude erstellen die Fabrikanten Lager, Werkstätten, Villen, Pärke und Arbeiterhäuser. Entlang des Abachs reihen sich einer Perlenkette gleich kleine Siedlungen.

Kampf gegen das Image einer Schlafstadt

Das ist Geschichte: Die Spinnerei Trümpler stellte 1994 ihre Produktion ein und entliess die letzten Mitarbeiter. Die Investition in eine moderne Spinnanlage hatte dem Betrieb den Todesstoss verpasst. Die Verantwortlichen beschlossen damals den «geordneten Ausstieg» des ältesten Ustermer Industriebetriebes. Der damalige Stadtpräsident Hans Thalmann sagte nach der Schliessung, Uster sei längst kein Fabriken- und Arbeiterdorf mehr. Das Fehlen von Arbeitsplätzen (8000 bei 26'000 Einwohnern) werde immer markanter.

Das Ende der Blütezeit der Textilindustrie hinterlässt in Uster Spuren: Ende 2010 zählte die drittgrösste Stadt des Kantons 32'285 Einwohner und 13'840 Personen, die in Uster einer Arbeit nachgingen (Statistisches Amt des Kantons Zürich 2008). Im Vergleich: Im benachbarten Wetzikon leben 22'081 Menschen, und 10'868?Personen arbeiten in der Gemeinde. Uster hat die Schliessung der grossen Industriebetriebe nie überwunden und kämpft gegen das Image einer Schlafstadt.

Ein lang gezogener Kern

Heute hungern die Bürger von Uster nach einem bevölkerten Kern, der zum Verweilen einlädt. Politik und Wirtschaft nahmen etliche planerische Anläufe. Sie haben bisher versagt. Es scheint, als ob das geschichtliche Wachstum der Stadt das Unterfangen, ein künstliches Zentrum zu schaffen, verunmöglicht.

Damit erinnern die Zeitzeugen nicht nur an die Entwicklung der Stadt, sie sind heute noch massgebend daran beteiligt. Während der Industrialisierung liessen sie längs dem Abach kleine Dörfer entstehen. Diese mauserten sich zu Aussenwachten, in denen die Menschen gemeinsam lebten und sich organisierten.

Und wenn auch keine Fabrikantenfamilien die Zügel in der Hand halten, nehmen die Bauten heute wieder eine Protagonistenrolle in der Stadtentwicklung ein. Sie sind der rote Faden durch die Stadt und durch ihre Geschichte. Einem lang gezogenem Zentrum gleich. Denn die einstigen Industriegebäude und die angrenzenden Erweiterungsbauten beherbergen inzwischen zahlreiche Wohnungen. Diese Ballungen prägen das soziokulturelle Leben der Stadt entlang des Abachs.

Wohnen in der Fabrik

Ein Beispiel dafür ist die Überbauung Arche Nova bei der einstigen Brauerei. 1982 wurde die Spinnerei Bühler-Heusser-Staub stillgelegt. 1986 genehmigten die Behörden die Umzonung des Areals in eine Wohnzone. Die Architekten liessen die Tragkonstruktion der einstigen Fabrikhalle stehen, schnitten die Stirnfassade auf, deckten die mittlere Dachpartie der Produktionshalle ab – so entstanden zwei Häuserreihen mit je gut zwei Dutzend Einheiten. Und dazwischen erheben sich die Träger und schaffen einen imposanten Innenhof.

Im Lot heisst eine weitere Wohnsiedlung. Ihr Herzstück sind die Gebäude der stillgelegten Baumwollspinnerei am Rande des Stadtparks, hinzu kamen zwei Neubauten. Die Turbinenhalle beherbergt einen Gemeinschaftsraum, im einstigen Fabrikkanal planschen heute Kinder.

Charakterzug der Stadt

Der Trend dieser Umnutzungen setzt sich heute noch fort, wie die Bauarbeiten auf dem Zellweger-Areal zeigen. Usters Stadtplaner Walter Ulmann ist über die Entwicklung der Industriebauten erfreut. Während einst die Textilindustrie die Stadt charakterisierte, täten dies nun die umgenutzten Fabrikgebäude. «Das Fabrikensemble schafft jetzt ein städtisches Ambiente.»

Trotzdem ist die Stadt gefordert. Die Politik tut gut daran, die Zügel der Zentrumsplanung fest in der Hand zu halten. Die zahlreichen Umnutzungen von Industriearealen macht Uster zwar attraktiver – als Schlafstadt. Um diesen Trend entgegen zu wirken, muss ein belebtes Zentrum entstehen, in dem Menschen arbeiten, leben und verweilen wollen.

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