Grundeinkommen-Test: Riesiges Interesse in Rheinau

Die Bewohner der Gemeinde entscheiden bald, ob sie das Experiment wagen wollen. Erst mal muss eine grössere Halle her.

Rheinaus Einwohner sagten im Juni, was sie vom Grundeinkommen-Experiment halten – und ob sie mitmachen wollen. Video: Tamedia

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Gemeindepräsident Andreas Jenni (SP) hat im Moment ein Problem. Er will für Freitagabend einen noch grösseren Saal im Dorf finden als den grössten, den Rheinau eigentlich hat. Denn Jenni erwartet einen Ansturm von Rheinauerinnen und Rheinauern.

Sie alle werden am 31. August kommen, um sich zu informieren, was es mit dem Experiment des bedingungslosen Grundeinkommens genau auf sich hat. «Das Interesse im Dorf ist riesig», sagt Jenni. Der grösste Saal im Dorf hat Platz für 400 Leute. Jenni bereitet sich aber für ein Szenario mit rund 500 Interessierten vor.

Experiment startet im Januar

Abweisen will der Gemeindepräsident niemanden, der an der Informationsveranstaltung teilnehmen möchte – zumindest nicht Leute aus dem Dorf. Sie sollen sich im Lauf des Septembers entscheiden, ob sie beim bedingungslosen Grundeinkommen mitmachen wollen, ein Jahr lang, ab dem ersten Januar 2019. Dafür müssen sie sich in den nächsten Tagen anmelden, was bisher noch nicht möglich war.

Hinter der Idee steckt eine Gruppe um die Filmerin Rebecca Panian. Sie will in Rheinau testen, wie eine Gemeinschaft funktionieren könnte, in der man monatlich einen Betrag erhält, für den man nicht im herkömmlichen Sinn gearbeitet hat und für den man auch keine Rechenschaft schuldig ist. Panian würde während des Jahres einen Dokumentarfilm zum Experiment drehen. Zudem würde es von Wissenschaftlern begleitet und die Ergebnisse anschliessend ausgewertet – falls das Ganze zustande kommt.

Die Meinungen sind noch nicht gemacht

Ihre Pläne haben Jenni und Panian Anfang Juni an der Gemeindeversammlung öffentlich gemacht. Seither sei das bedingungslose Grundeinkommen im Dorf ein viel diskutiertes Thema, sagt Jenni. Die Meinungen seien aber noch nicht gemacht.

Video – So funktioniert das bedingungslose Grundeinkommen

Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Experiment. Video: Tamedia/Explain-it.ch

Ob das Experiment durchgeführt wird, ist zurzeit offen. Zuerst müssen sich genügend Rheinauerinnen und Rheinauer anmelden. Laut Panian sollte ungefähr die Hälfte des Dorfes mitmachen. Das wären 650 der 1300 Einwohnerinnen und Einwohner. Im Herbst müssen dann über ein Crowdfunding, über Sponsoren und Stiftungen drei bis fünf Millionen Franken gesammelt werden können, damit überhaupt genügend Geld vorhanden ist. Die Gemeindekasse soll nicht belastet werden.

Gemeindepräsident ist zuversichtlich

Wer mitmacht und älter als 25 Jahre ist, soll im Monat 2500 Franken erhalten. Für Kinder unter 18 Jahren erhalten die Eltern 625 Franken im Monat, für 18- bis 25-Jährige gibt es abgestufte Beiträge. Allerdings ist der Betrag nicht zusätzlich zum Einkommen gedacht. Wer arbeitet und mehr verdient, muss das Geld zurück überweisen.

Das, sagt Jenni, habe auch einige Fragen ausgelöst. Viele hätten gesagt, sie bräuchten das gar nicht, sie verdienten und machten ihre Arbeit gerne. Diesen erklärt Jenni jeweils, sie könnten Anfang Jahr einfach einen Dauerauftrag einrichten und das Geld zurückschicken. Aber für das Experiment sei es wichtig, dass unterschiedliche Menschen mitmachen. Gemeindepräsident Jenni wird sich auf jeden Fall fürs Experiment anmelden – und er ist zuversichtlich, dass es zustande kommt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2018, 09:10 Uhr

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