Kantonsrat spricht sich für Jokertage am Gymnasium aus

Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Zürcher Unterland haben einen Erfolg errungen: Ihre Einzelinitiative für Jokertage am Gymnasium hat die erste Hürde genommen.

Sie dürfen womöglich bald Jokertage geniessen: Schüler des Stadtzürcher Gymnasiums Rämibühl. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Sie dürfen womöglich bald Jokertage geniessen: Schüler des Stadtzürcher Gymnasiums Rämibühl. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Was im Frühjahr als Semesterkurs zum Thema «Kampagnen» an der Kantonsschule Zürcher Unterland (KZU) in Bülach entstanden ist, hat gestern den Kantonsrat beschäftigt: die Frage, ob an den Gymnasien im Kanton Zürich Jokertage eingeführt werden sollen. 14 KZU-Schülerinnen und -Schüler setzen sich dafür ein. Sie haben eine Petition im ­Internet lanciert, die mittlerweile von 1000 Personen unterschrieben worden ist. Und sie haben einen Weg gefunden, ihr Anliegen im Kantonsrat einzubringen: Ihr Lehrer hat eine Einzelinitiative eingereicht.

Gestern hat das Begehren eine erste Hürde genommen: 108 Parlamentarier haben es vorläufig unterstützt. Und das, obwohl sich die Mittelschulleiterkonferenz dagegen ausgesprochen hatte. Damit stehen die Chancen gut, dass der Vorstoss definitiv eine Mehrheit findet und vors Volk kommt.

An der Volksschule sind die Jokertage seit acht Jahren Realität. Zweimal im Jahr dürfen die Kinder ohne Begründung dem Unterricht fern bleiben – einzig wenn Prüfungen oder besondere Schulanlässe anstehen, sind Jokertage nicht erlaubt. An den Zürcher Gymnasien gab es diese Regel bisher nicht. Das sei nicht einzusehen, fanden die Befürworter im Kantonsrat. Christoph Ziegler (GLP, Elgg), selbst Sekundarlehrer, gab offen zu, im Grunde kein Fan von Jokertagen zu sein: «Manchmal stehe ich vor den Sommerferien vor arg dezimierten Klassen.» Er müsse aber auch eingestehen, dass die meisten Schülerinnen und Schüler die Jokertage sinn- und verantwortungsvoll einsetzten. Seiner Meinung nach ist die Diskussion ohnehin ­gelaufen: «Sie wurde vor acht Jahren mit der Revision des Volksschulgesetzes geführt. Das Volk hat dazu Ja gesagt.» Jetzt gelte es, den Gymischülern die gleichen Rechte zuzugestehen.

Etliche Kantonsrätinnen und Kantonsräte zeigten sich in der Debatte beeindruckt vom Engagement der KZU-Schüler. «Sie haben gezeigt, dass sie mündige Bürger sind», fand Sylvie Matter (SP, Zürich). «Aber es geht nicht nur darum, sie für ihren Einsatz zu belohnen. Sie haben auch gute Argumente.» Jokertage förderten und forderten Eigenverantwortung, sagte Matter, müssten die Schüler doch jeweils überlegen, ob sie es sich leisten könnten, an einem bestimmten Tag zu fehlen. Astrid Furrer (FDP, Wädenswil) ergänzte, diese Eigenverantwortung könne man Mittelschülern zugestehen: «Wir gestehen sie ja auch Volksschülern zu.»

Hanspeter Hugentobler (EVP, Pfäffikon) fragte seine Ratskollegen aus SVP und BDP, die sich gegen die Initiative aussprachen: «Wann haben Sie zum letzten Mal unter der Woche einen Tag frei gemacht und sich danach gefühlt, als hätten Sie eine Woche Ferien gehabt? Warum wollen Sie diese Oase anderen nicht gönnen?» Jokertage seien eine liberale und einfache Lösung.

Kein Gehör fand das Argument der Schulleiter, Jokertage führten zu mehr Aufwand in der Schuladministration. Moritz Spillmann (SP, Ottenbach), der an einem Gymi im Kanton Aargau unterrichtet, das seit Jahren Jokertage kennt, erzählte aus Erfahrung: «Das macht nun wirklich keinen Aufwand.»

«Kein Spiel mehr»

Noch im Juni hatte auch SVP-Fraktionspräsident Jürg Trachsel (Richterswil) «persönliche Sympathie» für das Anliegen gezeigt – gestern aber verweigerte die SVP zusammen mit der BDP der Initiative die Unterstützung. Matthias Hauser (Hüntwangen), ebenfalls Seklehrer, hielt ein flammendes Plädoyer dagegen. Die Jugendlichen von der KZU hätten ihr Anliegen zwar gut präsentiert, sagte er, aber sie hätten keine materiellen Argumente: «Das hier ist kein Spiel mehr. Das ist ein Antrag, der Folgen für den ganzen Kanton Zürich hat. Wir setzen ein falsches Signal, wenn wir sagen, hey, deine Freizeit ist wichtiger als die Schule.» Es werde mit Sicherheit Schüler geben, welche die Jokertage bis zum Letzten ausreizten, und das gelte es zu verhindern: «Mittelschullehrer haben auch einen Erziehungsauftrag.»

Bei wichtigen Anlässen könnten Schüler einen Dispens beantragen – diese Regelung sei gefährdet, wenn Jokertage eingeführt würden: «Dann werden einfach die Dispense strenger gehandhabt.» Überdies falle der Unterricht an den Mittelschulen oft genug aus. Hauser verwies zudem auf die Berufsschulen, die auch keine Jokertage kennen. Stefan Hunger (BDP, Mönchaltorf) sagte, seine Fraktion könne mit oder ohne Jokertage leben, finde die zusätzlichen freien Tage allerdings unnötig.

Die Initiative geht nun für einen Bericht und Antrag an den Regierungsrat, dann entscheidet der Kantonsrat über eine definitive Unterstützung. Sagt er Ja, stimmt das Volk darüber ab.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2015, 23:02 Uhr

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