Karl’s kühne Gassenschau fliegt und feuerwerkt wieder

Die erfolgreichste Gauklertruppe der Schweiz baut auf einem Acker bei Winterthur die Bühne für ihr neues Spektakel. Noch ist die Brache so mysteriös wie das Stück.

Das Team von Karl's kühne Gassenschau mit einem Modell der Bühne für das aktuelle Programm. Foto: Doris Fanconi

Das Team von Karl's kühne Gassenschau mit einem Modell der Bühne für das aktuelle Programm. Foto: Doris Fanconi

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Früher, im Sommer 1984, jonglierten und improvisierten vier junge Artisten an der Zürcher Seepromenade mit Bällen, hatten einen Koffer als einzige Requisite, tanzten auf dem Seil und machten Handstände. Ihren Lohn sammelten sie mit dem Hut. Heute jongliert Karl’s kühne Gassenschau mit eindrücklichen Zahlen. Sie verbaut 200 Tonnen Stahl, 5 Millionen Franken beträgt das Budget für das neuste Stück. «Vor unserer Kühnheit wird uns selbst bange», sagt Mitbegründer Paul Weilenmann.

Doch kaum ein Unternehmen kann so zuversichtlich und exakt budgetieren wie die Gassenschau – die mit Ernesto Graf erst noch einen Doktor der Mathematik in ihren Reihen hat: 1400 Zuschauer jeden Abend bis in den Herbst hinein sind praktisch garantiert. 580'000 Fans besuchten das letzte Spektakel «Fabrikk», das fünf Jahre lang gespielt wurde – zwei in Winterthur, zwei in Olten und ein Jahr in der Westschweiz.

Gestern Montag lud die Truppe zum Baustellenbesuch ins Oberwinterthurer Industriequartier. Diese Brache ist so mysteriös, wie es das neue Stück noch ist. Zwischen serbelnden Sulzer-Produktionsstätten, neuen Betrieben und der Eisenbahnlinie liegt ein wüster Acker. Darauf stehen ein Dutzend Wohnwagen, zwei Kräne und ein paar grosse Zelte, in denen geschweisst und gehämmert wird – vor allem aber klafft eine turnhallengrosse Grube im Boden. Markus Heller, gelernter Orgelbauer und heute Stuntkoordinator, Oberbastler, Feuerwerker und technischer Gesamtleiter, zuckt bloss die Schultern. «Mal schauen, was aus dieser Grube wird.»

Höllenmaschinen und Bunker

Brigitt Maag, die mit Paul Weilenmann das Stück und die Dialoge entwirft, sagt es so: «Als Strassenartisten möchten wir möglichst viel improvisieren.» Technikchef Markus Heller dagegen hat bereits vor zwei Jahren mit der Planung von Höllenmaschinen, 50 Meter langen Tunneln, einem Kontrollturm, einem See und ebendiesem geheimnisvollen Bunker samt Seilbahn begonnen. «Es ist wie bei den James-Bond-Filmen», sagt Weilenmann. «Da wird 007 von Waffenmeister Q mit den raffiniertesten Gadgets und Autos ausgestattet – und auch Bond weiss nie, was auf ihn zukommt.»

Was drei Monate vor der Premiere klar ist: Die 22. Produktion in der Geschichte von Karl’s Kühnen heisst «Sektor 1». Wenn Maag und Weilenmann den Inhalt zusammenfassen, tönt es noch ziemlich fantastisch – oder etwa so, wie wenn Kinder am Abend der Mutter von ihren Abenteuern erzählen: wirr, aber voll begeistert. Als kommerziell erfolgreiche Unterhaltungsprofis und Träger des aktuellen Schweizer Theaterpreises kennt die Truppe das Rezept: «Wir wollen ein aktuelles Lebensgefühl beschreiben und die Mehrheit der Schweizer Gesellschaft ansprechen.» Das heisst: mehrheitsfähiges Volkstheater mit Action, wilden Stunts und Tränen der Rührung.

Und ungefähr so geht das Stück: Wegen all der Kriege und Naturkatastrophen stecken immer mehr Leute den Kopf in den Sand; sie werden zugemüllt von schlechten Nachrichten. Deshalb beschliesst die Menschheit, allen Müll in den Orbit zu schiessen und schön sauber mit strengen Regeln und Disziplin neu zu beginnen. Der Sektor 1 ist quasi die VIP-Lounge oder Wohlfühloase der Musterschüler. Doch da beginnt der Orbit zu rinnen, der Müll rieselt zurück, und die Probleme beginnen von neuem.

Das wäre, so erzählt, keine Geschichte, mit der ein Theater irgendeine Seele hinter dem Ofen hervorzulocken vermag. Zumal der dichtgrüne Dschungel aus den Spielzeiten 2006 und 2007 («Silo 8») sowie 11/12 («Fabrikk») auf dem Spielgelände wegen des chinesischen Laubborkenkäfers gerodet werden musste. Doch Habitués sind zuversichtlich: Die Handwerker, Musiker und alle neun Schauspieler der letzten Spektakel sind wieder dabei. «Alle wollten bleiben, niemand ist schwanger», sagt Brigitt Maag, «also haben wir zur Blutauffrischung noch zwei Neue geholt» – Simon Engeli, Autor des Freilichtspektakels im Nationalpark, und die Circus-Monti-Clownin Céline Rey.

Auf dem zukünftigen Theatergelände wuseln bereits über 50 Musiker, Schauspieler und vor allem Handwerker herum. Tieflader kommen an, und Kräne laden tonnenschwere, geheimnisvolle Stahlkonstruktionen aus. In den nächsten Wochen treffen 100 Leute ein – gelernte Bootsbauer, Schweisser, Karbonspezialisten, Statiker, Elektriker, ETH-Laboranten. Viel Stahl aus den letzten Shows wird wiederverwertet. Man erkennt die Container aus dem Altersheim von «Silo 8» oder die Schienen, auf denen die gesamte Schokoladenfabrik Richtung China abtransportiert wurde.

Ein Grosstheater auf dem Acker

Um Verpflegung, Toiletten und Sitzplätze für 1400 Personen bereitzustellen, müssen die Techniker 2,5 Kilometer Wasserleitungen verlegen und Stromanschlüsse für 550 Ampères bereitstellen. Allein 700'000 Franken kostet eine neue Tribüne, die den aktuellen Sicherheitsanforderungen genügt. Und weil die früheren Parkplätze überbaut sind, muss eine Brücke über die Strasse zu einem anderen Feld erstellt werden.

Weitere Informationen und Vorverkauf ab sofort unter www.sektor1.ch.

Erstellt: 14.03.2016, 22:03 Uhr

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