Missstände in Asylzentren: Zürich zieht sich aus Untersuchung zurück

Der Kanton hat sich nachträglich entschieden, nun doch keine Auskunft zu geben. Die Forschungsleitung reagiert irritiert.

Wie sicher sind Migrantinnen in Zürcher Asylzentren? Foto: Urs Jaudas

Wie sicher sind Migrantinnen in Zürcher Asylzentren? Foto: Urs Jaudas

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Diese Woche deckte ein Bericht des Kompetenzzentrums für Menschenrechte erschreckende Zustände in kantonalen Asylzentren auf: Viele Frauen und Mädchen werden dort Opfer von Übergriffen und sexueller Gewalt. Der Bericht hat Einrichtungen in den fünf Kantonen Genf, Bern, Thurgau, Neuenburg und Nidwalden untersucht. Nicht dabei ist Zürich – trotz anfänglicher Zusage.

«Zürich hat sich nachträglich aus der Untersuchung zurückgezogen», heisst es im Bericht. Der Kanton habe zum Zeitpunkt der Befragung den Betrieb der Unterkünfte neu ausgeschrieben, ist als Grund angegeben. Rainer Linsbauer vom Kantonalen Sozialamt bestätigt diese Darstellung auf Anfrage: «Mit der Neuvergabe der Mandate war eine Untersuchung der aktuellen Lage nicht sinnvoll.»

Absage kam sehr spät

Für Forschungsleiterin Tina Büchler ist die Absage bedauerlich: «Zürich wäre für uns wichtig gewesen, unter anderem, weil der Kanton als einer der wenigen grossflächig mit einem privaten Anbieter zusammenarbeitet.» Ausserdem hätten die Forscher gern die Situation in Genf und Zürich verglichen.

Einen Ersatz für Zürich gab es nicht. Weil sich das Kantonale Sozialamt erst spät aus der Befragung zurückgezogen habe, habe die Zeit gefehlt, um Asylzentren in einem anderen Kanton zu befragen.

Die Begründung für die Zürcher Absage kann Büchler zumindest aus wissenschaftlicher Sicht nicht nachvollziehen: «Die Neuausschreibung wäre aus unserer Sicht kein Problem gewesen. Und unser Bericht hätte dem Kanton gerade im Hinblick auf allfällige Betreiberwechsel wertvolle Hinweise für die künftige Gestaltung der Unterbringung geben können.» Im Kanton Bern sei man in einer vergleichbaren Lage gewesen, dort aber war die laufende Neuausschreibung kein Grund, nicht an der Befragung teilzunehmen.

Prekäre Bedingungen?

Rainer Linsbauer hält dem entgegen, mit der Neuvergabe sei zum Beispiel das Gesundheitskonzept stark verbessert worden. Der Kanton Zürich spiele damit, aber auch mit den Angeboten für Gewaltbetroffene und «insgesamt bezüglich der Sensibilität für das Thema» im interkantonalen Vergleich eine Vorreiterrolle. Die Forderungen, welche im Bericht erhoben werden – etwa nach getrennten sanitären Einrichtungen und von innen abschliessbaren Zimmern –, seien in den Zürcher Zentren allesamt erfüllt.

Erstellt: 19.10.2019, 18:52 Uhr

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