«Ich sage nicht, dass Frau Schlatter das nicht kann»

Klima, Kinder und Kompromisse: Marionna Schlatter (Grüne) und Ruedi Noser (FDP) im Doppel-Interview.

Sie kämpfen Seite an Seite um das gleiche Amt: Ruedi Noser und Marionna Schlatter. Fotos: Sabina Bobst

Sie kämpfen Seite an Seite um das gleiche Amt: Ruedi Noser und Marionna Schlatter. Fotos: Sabina Bobst

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Herr Noser, Ihre Konkurrentin ist Neokantonsrätin, Neo­nationalrätin und will nun in den Ständerat: Kann Marionna Schlatter das überhaupt?
Ruedi Noser: Selbstverständlich kann sie das. Alle Zürcherinnen und Zürcher sind wahlberechtigt. Die Frage ist, ob es sinnvoll ist, ein Team, das viel für den Kanton Zürich erreicht hat, auseinanderzureissen.
Marionna Schlatter: Ich bin bereit, mich schnell einzuarbeiten, um schnell etwas in diesem Land zu bewegen.

Herr Noser ist 58 Jahre alt, Millionär, in mindestens 10 Verwaltungsräten, seit 16 Jahren in Bern: ein weisser alter Mann aus dem Bilderbuch. Muss er Platz machen?
Schlatter: Unser Milizsystem verträgt sehr viele Sorten von Menschen. Das ist eine Stärke. Die Stimmbevölkerung muss jetzt wählen, ob sie eher jemand Jüngerer will, eine neue unabhängige Kraft mit Blick von aussen, welche die Themen verkörpert, die gerade aktuell sind: Frauen und Klima.
Noser: Der weisse alte Mann ist eine unheimlich klischeehafte Beschreibung. Ich hatte das Glück, nach meiner Berufslehre ein Ingenieurstudium zu machen, eine Firma zu gründen und heute 600 Mitarbeiter zu führen. Mein Vermögen steckt in meiner Firma. Daneben habe ich nicht viel. Ich bin nicht in erster Linie Millionär, sondern Steuerzahler und Unternehmer, der Arbeitsplätze sichert.

Ist Marionna Schlatter eine Einthemenpolitikerin, die nebst dem Klima wichtige Bereiche ausblendet?
Noser: Für Zürich gibt es viele andere wichtige Themen: Medienplatz, Finanzplatz, Denkplatz, Hunderttausende Arbeitsplätze, die weiterentwickelt werden müssen. Das Spektrum ist gross. Ich sage aber nicht, dass Frau Schlatter das nicht kann.
Schlatter: Selbstverständlich habe ich auch eine Haltung zu anderen Themen. Wer mich wählt, kann aber sicher sein, dass die Umwelt auf meiner Prioritätenliste ganz oben steht. Da geht es nicht nur ums Klima, sondern auch um die Energiewende und die Landwirtschaftspolitik.


«Es ist eine unbewiesene These, dass die Marktwirtschaft das Klimaproblem nicht lösen kann», argumentiert Ruedi Noser.

Frau Schlatter, Ruedi Noser hat mehrere Verwaltungsratssitze in der Finanzindustrie. Müsste er sich stärker für eine klimafreundliche Finanzbranche einsetzen?
Schlatter: Ich weiss nicht, wie gross Herr Nosers Einfluss ist. Die ganze Schweiz müsste die Finanzwirtschaft in die Pflicht nehmen. Diese muss aufhören, in klimaschädliche Anlagen zu investieren.
Noser: Ich will unabhängig von meinen Verpflichtungen argumentieren.

Können Sie das?
Noser: Problemlos. Gegen klimaschädliche Investitionen kann man zwei Dinge tun. Erstens, regulieren und Verbote aufstellen. Das ist kompliziert, da müssen wir auch auf die EU schauen. Oder das Gewünschte fördern, wie beim Solarstrom. Ich habe gerade einen Vorstoss eingereicht, um grüne Anlagen von der Stempelsteuer zu befreien. Damit würden wir solche Investitionen und einen grünen Finanzplatz pushen. Neue Arbeitsplätze entstünden, und das Klima wird verbessert.
Schlatter: Fördern heisst für Herrn Noser, neue Privilegien für Unternehmen zu schaffen. Ich glaube nicht, dass ein grosser Teil der Bevölkerung von diesem Ansatz profitiert. Ich würde lieber beispielsweise den ÖV deutlich ausbauen, statt neue Steuerprivilegien zu schaffen.

«Die neoliberale Marktlogik hat uns die Umweltprobleme eingebrockt.»Marionna Schlatter

Ihre Konkurrentin verknüpft Klimaschutz mit Wachstumskritik. Führt das direkt in die Armut, Herr Noser?
Noser: Wir werden künftig neun Milliarden Menschen auf der Welt haben. Sie sollen in Anstand und Wohlstand leben, ohne ihre Lebensgrundlagen oder das Klima zu ruinieren. Das ist eine Herausforderung für Innovation und Forschung. Das gibt ganz viele neue Geschäftsmöglichkeiten. Der Weg zurück in die Steinzeit funktioniert nicht.

Wollen Sie mit Ihrem Systemwandel zurück in das Holozän, Frau Schlatter?
Schlatter: Was ich will, ist eine Kreislaufwirtschaft. Wir müssen weg von einer Profitlogik, die nur dank der Ausbeutung der Schwachen und der Natur funktioniert. Wir brauchen eine ­Wirtschaft, welche die vorhandenen Ressourcen in einem Kreislauf nutzt. Darin besteht der System-Change. Die neoliberale Marktlogik hat uns die Umweltprobleme eingebrockt, mit denen wir kämpfen. Sie hilft uns jetzt nicht weiter.
Noser: Es ist eine unbewiesene These, dass die Marktwirtschaft das Klimaproblem nicht lösen kann. Ich war kürzlich bei einer Firma in Zürich, die erfolgreich Mikrogreens herstellt. Die wird weiterwachsen. Sollen wir das verbieten?
Schlatter: Nein, den Kapitalismus abzuschaffen, ist kein Thema. Es geht darum, das Wachstum umzulenken. Die Firmen, die sich umweltfreundlich verhalten, haben heute einen Nachteil auf dem Markt. Das muss sich ändern.

Die Klimajugend skandierte: «FDP = Fuck dä Planet.» Stimmen Sie zu, Frau Schlatter?
Schlatter: Nach dem Debakel des CO2-Gesetzes vor einem Jahr war diese Kritik gerechtfertigt. Jetzt findet ein Umdenken statt. Aber mir reicht Herr Nosers Ziel von netto null CO2 bis 2050 nicht. Als hoch entwickeltes Industrieland hat die Schweiz die Pflicht, mehr zu tun als andere. Wir verfügen auch über die nötigen Mittel. Das ist Klimagerechtigkeit.
Noser: Falsch wäre, wenn man in übertriebener Hektik nur die Schweiz anschaute. Hier Infrastrukturen und unseren Wohlstand kaputt zu machen, nützt dem Weltklima nichts.
Schlatter: Wenn unsere Lebensgrundlagen zerstört sind, dann nützt aller Wohlstand nichts mehr. 2018 gab es 18 Hitzetage, der Einfluss auf die Wälder und die Ernten war fatal. Wenn wir so weitermachen, hätten wir schon 2030 das Doppelte an Hitzetagen, also knapp 40. Unsere Landwirtschaft wäre dann massiv beeinträchtigt.
Noser: Auch wenn die Schweiz bis 2030 auf netto null ist, werden wir 40 Hitzetage haben. Entscheidend ist das Welt-CO2. Daher lautet die wichtigste Frage: Was ist der Beitrag der Schweiz zu dessen Senkung? Als Innovations- und Forschungsweltmeister können wir da viel leisten.


«Wir müssen faire Lösungen finden, die auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land berücksichtigen.»: Marionna Schlatter artikuliert und argumentiert.

Frau Schlatter möchte Benzin und Flugtickets stark verteuern. Gleichzeitig will sie die Einkommen umverteilen. Ist das widersprüchlich, Herr Noser?
Noser: Nein, die Lenkungsab­gaben sollen auch für sozialen Ausgleich sorgen.
Schlatter: Ohne Rückverteilung an die weniger Verdienenden ­findet die CO2-Abgabe keine Mehrheit. Ich will kein «gilets jaunes»-Problem.
Noser: Lenkungsabgaben verhindern eine Aufblähung des Staates. Ob sie das Verhalten der Menschen ändern, hängt von der Höhe der Abgabe ab. Wer in ­Bauma wohnt und in Zürich arbeitet, muss pendeln. Das wird durch eine Lenkungsabgabe nicht anders. Besser als eine grosse Umverteilungsmaschinerie ist, möglichst schnell in CO2-neutralen Verkehr zu investieren.

Frau Schlatter, Sie wohnen auf dem Land und fahren ein Elektroauto. Muss das wirklich sein?
Schlatter: Das Leben ist ein Kompromiss. Unsere ländliche Besiedlung der letzten Jahrzehnte ist so angelegt, dass man ein Auto braucht. Ich will Autos nicht verbieten. Wir müssen faire Lösungen finden, die auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land berücksichtigen.

Die Einwohnerinnen der Stadt müssten eine höhere CO2-Steuer zahlen?
Noser: Es gibt auch in Zürich viele Pendler, die aufs Auto angewiesen sind. Solche Ansätze werden sofort sehr kompliziert.
Schlatter: Man muss bei einer CO2-Steuer berücksichtigen, dass viele Leute ihr Leben nicht einfach umstellen können. Wenn beispielsweise einer Familie das Geld fehlt, um ihr Haus energetisch zu sanieren. Über die Rückverteilung könnten solche Massnahmen finanziert werden.

«Wir haben ein Schulsystem, das erwartet, dass stets jemand zu Hause ist.»Ruedi Noser

Frau Schlatter, Ständerat Noser lehnt den Vaterschaftsurlaub ab, obwohl er fünf Kinder hat. Wird so je Gleichberechtigung herrschen?
Noser: Halt, halt. Ich bin nicht gegen den Vaterschaftsurlaub.

Auf Smartvote schon.
Noser: Wie meine Partei befürworte ich einen Elternurlaub: acht Wochen Pflichtferien für Frauen, weitere acht Wochen, bei denen das Paar bestimmen kann, wer zu Hause bleibt.
Schlatter: Das Konzept der Elternzeit teile ich. Aber acht und acht Wochen reichen nicht. Wir Grünen wollen insgesamt 28 Wochen. Und der Mann wäre verpflichtet, einen Teil dieser Zeit auf das Kind aufzupassen.
Noser: Diesen Zwang lehne ich ab. Das sollten Paare unter sich ausmachen. Der Staat muss sich nicht einmischen.
Schlatter: Der Staat müsse für die Umsetzung der Gleichberechtigung sorgen, steht in der Verfassung. Wird der Mann nicht gezwungen, zu Hause zu bleiben, bleibt der Druck der Arbeitgeber hoch, dass er es nicht tut.

Leisten Sie einen grösseren Teil der Betreuungsarbeit?
Schlatter: Im Moment schon.

Herr Noser, bei Ihnen sorgt die Frau für die Kinder?
Noser: Ja. Das haben wir so beschlossen.

Hätten Sie den Vaterschaftsurlaub überhaupt eingezogen, wenn es ihn gäbe?
Noser: Das habe ich auf meine Art und Weise bereits getan. Ich arbeite intensiv, dann gönne ich mir längere Auszeiten mit meiner Familie. Ich glaube aber, dass es andere Faktoren sind, welche die Gleichbe­rechtigung stark bremsen. Wir haben ein Schulsystem, das erwartet, dass stets jemand zu Hause ist. Das hindert die Frau am Arbeiten.
Schlatter: Gleichzeitig wehrt sich die Wirtschaft dagegen, dass man die ausserschulische Betreuung ausbaut.
Noser: Falsch. Der Freisinn setzt sich in der Stadt Zürich schon lange für die Tagesschulen ein. Es müsste in Zürich zudem zentralisierte Schulhäuser geben, die alles anbieten: Mittagstische, Krankenzimmer, Turnräume. In Genf hat es solche. Schlatter: Links-Grün blockiert den Ausbau der ausserschulischen Betreuung sicher nicht. Da gibt es viele Probleme, da muss ich Herrn Noser zustimmen. Wenige Eltern können 13 Ferienwochen einziehen oder jeden Mittag um halb zwölf eine lange Pause einlegen.

Sie haben mehrere Podien zusammen bestritten, sehen sich wohl gerade häufiger als Ihre besten Freunde. Kam es vor, dass Sie dachten: «Das war ein interessantes Argument.»
Noser: Der Austausch macht einen immer gescheiter. Ein Nachtessen mit Herr und Frau Schlatter wäre interessant. Sie ist nicht meine Feindin, wir kämpfen bloss um dasselbe Amt.
Schlatter: So ein Wahlkampf verbindet auch, man teilt den Stress. Ich würde ihn gern zu einem Pilzessen einladen.
Noser: Da hätte ich keine Angst.

Erstellt: 07.11.2019, 23:40 Uhr

Ruedi Noser (58)

Ruedi Noser ist Unternehmer im Informatikbereich und seit vier Jahren FDP-Ständerat. Er hat fünf Kinder und lebt in Zürich-West.

Marionna Schlatter (38)

Die Grüne Marionna Schlatter ist Soziologin und Pilzkontrolleurin. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Zürcher Oberland.

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