Sie traten an – und stürmten die Listen

Unsere Analyse zeigt: Bei der Zürcher Kantonsratswahl kletterten viele Frauen die Listenplätze hoch. Sie haben vom Panaschieren profitiert.

«Wir wollen die Gleichberechtigung, wir wollen Chancengleichheit», sagt SP-Politikerin Sarah Akanji. Foto: Nathalie Guinand

«Wir wollen die Gleichberechtigung, wir wollen Chancengleichheit», sagt SP-Politikerin Sarah Akanji. Foto: Nathalie Guinand

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Klimaanliegen lieber ernst nehmen. Frauen ganz einfach aufstellen. Diese zwei Leitsätze führten am letzten Wochenende zum Erfolg. Die Wahl hat gezeigt: Werden Frauen aufgestellt, dann werden sie auch gewählt.

Im Regierungsrat sitzen erstmals seit zwölf Jahren wieder mehr Frauen als Männer. Natalie Rickli verteidigte den zweiten SVP-Sitz, zusammen mit Carmen Walker Späh (FDP), Silvia Steiner (CVP) und Jacqueline Fehr (SP) sind damit neu vier Frauen in der Regierung vertreten.

SVP-Listenstürmerinnen

Im Kantonsrat feiern die Frauen einen historischen Sieg: Ihr Anteil steigt auf 40,6 Prozent. Auch wenn das noch nicht die Bevölkerung abbildet: So hoch war der Frauenanteil noch nie. Und durch die überraschende Wahl von Martin Neukom (Grüne) in den Regierungsrat wird die Quote gleich nochmals ansteigen: Renate Dürr rutscht nach, die Quote klettert auf 41,1 Prozent.

Der Klimarutsch allein reicht als Erklärung nicht aus. Eine Analyse der Zahlen zeigt: 37 Prozent der Kandidatinnen schnitten besser ab als ihr ursprünglicher Listenplatz. Bei den Männern waren es nur 26 Prozent. Es wurden also häufiger Wahlzettel zugunsten von Frauen abgeändert als zugunsten von Männern.

Angie Romero von der FDP sagt, es brauche einen engagierten Wahlkampf um gewählt zu werden. Foto: PD

Bei den Grünen sind die Frauen mit 13 zu 9 sogar in der Mehrheit, und bei den Grünliberalen sind eindrückliche 9 von 10 Neugewählten weiblich. Die GLP stellt neu ein Fraktionsverhältnis von 12 Frauen zu 11 Männern. Auch bei den Sozialdemokraten sind 20 der 35 Sitze von Genossinnen besetzt.

Traditionell sieht es bei den Bürgerlichen etwas anders aus. Nur 10 der insgesamt 45 Sitze der SVP gewinnt eine Frau. Bei der FDP sind es 11 von 29, bei der EDU 1 von 3. Doch trotz Verlusten der Partei befinden sich unter den SVPlerinnen die Königinnen der Listenstürmerinnen. Daniela Rinderknecht aus Bülach trat auf Platz 13 an und schaffte rekordhohe neun Listenränge auf Platz 4: «Ich kann es noch immer nicht ganz glauben», sagt sie. Rinderknecht tippt auf ihre gute Vernetzung bei den Landfrauen und in der Landwirtschaft sowie ihr Engagement in der Gemeinde. Auch politisierte ihre Schwiegermutter bereits für die SVP.

SVP-Politikerin Nina Fehr Düsel setzt sich für Vereinbarkeit ein. Foto: PD

Ganz an die Spitze gesegelt ist auch ihre Parteikollegin Nina Fehr Düsel, der man einen Sitzverlust prognostizierte. Sie kämpfte sich vom fünften auf den ersten Listenplatz: «Ich konnte offensichtlich auch als Person überzeugen. Das freut mich sehr», sagt sie. Die zweifache Mutter, Juristin und Politikerin sagt: «Ich setze mich für Vereinbarkeit ein und lebe sie auch. Das macht mich glaubwürdig.» Eine andere bürgerliche Frau kickte mit ihrem Listensturm sogar FDP-Parteipräsident Hans-Jakob Boesch aus dem Kantonsrat. «Das trübt meinen Erfolg natürlich ein wenig», sagt die neu gewählte FDP-Kantonsrätin Angie Romero. Sie legte in ihrem Wahlkampf einen Akzent auf die Vereinbarkeit von Politik, Beruf und Familie: «Wenn sie wollen, müssen Frauen sich engagieren können. Dazu gehören gewisse Rahmenbedingungen», sagt Romero. Sie habe Gas gegeben: «Ohne einen engagierten Wahlkampf wird keine gewählt.»

Auch bei den Linken gibt es Listenstürmerinnen. Die 25-jährige Sarah Akanji überholte gleich drei Bisherige. Die SP-Politikerin sagt: «Ich nehme einen Umschwung in der Frauenfrage wahr, und das haben nun auch die Wählerinnen und Wähler bezeugt.» Es soll nicht beim Darüberreden bleiben: «Wir wollen die Gleichberechtigung, wir wollen Chancengleichheit.»

Leichter Frauenbonus

Dass so viele Frauen die Wahl schafften, hat in erster Linie einen simplen mechanischen Grund: «Wenn mehr Frauen kandidieren, werden mehr Frauen gewählt», sagt Fabrizio Gilardi, Politikwissenschaftler an der Uni Zürich. Die Parteien hätten sich offensichtlich mehr Mühe gegeben, Frauen zu finden, und mehr Frauen seien interessiert, sich aufstellen zu lassen. «Auch Kampagnen wie ‹Helvetia ruft!› könnten eine Wirkung haben.»

Gilardi errechnet zudem einen leichten Frauenbonus von 2,2 Prozentpunkten: «Frauen hatten bei dieser Wahl bessere Chancen, gewählt zu werden», sagt er. Die neu erstarkte Frauenbewegung scheine eine Wirkung auf die Wählenden zu haben. Lange Zeit habe der Konsens geherrscht, dass ein Drittelsanteil reiche. «Das gilt nicht mehr.»

«Es geht nicht darum, dass Frauen bessere Politik machen, sondern dass sie Politik machen», erklärt Andrea Gisler von der GLP. Foto: PD

Andrea Gisler, Präsidentin der Frauenzentrale, predigt das seit Jahren. Sie wurde selber für die GLP in den Kantonsrat gewählt und engagierte sich im Vorfeld für die Frauen. In 18 Wahlkreisen verteilte die Frauenzentrale Flyer mit überparteilichen Frauenempfehlungen. Auf der Rückseite eine Anleitung zum «Clever wählen»: überparteilich Kandidatinnen mit guten Chancen wählen und die Konkurrenten auf der Liste streichen. «Unsere Arbeit hat gewirkt», so Gisler. «Es geht nicht darum, dass die Frauen die bessere Politik machen, sondern dass sie sie machen.»

Gilardi glaubt an eine Sogwirkung der Zürcher Wahl für die Nationalratswahlen. «Es ist immer noch kein 50/50-Anteil. Es gibt Luft nach oben», sagt er. Vor allem auf dem Land: In Andelfingen etwa liegt der Frauenanteil immer noch bei null.

Erstellt: 25.03.2019, 22:30 Uhr

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