Köppel startet mit klarem Rückstand in den Endspurt

Der SVP-Politiker hat laut einer TA-Umfrage kaum Chancen gegen die Kontrahenten Jositsch und Noser. Aber was ist mit den Frauen?

Von einem Schisma zwischen der bäuerlich-ländlichen Basis und der Goldküstenfraktion ist bei der Personalie Köppel nichts zu spüren. Foto: Keystone/Walter Bieri

Von einem Schisma zwischen der bäuerlich-ländlichen Basis und der Goldküstenfraktion ist bei der Personalie Köppel nichts zu spüren. Foto: Keystone/Walter Bieri

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Zusammen sind wir die Rolling Stones» – dieser Ausspruch von Daniel Jositsch über sich selbst und Ruedi Noser ist bereits legendär. Und die Geschichte dieser speziellen Band könnte bald um ein weiteres Kapitel reicher werden. Gemäss einer von der Forschungsstelle Sotomo für den «Tages-Anzeiger» durchgeführten Umfrage liegen SP-Ständerat Jositsch und FDP-Amtsträger Ruedi Noser derzeit an der Spitze der Wählergunst. Fast zwei von drei befragten Stimmberechtigten beabsichtigen, «Jositsch» auf den Wahlzettel zu schreiben. Damit wäre der 54-jährige Strafrechtsprofessor ohne Probleme schon im ersten Wahlgang am 20. Oktober gewählt.

Das absolute Mehr liegt bei 46,2 Prozent.

Der 58-jährige Noser käme auf gut 40 Prozent der Stimmen. Das bedeutete eine Ehrenrunde über den zweiten Wahlgang. Diesem dürfte der Unternehmer aber recht zuversichtlich entgegenblicken, wie die Befragung zum zweiten Wahlgang ergab. Bei jedem Szenario schwingt der Freisinnige obenauf.

Der Anti-Köppel-Reflex

Bemerkenswert am Umfrageresultat ist die sehr breite Zustimmung zu Daniel Jositsch. Der Sozialdemokrat erhält Zuspruch aus beinahe jedem Lager. Nur die SVP-Basis versagt ihm die Gefolgschaft weitgehend, wobei der Name Jositsch immerhin auf jedem sechsten SVP-Zettel steht. Auffallend ist vor allem, dass sieben von zehn Freisinnigen gewillt sind, den SP-Mann zu wählen. Die Basis der SP verdankt es der FDP, wenn auch mit weniger Enthusiasmus. Dennoch wollen beachtliche 43 Prozent der SP-Anhänger «Noser» auf den blauen Wahlzettel schreiben. Vor vier Jahren waren es zum gleichen Zeitpunkt noch magere 15 Prozent gewesen.

Dazwischen ist viel passiert. Vor allem aber betonen Jositsch wie Noser immer wieder, wie gut sie zusammenarbeiten, vor allem, wenn Anliegen des Kantons Zürich betroffen sind. «Ich würde mich freuen, wenn wir im Team weiterarbeiten könnten», sagte Jositsch kürzlich in einem Interview. Politexperte und Sotomo-Chef Michael Hermann nennt das die «Umarmungsstrategie», die sowohl Noser als auch Jositsch nützt. Im Ständeratswahlkampf sei eine Renaissance der früheren «Koalition der Vernunft» zwischen der SP und der FDP zu beobachten. Ohne Absicht hilfreich ist wohl auch SVP-Kandidat Roger Köppel, der keine Gelegenheit auslässt, das «EU-Turbo»-Duo verbal zu attackieren, das er abschätzig«Nositsch» nennt. Das eint die Angegriffenen und offensichtlich auch deren Anhänger.

Damit steht die Konkurrenz im Regen. Nationalrat Köppel schöpft mit gut 30 Prozent sein Potenzial auf der rechtsbürgerlichen Seite aus – von einem Schisma zwischen der bäuerlich-ländlichen Basis und der Goldküstenfraktion ist bei der Personalie Köppel nichts zu spüren. Der 54-jährige «Weltwoche»-Verleger kommt aber trotz seiner grossen Wahltournee kaum darüber hinaus. Nur jeder vierte Freisinnige ist geneigt, Köppel seine Stimme zu geben. Die Nicht-Unterstützung von SVP-Kandidaten durch die FDP-Basis ist nichts Neues. Neu ist aber, dass der Reflex gegenseitig ist. Die SVP-Basis hat keine Lust mehr, einen Freisinnigen zu unterstützen. Die Entfremdung ist perfekt.

Die rot-grüne Allianz schläft

Sinnigerweise lässt sich Ähnliches auf der linken Seite beobachten. Das rot-grüne Bündnis funktioniert nicht. Die Grünen-Kandidatin Marionna Schlatter holt nur 15 Prozent der Stimmen ab. Das ist etwas mehr als das grüne Potenzial. Die SP-Wählerschaft unterstützt Noser mehr und surft nicht auf der grünen Welle. Dass auch viele Grüne der 38-jährigen Soziologin die Stimme versagen, zeigt, dass Rot-Grün nicht an den Coup glaubt, zwei linke Kandidaturen in den Ständerat zu bringen.

Die stärkere Bewerberin als Schlatter scheint Tiana Angelina Moser (GLP) zu sein, die im ersten Wahlgang immerhin auf gut 20 Prozent der Stimmen kommt. Auffallend ist, dass die grünliberale Basis eher Jositsch als ihre eigene Fraktionschefin im Nationalrat auf den Wahlzettel notiert. Moser wurde zugetraut, Noser zumindest im zweiten Wahlgang nahezukommen. Die Umfrage relativiert diese Hoffnung. Die 40-jährige Umweltwissenschafterin könnte aber immerhin Köppel überholen – vorausgesetzt, die Grünen ziehen Schlatter für den 17. November zurück. Will Moser aber über ein Ehrenresultat hinauskommen, muss sie sich noch etwas einfallen lassen.

Frauenfrage zweitrangig

Keine Rolle für den Ausgang der Ständeratswahlen spielen CVP-Kandidatin Nicole Barandun und EVP-Kandidat Nik Gugger. Die 51-jährige Juristin kommt auf 5 Prozent, der 49-jährige Sozialunternehmer auf 4 Prozent – sie erfüllen ihre Rollen als Wahlkampflokomotiven für ihre Parteien.

«Es braucht eine Zürcher Frau im Ständerat»: Der Slogan, der Moser, Schlatter und Barandun vereint, scheint bei der Wählerschaft nicht anzukommen. Sogar die SP-Basis wählt im Frauenjahr 2019 lieber zwei Männer.

Erstellt: 19.09.2019, 21:52 Uhr

So entstand die Umfrage

Die Wahlbefragung fand zwischen dem 5. und dem 16. September auf der Website des «Tages-Anzeigers» statt. Die Angaben von 3000 Stimmberechtigten konnten für die Auswertung verwendet werden. Die Daten wurden von der Forschungsstelle Sotomo der Universität Zürich nach räumlichen (Wohnort), soziodemografischen (Alter, Geschlecht, Bildung) und politischen (Stimm- und Wahlverhalten, regionale Parteienstruktur) Kriterien gewichtet. Dadurch wird eine hohe Repräsentativität für die aktive Stimmbevölkerung angestrebt. Der Stichprobenfehler beträgt +/–1,8 Prozentpunkte. (pu)

Artikel zum Thema

Wahlumfrage: Die Schweizer Parteien im Form-Check

Sechs Wochen vor dem Urnengang: Das neue Wahlbarometer der SRG zeigt Gewinner und Verlierer. Mehr...

«Bis jetzt macht kein Thema dem Klima Konkurrenz»

Interview Bei den Wahlen im Herbst dürften jene Parteien reüssieren, die schon länger die richtigen Themen besetzten, sagt Politgeograf Michael Hermann. Mehr...

Die Operation Libero macht jetzt auch Wahlkampf

Die politische Bewegung versucht ihre Strategie bei Abstimmungen auf Wahlen zu übertragen. Ob das aufgeht? Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Dank Hightech sicherer im Schnee unterwegs

Gewinnen Sie mit Bächli Bergsport und Mammut ein Lawinenverschütteten-Suchgerät der neusten Generation.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...