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Eine Überdosis Christentum

Drei Knaben muslimischen Glaubens nehmen während der Schulzeit nicht an einem Weihnachtssingen in der Kirche teil. Dafür soll jetzt ihr Vater büssen.

Vom Auftritt in der Kirche wurden die Kinder dispensiert, aber an der Probe mussten sie dabei sein. Bild: Franziska Rothenbuehler
Vom Auftritt in der Kirche wurden die Kinder dispensiert, aber an der Probe mussten sie dabei sein. Bild: Franziska Rothenbuehler

Er sei in der Schweiz aufgewachsen, habe als Kind in der Schule selbst problemlos religiöse Lieder gesungen, später auch den Militärdienst absolviert. Seine Familie lebe zu Hause schon nach islamischen Grundsätzen, «aber nicht so streng». Selbstverständlich dürften seine Kinder eine christliche Kirche besuchen, mit auf die Schulreise gehen, kurz: Integration sei für ihn kein Thema. Der 31-Jährige, der dies am Mittwoch dem Dietiker Einzelrichter Bruno Amacker vorträgt, will damit wohl zum Ausdruck bringen: Integration ist für ihn oder seine Familie kein Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Weihnachtslieder singen im Schulzimmer oder Singsaal: kein Problem. Aber Weihnachtslieder singen in der sakralen Umgebung einer Kirche: Das ging dem Vater doch zu weit. Im Spätherbst 2016 beantragte er, seine drei Söhne – fünf, sechs und acht Jahre alt – seien vom Singen in der Kirche zu dispensieren.

Busse von 500 Franken

Nach einigem Hin und Her gab es einen Entscheid, der etwas sonderbar anmutet: Von der Aufführung der Weihnachtslieder in der Kirche, die ausserhalb der Schulzeit stattfindet, seien die Kinder dispensiert. An der Hauptprobe aber, die ebenfalls in der Kirche und während der Schulzeit stattfindet, hätten die Kinder teilzunehmen. Genauer gesagt: anwesend zu sein. Denn mitsingen müssten sie nicht.

Die drei Kinder blieben dem Probesingen fern, wobei die beiden Älteren einmal eine reguläre Unterrichtszeit von 13.30 bis 15.10 Uhr verpassten, der Jüngste einmal von 10 bis 12 Uhr fehlte. In der Folge verurteilte das Statthalteramt Dietikon den Vater wegen Verletzung der Elternpflichten und bestrafte ihn mit einer Busse von 500 Franken. Der Vater erhob Einsprache.

«Religiös gefärbter Unterricht»

Sein Rechtsvertreter argumentierte mit der Bundesverfassung und dem Zürcher Volksschulgesetz. Das Probesingen in der Kirche während der Schulzeit sei ein «religiös gefärbter Unterricht». Dabei verbiete die Bundesverfassung, jemanden zu zwingen, «eine religiöse Handlung vorzunehmen oder religiösem Unterricht zu folgen». Die Verordnung zum Zürcher Volksschulgesetz erlaube die Dispensation «aus zureichenden Gründen». Das Volksschulgesetz selbst verpflichte die Schule, die Glaubensund Gewissensfreiheit zu wahren und auf Minderheiten Rücksicht zu nehmen. Diese Verpflichtung sei ein «zureichender Grund» für eine Dispensation. Ein «exotisches Problem»

Obwohl dem Gericht keine Argumente vorgetragen wurden, die nicht schon im Vorfeld in den schriftlichen Unterlagen enthalten waren, wollte Einzelrichter Bruno Amacker kein Urteil fällen. Es handle sich zwar um ein «exotisches Problem», das aber diverse Fragen aufwerfe.

Wo das Problem liegt

Wo liegt das Problem mit den Weihnachtsliedern? Ein Beispiel: In der zweiten Strophe von «Stille Nacht, heilige Nacht» wird Jesus als «Gottes Sohn» angesprochen. Im Islam gilt Jesus aber nicht als Gottes Sohn, sondern «nur» als Prophet. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund waren im Schulblatt vom August 2009 Empfehlungen veröffentlicht worden, in denen es unter anderem hiess: «Von der aktiven Teilnahme muslimischer Kinder an Handlungen und Liedern mit religiösen Inhalten, welche ihrem Glauben widersprechen, soll abgesehen werden.»

Nachdem dieser Passus öffentlich bekannt geworden war, brach über dem Volksschulamt – «Verrat an der christlichen Kultur» – ein Sturm der Entrüstung los, sodass sich Bildungsdirektorin Regine Aeppli gezwungen sah, darauf zu reagieren. Seit der letzten Aktualisierung im November 2010 ist der ursprünglich 1989 verfasste Passus nicht mehr in den Empfehlungen zum «Umgang mit Schülerinnen und Schülern verschiedener Religionen an der Volksschule im Kanton Zürich» enthalten.

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