Koranverteiler im Radikalisierungslabor

Der Kanton Zürich will klären, ob er die Koranverteilaktion «Lies!» verbieten kann. Diese scheint ein Sammelbecken für Extremisten und Jihadisten zu sein.

Auf der Winterthurer Marktgasse werden gratis Korane abgegeben. Foto: PD

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Nach dem deutschen Verbot der Koranverteilaktion «Lies!» hat sich die Szene der schweizerischen Islam-Missionare angepasst. Verteilt wird immer noch dieselbe Koranausgabe wie bei «Lies!», doch gewandelt haben sich die Logos. Das «Lies!»-Emblem ist jetzt kaum noch sichtbar, dafür handelt es sich bei den bärtigen Missionaren aber immer noch mehrheitlich um dieselben wie früher.Der Kanton Zürich will heute Freitag ein Rechtsgutachten vorstellen, das sich mit der Koranverteilung auf öffentlichem Grund befasst, und über das weitere Vorgehen informieren. Unklar ist, ob es zu Massnahmen gegen die Koranverteiler kommen wird. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) weist in seinem jüngsten Sicherheitsbericht allerdings ausdrücklich darauf hin, dass ein Verbot nicht praktikabel wäre. «Lies!» habe – anders als in Deutschland, wo eine entsprechende Stiftung existierte – in der Schweiz keine gefestigten Strukturen. Ausserdem stünde ein Verbot der Koranverteilung im Widerspruch zur Religionsfreiheit, schreibt der NDB.

Jeder Sechste nach Syrien

Wer versteckt sich hinter der Schweizer Filiale des «Lies!»-Projekts? Obwohl mit der Koranverteilung hierzulande erst 2012 begonnen wurde, reichen die Anfänge bis 2007 zurück. Damals regis­trierte ein Reisebüro in Urdorf den hiesigen Ableger der Website «Die wahre Religion». Später wurde die Firma verkauft, worauf ein irakischstämmiger Computerexperte und Unternehmer in Dietikon die Website auf seinen Namen eintragen liess. Kurz nach dem Start der Koranverteilungen in der Schweiz erfolgte zudem die Registrierung der Website «Haus des Qurans» auf einen türkischstämmigen «Lies!»-Aktivisten in Regensdorf.

Zu den Ersten, die für «Lies!» in der Schweiz aktiv waren, gehörten auch zwei Schweizer, die schon kurze Zeit später im syrischen Kriegsgebiet auftauchten. Der eine ist der Konvertit Sandro V. aus Winterthur, gegen den ein Strafverfahren der Bundesanwaltschaft läuft. Im Verhör gab er seine Sympathie für die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zu, bestritt aber, für den IS gekämpft zu haben. Der zweite Mann, Alperen A. aus Arbon, schloss sich in Syrien einer Al-Qaida-Gruppe an und sitzt heute in einem türkischen Gefängnis. Laut Recherchen des TA sind mindestens elf Koranverteiler aus der Schweiz nach Syrien oder in den Irak gereist oder hatten die Absicht, sich einer dortigen Terrorbe­wegung anzuschliessen. Diese elf Personen, unter ihnen eine Frau, stehen auf einer Namensliste von 62 mutmasslichen Jihad-Reisenden. Mehr als jeder sechste Koranverteiler verfolgte somit sein persönliches Jihad-Projekt.

«Verspritzt das helle Blut»

Geht man schweizweit von 100 «Lies!»-Aktivisten aus, dann liegt der Anteil der Koranverteiler, die in den Jihad ziehen wollten, bei 11 Prozent. Alle Jihad-Reisenden zusammen machen aber gerade einmal 0,021 Prozent der muslimischen Wohnbevölkerung über 15 Jahren aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Koranverteiler nach Syrien oder in den Irak reist, ist also mehr als 500-mal so gross wie jene, dass dies ein durchschnittlicher Schweizer Muslim tut. «Lies!» wirkt damit wie ein Radikalisierungslabor.

Radikalisiert werden durch die «Lies!»-Aktionen nicht primär jene, die auf der Strasse einen Gratiskoran annehmen, sondern vor allem die Verteiler selbst. Schätzungsweise jeder zweite schweizerische «Lies!»-Aktivist ist in den sozialen Medien durch Sympathien für islamistische Terrororganisationen aufgefallen. Auf der inzwischen gelöschten Facebook-Seite des «Lies!»-Projekts Schweiz wurden IS-Symbole verbreitet sowie in einem Fall ein IS-Lied, in dem es hiess: «Sucht den Tod im Namen von Ehre und Würde», «Verspritzt das helle Blut» oder «Trinkt den Tod, wenn ihr über die Jammerlappen frohlockt». Mit «Jammerlappen» sind Nicht-Muslime gemeint.

Kurz nach dem Verbot des deutschen Vereins «Millatu Ibrahim» im Jahr 2012 teilte die schweizerische «Lies!»-Seite ein Video des «Millatu Ibrahim»-Protagonisten Denis Cuspert. Dieser beteiligte sich kurze Zeit später an Gräueltaten des IS. 2015 schrieb der Administrator der Facebook-Seite in einem Chat offenherzig, dass er sich für eine Zeit lang in die syrische IS-Hochburg Raqqa begeben habe und er dorthin zurückkehren wolle, wenn es Allah zulasse. Allerdings sei er nur nach Syrien gereist, um zu helfen.

Bisher gingen Terrorismusexperten davon aus, dass es kaum Verbindungen zwischen den Jihadisten-Szenen in der Deutschschweiz und der Romandie gab. Innerhalb der «Lies!»-Bewegung existierten solche Kontakte aber sehr wohl. So verteilten deutschsprachige Salafisten den Koran zusammen mit einer Gruppe bosnischstämmiger Romands in Lausanne. Unter Letzteren befand sich auch Ajdin B., der zusammen mit seiner Frau zum IS reiste und dort in einer Eliteeinheit kämpfte. Mit von der Partie war auch der ebenfalls bosnischstämmige V. P., dem die Bundesanwaltschaft vorwarf, das wichtigste französischsprachige Jihadisten-Forum im Internet moderiert zu haben. Der Mann habe fast 1200 Posts verfasst und damit Propaganda zugunsten des Al-Qaida-Netzwerks verbreitet. Auf der betreffenden Website war unter anderem zu lesen, dass der Jihad gegen die Ungläubigen die Pflicht jedes Muslims sei und Märtyrer im Paradies 72 Jungfrauen zugute hätten. Ausserdem sei es das Ziel, die Ungläubigen aus dem «Land des Islams» zu vertreiben – also von Andalusien bis zum Irak. Von Lausanne aus konnte der Koranverteiler zwei Jahre lang offenbar unbemerkt seine Hasstiraden verbreiten und sich an Enthauptungsvideos ergötzen. Er wurde am Ende per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt.

Koranlager in Winterthur

Die «Lies!»-Aktion war und ist zum Teil immer noch – in neuer Form – in Basel, Zürich, Bern, Aarau, Biel, Lausanne, Wil und Winterthur aktiv. Das Koranlager soll sich laut Informationen aus der Szene in Winterthur befinden. Mieter des Lokals ist ein Koranverteiler und Angehöriger einer Winterthurer Unternehmerfamilie, die unter anderem in der Hotellerie, im Telecombereich und Parfümgeschäft tätig ist. Die meisten Winterthurer Koranverteiler stammen aus dem Umfeld der berüchtigten An’Nur-Moschee.

Erstellt: 05.05.2017, 00:08 Uhr

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