Witzeln, lachen und ein banger Blick nach vorn

«Für uns ist das hier ein Kindergeburtstag», witzelte FDP-Fraktionschef Thomas Vogel an der 125-Jahr-Feier der Zürcher SP. Der Partei droht eine turbulente nächste DV.

Mario Fehr muss mit starkem Gegenwind rechnen: Der Sicherheitsdirektor Mario Fehr beim Auftakt des neuen Amtsjahres des Kantonsrates vor einer Woche.

Mario Fehr muss mit starkem Gegenwind rechnen: Der Sicherheitsdirektor Mario Fehr beim Auftakt des neuen Amtsjahres des Kantonsrates vor einer Woche.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Parlamente sind zwar die Herzstücke der Demokratie, aber keine Orte des Friedens. In Skopje gab es 2017 beim Sturm aufs Rathaus über 100 Verletzte, in Kiew ist 2015 ein Parlamentarier vom Rednerpult weggeschleift worden, und auch in Rom gehen die Emotionen regelmässig hoch, was schon in Prosecco-Verschütten und Krawatten-Reissen ausartete. Selbst Kantonsräte haben manchmal Mühe mit dem friedlichen Miteinander. 2012 kam es zu Tumulten, weil SVP-Kantonsrat Hans-Peter Amrein trotz abgelaufener Redezeit einfach weiterwetterte.

Gestern herrschte im Rathaus für einmal eine Harmonie, die fast wehtat. Die SP-Fraktion feierte ihr 125-Jahr-Jubiläum und lud in den Festsaal ein. Selbst die ärgste politische Konkurrenz drängte sich um den Tisch und liess sich Kaffee einschenken, während SP-Fraktionschef Markus Späth die grössten Erfolge seiner Partei aufzählte: «Wir haben viel erreicht», sagte er, «die AHV, das Frauenstimmrecht, das Submissionsrecht und die kostenlose Geburtshilfe.» Bei so viel Erfolg legten selbst die SVPler ihre Gipfeli zur Seite, um die Hände fürs Klatschen frei zu haben. Kantonsratspräsidentin Yvonne Bürgin (CVP) meinte euphorisch: «Ich hoffe auf eine weiterhin hartnäckige SP und wünsche ihr viel Glück.» Zu viel Glück für die SP könnte bei den Wahlen auch Pech für die CVP bedeuten. Das weiss Fraktionschef Philipp Kutter, weshalb er in den Applaus rief: «Wenn ihr schon alles erreicht habt, könnt ihr jetzt gern aufhören.» Gelassener nahm das sozialdemokratische Eigenlob FDP-Fraktionschef Thomas Vogel und verwies auf die viel längere freisinnige Geschichte: «Für uns ist das hier ein Kindergeburtstag.»

So friedlich wie am Geburtstagsfest im Rathaus ist es in der SP nicht. Derzeit streiten die Sozis, wen sie im März 2019 in die Regierungsratswahlen schicken sollen. Eigentlich wäre die Sache klar: Es sind die amtierenden SP-Regierungsräte Jacqueline Fehr und Mario Fehr, die beide weitermachen wollen. Mario Fehr jedoch hat wegen seiner Asylpolitik erbitterte Gegner in den eigenen Reihen. An einer Delegiertenversammlung am 29. Mai soll nun entschieden werden, ob die Liebe noch gegenseitig ist. Nötig wäre dafür mindestens die Hälfte der Stimmen. Fraktionschef Späth will keine Prognose abgeben – er rechnet aber mit starkem Gegenwind für Fehr, vor allem von den Jusos und den Stadtzürcher Genossen. Wie gross die Nervosität ist, zeigt die Tatsache, dass noch nicht einmal klar ist, wie die Versammlung ablaufen soll. Co-Präsidentin Priska Seiler Graf und Co-Präsident Andreas Daurù wollen den Entscheid ganz den Delegierten überlassen und niemanden vorschlagen. Doch wer soll es dann tun? Und wen soll man bringen, wenn es nicht Fehr sein darf? Daurù verspricht, vor dem 29. Mai ein Wahlreglement vorzulegen. Womöglich wird die Versammlung dann erst über das Verfahren abstimmen, bevor sie jemanden nominieren kann. Das könnte ein langer Abend werden.

Fraktionschef Späth sieht dem 29. Mai mit gemischten Gefühlen entgegen. Für ihn betreibt die Partei ein Hochrisikospiel. Wenn es nach ihm ginge, müsste Fehr nominiert werden. Er mache solide sozialdemokratische Politik, sorge in den Gemeinden für Akzeptanz in der Sozial- und in der Asylpolitik. Auch die Zusammenarbeit mit Jacqueline Fehr lobt Späth: «Ein erfolgreiches Team sollte man nicht auseinanderreissen.» Von den Fehr-Kritikern tritt derzeit niemand vor. Der junge Stadtzürcher Tobias Langenegger spricht nur von «offenem Ausgang» und «Widerstand» in der Solidaritätsbewegung. Geschlossen sind die Städter aber nicht gegen Fehr. Nationalrätin Jacqueline Badran will weiter auf ihn setzen, und Kantonsrat Thomas Marthaler sagt: «Wir sind eine Volkspartei, da hat es für viele Meinungen Platz.» Gespannt warten auch die Grünen auf den Entscheid in der SP: Laut Fraktionschefin Esther Guyer sei eine Unterstützung von Mario Fehr höchst ungewiss.

Mit einer Volksinitiative will sich die EDU Gehör verschaffen und verlangt 300 Franken Kinderzulagen. Um vor der Unterschriftensammlung ein bisschen die Erfolgschancen zu testen, verteilte Hans Egli gestern bei den Fraktionspräsidenten einen Flyer. Am meisten Sympathie müsste das Ganze bei der Familienpartei CVP haben. Dort hält sich die Begeisterung aber in Grenzen: «Wir fokussieren lieber auf die Krankenkassenprämien», sagte Philipp Kutter leicht angesäuert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 15:10 Uhr

Artikel zum Thema

Mario Fehr überholt Stadtzürcher SP links

Keine Ortung per GPS: Der Sicherheitsdirektor zeigt sich bei der Observation von Sozialhilfebetrügern zurückhaltender als seine Genossen in der Stadt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Nachhaltig investieren lohnt sich

Bei Privatanlegerinnen und -anlegern ist nachhaltiges Investieren noch wenig verbreitet. Dabei bringt es einen doppelten Gewinn.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Umgekippt: Der 128 Meter hohe Radio- und Telefonmast «La Barillette» der Swisscom liegt in Cheserex am Boden, nachdem 8 Kilogramm Sprengstoff zwei seiner Standfüsse zerstört haben. (24.Mai 2018)
(Bild: Valentin Flauraud/Laurent Gillieron/Laurent Darbe) Mehr...