Küsschen für ein süsses Geheimnis

An der letzten Ratssitzung vor den Ferien haben die Kantonsräte Aprikosen gekostet und Neuigkeiten verkündet, die ihr Leben verändern.

Essen und sich Luft zufächeln: Da war viel Bewegung, am Montag bei der SVP-Fraktion im Kantonsrat (11. Juli 2016). Foto: Urs Jaudas

Essen und sich Luft zufächeln: Da war viel Bewegung, am Montag bei der SVP-Fraktion im Kantonsrat (11. Juli 2016). Foto: Urs Jaudas

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Für einen Tag ist er ein heimlicher Held. Martin Farner, FDP-Kantonsrat aus dem Weinland, hat dem Parlament gestern 70 Kilogramm Walliser Aprikosen geschenkt, saftig und süss. Alle bedienten sich gerne. Ihre Freude verleitete Farner zu einem lustigen Vergleich. Er sagte: «Die Aprikosen gehen weg wie warme Weggli.» Der Unternehmer geschäftet mit Aprikosen und verkauft im Sommer gut eine Million Kilo von Walliser Produzenten an grosse und kleine Läden in der Deutschschweiz. Die Früchte für den Kantonsrat seien ein Sommergruss, ein «Machts gut in den Sommerferien», so Farner.

Sie greifen herzhaft zu: Ursula Moor-Schwarz, Martin Hübscher und Andrew Katumba (v.l.) decken sich mit frischen Aprikosen aus dem Wallis ein. Foto: Urs Jaudas

Die Sommerpause mussten sich die Kantonsräte gestern mit einer Doppelsitzung verdienen – und schwere Themen wälzen. Zu diesen gehört auch der Fall Tobias Kuster. Er ist jener Sträfling, der im Zürcher Seefeld an einem Tötungsdelikt beteiligt sein könnte. Die Tat geschah Ende Juni, nachdem er aus dem Hafturlaub nicht mehr ins Gefängnis zurückgekehrt war. SVP-Fraktionschef Jürg Trachsel warf SP-Justizdirektorin Jacqueline Fehr vor, Kuster hätte nicht in Urlaub gelassen werden dürfen. Er beschuldigte sie der «Verhätschelungspolitik». Fehr konterte. Sie sagte, es seien Fehler passiert. Aber wenn Kritiker von «Verhätschelungspolitik» sprächen, würden sie sich auf die Arbeit von 900 Mitarbeitern im Strafvollzug beziehen. «Diese Menschen fällen Entscheide, die keiner von uns würde fällen wollen.» Fehrs Rede war klar und geschliffen. Dagegen wirkten die Worte von SVP-Kantonsrat Hans-Peter Amrein wie die eines Holzfällers. Er warf ihr Fehler vor und sagte, sie habe im letzten Jahr sowieso wenig geleistet, habe nur ihren Stab neu besetzt und teure Büromöbel gekauft. SP-Kantonsrat Daniel Frei nervte sich über den Angriff. Er findet es falsch, sofort auf die politischen Verantwortlichen zu zielen, wenn ein Fehler passiert sei. Er nahm Fehr in Schutz, sagte, sie schaue hin und wolle die Fehler ja auch klären lassen.

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Auch SP-Fraktionschef Markus Späth war letzte Woche einem Fehler auf der Spur. Er wollte herausfinden, wie die NZZ zu früh an Informationen aus dem Finanzdepartement gelangen konnte, die erst an einer Pressekonferenz hätten verkündet werden sollen. Mehrere Kantonsräte vermuteten ein Leck – und lagen falsch. Es gab kein Leck, es war ein Fehler. Eine Verwaltungsangestellte hatte die Informationen unabsichtlich zu früh ins Netz gestellt. Das wurde zwar kurze Zeit später korrigiert, aber ein NZZ-Jounalist hatte die Informationen bei seinem routinierten Check bereits entdeckt.

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«Machts gut und auf Wiedersehen!» sagt bald auch Ralf Margreiter. Der Grüne verlässt den Kantonsrat und hat gestern sein Rücktrittsschreiben eingereicht. Er sah etwas traurig aus und sagte: «Ich gehe nicht gern, bin wehmütig.» Noch nie habe er etwas so lange und konstant gemacht, wie im Kantonsrat zu sein. 13 Jahre lang war er dabei. Seine letzte Sitzung wird er Anfang September haben. Er hat sich zum Abschied durchgerungen, weil es ihm neben Familie und Beruf zu viel wird – «das klassische Problem eines Milizparlamentariers». Seinen Sitz erbt die Zürcher Grüne Silvia Rigoni. Das ist etwas aussergewöhnlich. Sie ist auf der Ersatzliste der Grünen erst auf dem vierten Platz. Vor ihr wären eigentlich Res Marti und Tina Schmid zum Zug gekommen. Marti war im letzten Jahr abgewählt worden. Inzwischen haben die beiden aber dasselbe Problem wie Margreiter: Sie haben Nachwuchs bekommen – und zwar gemeinsam.

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Auch ein anderes Politikerpaar erwartet ein Baby. SP-Kantonsrat Daniel Frei und seine Freundin, Fraktionskollegin Claudia Wyssen. Ihr Kind wird gegen Silvester auf die Welt kommen und ihre frische Beziehung durcheinanderwirbeln. Gestern verriet Frei das Geheimnis einigen Parteikollegen. SP-Regierungsrat Mario Fehr verküsste darauf die Kindsmutter Wyssen im Ratshaus-Foyer.

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Im Foyer und im Ratsaal war die Stimmung den ganzen Tag etwas anders als an normalen Sitzungen. Die Kantonsräte waren ausgelassen und manchmal sehr laut. Sie fachsimpelten über den Fussballfinal oder schwärmten von den Ferien. Am Morgen waren sie so aufgekratzt, dass sie Ratspräsident Rolf Steiner (SP) im Saal zur Ruhe mahnte. Für zusätzliche Aufregung sorgte sein kaputtes Mikrofon. Es stellte nicht mehr ab. Darauf bat Steiner alle, die eine Rede halten wollten, an sein Mikrofon – und damit auf seinen Platz. So sassen dem Parlament gestern Nachmittag plötzlich ganz unterschiedliche Politikerinnen und Politiker vor, auch solche, die nie Ratspräsidenten werden, wie Ralf Margreiter.

Erstellt: 11.07.2016, 22:19 Uhr

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