Gericht vertagt Entscheid im Küsnachter Drogenrausch-Prozess

Weil der Deutsche seinen Kumpel im Drogenrausch tötete, soll er wegen Schuldunfähigkeit nicht verurteilt werden können. Der Staatsanwalt hingegen will die Strafe sogar erhöht sehen.

Der Beschuldigte (2.v.l.) hört Verteidiger Thomas Fingerhuth zu. Zeichnung: Robert Honegger

Der Beschuldigte (2.v.l.) hört Verteidiger Thomas Fingerhuth zu. Zeichnung: Robert Honegger

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Was sich am frühen Morgen des 30. Dezember 2014 in einer Villa in Küsnacht zutrug, bezeichneten die Verteidiger des Beschuldigten als «monströses Ausmass an Gewalt», als eine Bluttat, bei welcher «der Wahnsinn Regie führte».

Der Begriff «Wahnsinn» passt. Der Streit zwischen den mit Drogen vollgepumpten Freunden, dem damals 29-jährigen Kunsthändler und seinem langjährigen Kumpel, dem 23-jährigen Alex, soll ausgebrochen und eskaliert sein, weil der 29-Jährige zu lauter schwedischer Volksmusik tanzte und dann vorschlug, in Zukunft auf den Konsum von dem als Partydroge missbrauchten Narkose- und Schmerzmittel Ketamin zu verzichten.

«Wie ein Alien mit grünen langen Ohren und roten Augen»

In einem «psychotischen Rauschverlauf» soll er seinen Freund plötzlich «wie ein Alien» mit grünen langen Ohren und roten Augen wahrgenommen haben, das ihn töten wollte. Und so tötete er ihn. Auf die Schilderung der grausamen Details soll an dieser Stelle verzichtet werden.

Das Bezirksgericht Meilen verurteilte den Mann im Juni 2017 wegen vorsätzlicher Tötung und weil er seine Ex-Freundin in London schwer vergewaltigt und sexuell genötigt habe, zu einer Freiheitsstrafe von zwölfeinhalb Jahren. Damit waren aber weder die Verteidiger des Beschuldigten noch der Staatsanwalt einverstanden, weshalb sich das Obergericht mit dem Fall am Montag im bis auf den letzten Platz gefüllten Gerichtssaal befassen musste.

Glaubwürdigkeit von Ex-Freundin angezweifelt

Verteidiger Thomas Sprenger begründete, weshalb es die angeklagten Sexualdelikte in London nicht gab. Es gebe keine objektiven Beweise, aber eine «Fülle von Ungereimtheiten». Die Frau, die zu Übertreibungen und Dramatisierungen neige, habe schon einmal zwei ihrer Partner eines Sexualdelikts bezichtigt.

Verteidiger Thomas Fingerhuth beantragte einen Freispruch vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung. Zwar bestritt niemand, dass der Kunsthändler seinen Kumpel getötet hat. Er sei damals aber «völlig schuldunfähig» gewesen. Tatsächlich hatte der psychiatrische Gutachter den Beschuldigten vor dem Hintergrund der «Alien»-Geschichte für schuldunfähig erklärt. Doch das Bezirksgericht Meilen glaubte diese Geschichte nicht.

Das Bezirksgericht, so Fingerhuth, dürfe die Aussagen des Beschuldigten gegenüber dem Psychiater gar nicht anzweifeln. Und weil sein Mandant die Schuldunfähigkeit nicht vermeiden und die Tat nicht voraussehen konnte, könne ihm auch kein Selbstverschulden angelastet werden. Staatsanwalt Alexander Knauss forderte eine Erhöhung der Strafe auf 16 Jahre. Das Bezirksgericht Meilen habe die Strafe wegen der schwer verminderten Schuldfähigkeit viel zu stark reduziert und für die Sexualdelikte eine zu milde Strafe gewählt. Knauss stellte die Frage in den Raum, ob dem Beschuldigten überhaupt eine verminderte Schuldfähigkeit zugutegehalten werden kann.

«Alex war wie ein Bruder»

Bevor das Obergericht am 27. November einen Entscheid bekannt geben wird, äusserte sich der Beschuldigte, der zur Sache selber nichts hatte sagen wollen, in einem Schlusswort. Es tue ihm unendlich leid, er hasse sich und schäme sich für das, was er getan habe. Alex sei ein langjährige Freund gewesen, den er wie einen Bruder geliebt habe.

Er sei damals nicht Herr seiner Sinne gewesen. Seine Gedanken seien bei Alex’ Angehörigen, für die er bete und denen er Kraft wünsche. Er hoffe, dass sie ihm vielleicht irgendwann einmal verzeihen könnten.

Erstellt: 18.11.2019, 20:04 Uhr

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