Kurz-Gymnasium: Jeder Fünfte fliegt in der Probezeit raus

Im Kanton Zürich haben viele ehemalige Sekundarschüler Probleme, in der Mittelschule mitzukommen. Bildungspolitiker fordern neue Modelle.

Kinder im Langzeitgymi lernen von Anfang an, selbstständig zu arbeiten; Sekschüler können das oft weniger. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Kinder im Langzeitgymi lernen von Anfang an, selbstständig zu arbeiten; Sekschüler können das oft weniger. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie lernen, kämpfen, beissen sich durch: Für durchschnittliche Schüler und Schülerinnen ist das Gymnasium hart. In der halbjährigen Probezeit müssen sie beweisen, dass sie der anspruchsvollen Schule gewachsen sind. Sonst fallen sie durch, müssen zurück in die Sekundarschule oder schnell noch eine Lehrstelle suchen.

Die Zahl der gescheiterten Jugendlichen steigt. Das gilt insbesondere für die Kurzzeitgymnasien, in welche die Schüler nach zwei oder drei Jahren Sekundarschule eintreten. Inzwischen verlässt im Kanton Zürich jeder fünfte Schüler das Kurzgymi während oder am Schluss der Probezeit. Die Quote lag 2015 bei 22,2 Prozent, was 339 Schülerinnen und Schülern entspricht. Diese Entwicklung geht aus neuen Zahlen hervor, die die kantonale Bildungsdirektion für den TA aufbereitet hat.

Steigende Quote von Gymnasiasten, welche die Probezeit nicht bestehen
Zum Vergrössern

Mittelschullehrer Silvio Stucki kennt die Situation. Er spricht von Jahren, in denen sechs bis sieben Schüler und Schülerinnen einer Klasse das Gymnasium nach der Probezeit verlassen mussten. «Die Klassen schrumpfen während der Probezeit deutlich», sagt er. Stucki unterrichtet am Zürcher Kurzgymnasium Enge. In seinen Klassen treffen Jugendliche aufeinander, die bereits zwei Jahre lang die Kantonsschule besucht haben, und solche, die aus der Sekundarschule kommen. Die Quote von 20 Prozent sei «hoch», eine Erklärung dafür «schwierig».

Er beobachtet, dass einige Sekundarschüler Mühe haben, sich ans Gymnasium zu gewöhnen. An den Kantonsschulen ist selbstständiges Lernen gefragt, die Klassen sind grösser, die Betreuung durch die verschiedenen Lehrer ist weniger intensiv. Jugendliche, die bereits nach der Primarschule an die Kantonsschule gekommen seien, hätten sich eher an diesen «Groove» gewöhnt. Für Sekundarschüler sei das in den ersten Wochen schwierig.

Ein Problem sieht Stucki auch im Schulstoff. Kantonsschülerinnen und Sekundarschüler seien unterschiedlich weit. In seinem Fach Biologie zum Beispiel hätten einige Grundlagen wie die Zellteilung bereits behandelt, andere wenig davon gehört.

Jugendliche ans Gymi gepusht

Sekundarlehrer Kaspar Vogel spricht vom selben Problem und einer «Kluft», die sich öffnet zwischen Sekundar- und Kantonsschulen. Als Präsident des Lehrerverbands Sek ZH beobachtet er diese Entwicklung seit einigen Jahren. Inzwischen versuchen die Schulen, aufeinander zuzugehen und die Fächer anzugleichen. Es seien viele Gespräche im Gang, sagt Vogel. Aber es bestünden unter den Lehrpersonen auch Uneinigkeiten. Im Französisch zum Beispiel trainieren Sekundarlehrer mit ihren Schülern eher das Sprachverständnis, die Kantonsschullehrer die Grammatik.

Für Vogel steckt hinter der hohen Zahl von gescheiterten Schülern an erster Stelle ein anderes Problem. Seit einigen Jahren zählen die Vorleistungen von Sekundarschülern nicht mehr für die Aufnahme ans Gymnasium. Da die Aufnahmeprüfung allein matchentscheidend sei, würden sich viele mit intensiven Nachhilfestunden darauf vorbereitet – und so regelrecht ans Gymnasium gepusht. Später können sie die Leistung jedoch nicht halten. Vogel sagt: «Manchmal staune ich wirklich, welche Kinder an die Kantonsschule kommen.» Er fordert, dass künftig wieder die Vorleistungen zählen.

Aargau kennt Problem kaum

Den beiden Lehrern Stucki und Vogel bereitet die Entwicklung Sorge. Denn die Jugendlichen, die im Gymnasium scheitern, brauchen meist ziemlich viel Zeit, bis sie die Situation überwunden haben. Sie leiden daran, dass sie ihre Ziele nicht erreichen konnten. Lilo Lätzsch, Lehrerin und Geschäftsleiterin des Zürcher Lehrerverbands, sagt: «Jede Art von Scheitern ist bitter.» Dass so viele während der Probezeit ausscheiden, sei sehr ungünstig: «An den Jugendlichen geht das nicht spurlos vorbei.»

SP-Kantonsrat und Mittelschullehrer Moritz Spillmann erstaunen die jüngsten Zahlen. Dass im Schnitt jeder fünfte das Gymi in der Probezeit verlässt, hält er für «eine sehr hohe Zahl». Vor allem, weil er im Aargau als Lehrer arbeitet. Dort würden viel weniger Schülerinnen und Schüler in der Probezeit scheitern. «Wers im Aargau ans Gymi geschafft hat, bleibt meist dort», sagt Spillmann. Für ihn bedeutet die Zürcher Quote, dass die Aufnahmeprüfung bei jedem fünften Kind ein falsches Ergebnis hervorgebracht hat. «Das müsste man vermeiden können.»

Diesem Vorwurf widerspricht das kantonale Mittelschulamt, das für die Aufnahmeprüfung zuständig ist. Amtschef Marc Kummer gibt die Schuld an die Eltern und Jugendlichen weiter: «Oft werden auch Vorbereitungskurse belegt, um die Aufnahmeprüfungen zu bestehen.» In der Probezeit zeige sich dann, dass das Gymnasium trotz bestandener Prüfung für gewisse Schüler nicht der richtige Ausbildungsweg sei. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2016, 20:57 Uhr

Aufnahmeprüfung

Forderungen in der Pipeline

Die Aufnahmeprüfungen für die Gymnasien sind ein Politikum. Zurzeit ist im Kantonsrat ein Vorstoss hängig, der die Prüfung für Sekundarschülerinnen und -schüler anders regeln will. Darin fordern die zuständigen Parlamentarierinnen und Parlamentarier, dass die Vorleistungen der Schüler wieder zählen sollen. Links-grüne Kantonsräte haben sogar die Abschaffung der Aufnahmeprüfung gefordert. Sie begründen das mit den Vorbereitungskursen, die ein Teil der Schüler besucht. Sie hätten so einen «Wettbewerbsvorteil». Einige Grüne liebäugeln auch mit der Abschaffung des sechsjährigen Langgymnasiums. (meg)

Artikel zum Thema

Sek und Gymi unterrichten aneinander vorbei

An der diesjährigen Gymiprüfung entzündete sich ein Konflikt, der schon lange schwelt: Sek und Gymi stimmen ihre Lehrpläne nicht aufeinander ab. Das soll sich künftig ändern. Mehr...

Eine Prüfung, die nachhallt

Knapp 4000 Schüler im Kanton Zürich versuchen am Montag, den Sprung ans Gymnasium zu schaffen. Die Gymiprüfung wird sich bei den Schülern einprägen – wie diese Anekdoten aus der TA-Redaktion zeigen. Mehr...

Der wundersame Sprung der Noten vor der Gymiprüfung

Primarlehrerinnen und Primarlehrer runden die Zeugnisnoten ihrer Schützlinge grosszügig auf, wenn diese ans Gymi wollen. Viele tun das nicht freiwillig, sondern sehen sich unter Druck. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ein Geschenk, das lange Zeit Freude bereitet

Was soll ich denn bloss diese Weihnachten schenken? Mit fondssparplan.ch bietet sich die Chance, langfristig angelegte Freude zu bescheren.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...