Lärm wird nicht weniger, wenn ihn mehr Leute hören

Bürgerliche Kantonsräte wollen den Zürcher Fluglärmindex anpassen. Das ist eine Bankrotterklärung der eigenen Politik.

Die Bevölkerung verdient Schutz vor dem Fluglärm. Foto: Keystone

Die Bevölkerung verdient Schutz vor dem Fluglärm. Foto: Keystone

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Was haben sie nicht geschnödet über den Zürcher Fluglärmindex, kurz ZFI, bevor er eingeführt wurde. Die Rede ist nicht von SVP und FDP, sondern von den linken Fraktionen im Zürcher Kantonsrat. Der ZFI sei undurchschaubar und bestenfalls ein Fiebermesser, aber nicht das Medikament.

Nun misst der ZFI seit zehn Jahren das Lärmfieber der Zürcher Bevölkerung – und inzwischen verteidigen ihn die Linken mit Herzblut, während die Bürgerlichen nicht nur schnöden, sondern eine Anpassung verlangen. Was ist passiert? Ganz einfach: Der Fiebermesser funktioniert besser als erwartet. Sobald ein paar Flugzeuge mehr in der Nacht starten, wann immer eine Flugroute um ein paar Meter verschoben wird: Der ZFI zeigt es an.

Und er zeigt noch etwas an: Dass die Bevölkerung in der Flughafenregion ständig wächst. Inzwischen sind gemäss den ZFI-Berechnungen mehr als 64'000 Personen stark von Fluglärm betroffen. Maximal 47'000 wären zulässig. Längst müsste deshalb der Regierungsrat Massnahmen ergreifen. So steht es im Gesetz. Notabene im Gesetz, das die Bürgerlichen so im Parlament durchgesetzt haben.

Bürgerlichen verkauften den ZFI als wirksames Instrument

Doch was passiert? Nicht viel, ausser dass SVP, FDP und CVP verlangen, der ZFI sei dem Bevölkerungswachstum anzupassen. Und Carmen Walker Späh (FDP), als Volkswirtschaftsdirektorin für den Flughafen zuständig, zeigt sich nicht abgeneigt. Eindrücklicher kann man den Bankrott der eigenen Politik nicht erklären.

Es war von Anfang an klar, dass der Kanton Zürich nicht viel tun kann, wenn der Index überschritten ist: Der Flughafen ist Bundessache, die Dauer der Nachtruhe zum Beispiel kann der Kanton nicht ändern. Er kann bloss als Bittsteller in Bern auftreten. Dennoch verkauften die Bürgerlichen den Stimmbürgern den ZFI als wirksames Instrument. Dass sie nun nicht einmal darauf pochen, dass ihre Regierungsrätin den gesetzlichen Pflichten nachkommt, sondern stattdessen den Index anpassen wollen, das zeigt überdeutlich, wie egal ihnen der Schutz der Bevölkerung ist.

Sicher, das Wachstum rund um den Flughafen ist ein Problem. Nur: Wer hat denn all diese Leute angelockt, die hier wohnen? Hergezogen sind die Leute, weil es hier Wohnungen gibt. Und die stehen da, weil überwiegend bürgerlich geführte Gemeinden die Bautätigkeit nicht einschränken wollten. Wenn ein Christian Lucek (SVP) allen Ernstes behauptet, hier würden Leute zu «Fluglärmopfern gemacht, obwohl sie der Lärm gar nicht stört», ist das ein Hohn.

Bisher stand die Bevölkerung immer zum Flughafen

Denn der Staat ist verpflichtet, die Menschen vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Wenn er stattdessen dafür sorgt, dass noch mehr Leute in die Lärmzone ziehen, hat er seine Aufgabe nicht gemacht. Zu erwarten wäre in diesem Fall eine Politik, die versucht zu retten, was zu retten ist. Stattdessen verschiebt man den Grenzwert. Nur: Der Fluglärm wird nicht weniger, nur weil man ihn auf mehr Leute verteilt.

Bisher stand die Bevölkerung immer zum Flughafen. Wer am ZFI schraubt, statt Lärmopfer zu schützen, tut alles, um das zu verspielen.

Erstellt: 19.09.2018, 19:55 Uhr

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