Überraschung: Bauer Langhart ist Zürcher SVP-Präsident

Die kantonale SVP hat nicht Favorit Claudio Zanetti, sondern den Stammheimer Landwirt Konrad Langhart zum Nachfolger von Alfred Heer als Parteipräsidenten gewählt.

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Der abtretende Zürcher SVP-Präsident Alfred Heer führte an seiner letzten Delegiertenversammlung Regie, wie es Namensvetter Alfred Hitchcock getan hätte. Die Entscheidung um seine Nachfolge nämlich fiel erst im zweiten Wahlgang kurz vor Mitternacht. Konrad Langhart aus Oberstammheim schlug überraschend Claudio Zanetti mit 224 zu 174 Stimmen.

Für Spannung sorgte der heimliche Kampfkandidat Hans-Peter Amrein, als er ab 19 Uhr sämtlichen Delegierten auffallend freundlich die Hand schüttelte. Er soll im Parteivorstand den besten Eindruck hinterlassen haben, wurde gemunkelt. Trotzdem hatte sich die Führungsriege vor drei Wochen mit 34:7 Stimmen für eine Zweierkandidatur entschieden: Nationalrat und Jurist Claudio Zanetti oder Kantonsrat und Bauer Konrad Langhart. Immerhin war Amrein eben erst ein paar Monate lang mit Getöse aus der SVP-Fraktion ausgetreten.

Und prompt bestätigte Amrein abends um 22 Uhr offiziell seine Kandidatur. Zudem beantragten Urs Fehr und Roberto Martullo eine geheime, schriftliche Wahl, die von den Delegierten angenommen wurde.

Amrein legte gleich los. Seine Frau sei Klavierlehrerin, sagte er – und der Saal lachte, nachdem die Delegierten schon den ganzen Abend lang Simonetta Sommaruga ausgelacht hatten. Dann stellte er sich absolut frei redend als klar positionierten, offenen, ehrlichen und direkten Politiker vor. Auf den Hinweis eines Kantonsratskollegen, er sei mit seinem aufbrausenden Charakter als Präsident nicht geeignet, konterte Amrein cool: Auch Churchill sei zweimal aus der Fraktion ausgetreten.

Konrad Langhart wirkte im Vergleich zu Amrein etwas bieder. Er sprach sich für Beharrlichkeit, Geradlinigkeit und Berechenbarkeit aus. Er wolle weder Experimente wagen, noch sich von Fettnapf zu Fettnapf hangeln. Mutig war er immerhin in Bezug auf die nächsten Wahlen. Sein Ziel: drei SVP-Regierungsräte – ein Ziel, das schon einmal klar verfehlt wurde.

Claudio Zanetti lobte zuerst Alfred Heer in den Himmel und sagte überraschend: «Ich würde nur wenig ändern, denn ich spüre eine grosse Kraft in diesem Saal.» Diese Aussage wurde ihm darauf von Blochers Schwiegersohn Roberto Martullo angekreidet: Unter Heer habe die SVP 2011 massiv verloren. Zanetti konterte: «Damals war der Wahlkampf zu fest auf deinen Schwiegervater ausgerichtet.» Gelächter im Saal. Zanetti gab zudem das Versprechen ab, im Falle einer Wahl auf das Twittern zu verzichten. «Wenn Sie mich wählen, tun Sie der Welt einen Gefallen.» Auf diesen muss die Welt nun wohl verzichten.

Viele Votanten setzten sich für Amrein ein. Sein Temperament spreche für ihn. Auf Nachfrage sagte Heer, dass Amreins «Fraktionsaustritt mit Getöse» gegen aussen kein gutes Bild abgegeben habe. Deshalb sei er nicht nominiert worden. Im ersten Wahlgang machte Amrein 63 Stimmen, Zanetti 140 und Langhart 195, bloss 5 Stimmen unter dem absoluten Mehr. Darauf zog Amrein seine Kandidatur zurück.

Das Gegenteil von Zanetti

Konrad Langhart ist das pure Gegenteil von Zanetti und Amrein. Ruhig, bedächtig, über das Stammertal und den Bauernverband hinaus nahezu unbekannt. Er führt in Oberstammheim einen Hof mit 25 Mutterkühen, produziert Kartoffeln und hegt seine Reben. Doch Langhart ist der Typ «Heimlifeiss»: In ihm steckt mehr, als man bei seinem bescheidenen Auftreten erwarten könnte. Als Ingenieur-Agronom hatte Langhart beispielsweise drei Jahre im Himalaja als Entwicklungshelfer gearbeitet. Im Stammertal ist Langhart es zudem gewohnt, ohne Streit und Provokationen mit der FDP und anderen Parteien zusammenzuarbeiten. Langhart hatte ein Handicap: Eine gepfefferte Rede zur Lage der Nation vor 400 Delegierten, wie man es von Blocher und Heer gewohnt war, kann man sich von Langhart noch kaum vorstellen.

Aber auch Alfred Heer konnte das am Anfang nicht. Heer, der von Vizepräsident Gregor Rutz als «Bauchpolitiker» bezeichnet worden war, wurde mit minutenlangen Standing Ovations und lautem Gejohle verabschiedet.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.04.2016, 00:11 Uhr

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