Leben in der Landezone

Wie gehen Anwohner mit dem Fluglärm um? Eine Reportage aus Höri, einer betroffenen Gemeinde.

Die Einwohner der Gemeinde Höri könnten ihre Uhren nach den Fliegern richten. Video: Veronika Ebner

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Irgendwo da oben sind sie. Irgendwo da oben müssen sein. Ganz nah eigentlich, und doch unsichtbar. Aus der Nebel­decke dröhnt es – aber nicht einmal der Schatten der Jets ist zu erkennen, die den Flughafen Zürich von Norden her anfliegen. Höriberg am Freitagmorgen, die Bäume auf dem Hügel knistern von der Feuchtigkeit des Nebels und des Regens der Vornacht. Wenn die Flugzeuge direkt über uns sind, wie jetzt die Easyjet-Maschine, Flug 7903 aus Amsterdam, ist das Knistern einen Moment lang weg.

An einem Morgen wie diesem würde das neue Konzept also greifen. Über dem Zürcher Unterland liegt eine dichte Nebeldecke, ein Vorgeschmack auf den Herbst an diesem Spätsommertag. Ein Vorgeschmack auf die Zukunft auch: Bei Nebel und bei Bise, so sieht es der neue Sachplan Infrastruktur der Luftfahrt (SIL) vor, der diese Woche vom Bund genehmigt wurde, wird künftige Richtung Süden gestartet. Für Höri hiesse das vereinfacht: weniger Verspätungen, längere Nachtruhe.

In Höri ist es selten ruhig. Zumindest zwischen 6 Uhr morgens und 23 Uhr abends nicht. Meist auch noch ein bisschen länger in die Nacht hinein. Dann, wenn der Flughafen die Verspätungen des Tages «abarbeitet». Die Unterländer Gemeinde und der Fluglärm, sie gehören längst zusammen. Die knapp 2700 Einwohnerinnen und Einwohner könnten ihre Uhr nach den Fliegern richten.

Wenn es am Abend nicht dröhnt, sondern donnert, dann ist es 22.15 Uhr. Dann hebt die A380 Richtung Dubai ab. Wenn sie denn planmässig geht. Oft startet der Doppelstöcker der Emirates erst um 22.45 Uhr, sagt die Bedienung im Café, die auch in Höri wohnt. Das sei der einzige Flieger, den sie wahrnehme. «Und sonst?», sagt sie mit fragendem Blick, «man gewöhnt sich daran.»

Ein Staubsauger durchs Dorf

Wann welches Abflugkonzept greift, welche Wetterlage zu welcher Veränderung führt, gehört im Dorf trotzdem zum Allgemeinwissen. Nordanflüge direkt über das Gemeindegebiet finden unter der Woche zwischen 7 und 22 Uhr statt, ausser bei Bise und Nebel, dann greift das Südkonzept. Rund 250 Maschinen fliegen pro Tag über Höri den Flughafen an. Das entspricht einer Landung etwa alle vier Minuten. Es ist in Höri so, als fegte alle vier Minuten jemand mit einem riesigen Staubsauger durch das Dorf. 62 Dezibel registriert im Schnitt die Lärmmessstation am Dorfende, wo fast keine Häuser mehr stehen.

Der Fluglärm sei im Dorf kaum ein Thema, sagt Höris Gemeindepräsident. Roger Götz (45), Mitglied der SVP, lebt seit 1978 im Ort. Am Neujahrsapéro habe er jedenfalls noch nie über Fluglärm geplaudert. Der Fluglärm und Höri. Von aussen gesehen gehören sie untrennbar zusammen – und das ist vielleicht Götz’ grösstes Problem. Man reduziert das Dorf auf den Fluglärm. Früher war es der Baustopp, der «zum Glück» vor eineinhalb Jahren aufgehoben wurde, welcher den Gemeinderat beschäftigte. Damals drohte dem Dorf den Stillstand, jetzt stehen da auch wieder Baukräne. Baulärm ist in Höri positiv besetzt: Das Dorf entwickelt sich.

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Die Reduktion auf den Fluglärm: Die ist falsch. Denn Lärm gibt es in Höri auch am Boden. Rund 14'000 Autos und Lastwagen befahren täglich die Wehntalerstrasse, die das Dorf der Länge nach durchschneidet. «Das ist das viel grössere Problem», meint Götz.

Seit der Flughafen hier sei, sagt Götz weiter, lebten die Höremer mit dem Fluglärm. Das Dorf habe einen entspannten Umgang damit: Man profitiert in erster Linie von der Nähe zum Flughafen. Sicher: Als Politiker beschäftigen ihn auch die weniger schönen Auswirkungen dieser Nähe. In der Diskussion um den Fluglärm fühle sich der Norden oft zweitklassig. «Wir ertragen den Fluglärm, ohne zu murren. Und wir sind weiterhin bereit, ihn zu ertragen.» Das dürfe nicht als Signal gewertet werden, dass man dem Norden einfach alles aufbürden kann. Der IG-Nord – Götz ist da als Gemeindevertreter automatisch Mitglied – geht es denn auch nicht um die Reduktion des Fluglärms, sondern um dessen Verteilung. Entsprechend gefällt Götz der neue Sachplan: vor allem, weil es wegen der Südstarts zu weniger Verspätungen kommen sollte. Womit wiederum die Nachtruhe strikter eingehalten würde. Das ist die einzige scharfe Formulierung Götz’ in einem entspannten Gespräch: «Um 23 Uhr muss Schluss sein!»

Audio: So laut ist es am Flughafen Kloten

Bauer Andreas Vogelbach sitzt abends manchmal mit seiner Frau in seinem Garten am Fuss des Höribergs – und wird sehnsüchtig. Angesichts der vielen Flieger packe ihn dann und wann das Fernweh. Auch Roger Götz mag es, am Abend in seinem Garten zu sitzen. Wenn eine A380 übers Dorf fliege, dann sehe er hoch – «ist schon faszinierend». Am Tisch in seinem Garten übrigens zeige sich der Unterschied zwischen Höremer und Auswärtigen: «Wenn ein Flieger kommt, hören wir immer auf zu reden. Die Gäste hingegen reden lauter.» Das sei auch so, erzählt Landwirt Vogelbach, wenn er mit Auswärtigen auf seinem Land unterwegs sei. Dass lauter reden zu nichts führt, mussten am 1. August vor einigen Jahren Min Li Marti (SP) und Balthasar Glättli (Grüne) erfahren. Die Festredner aus der Stadt redeten auf dem Festgelände auf dem Höriberg trotz Landeanflug einfach weiter. Typisch Auswärtige!

Dann zieht halt wieder weg!

Auswärtige, Zuzüger seien es «natürlich» gewesen, die einst im Dorf die Initiative gegen den Fluglärm ergriffen hätten, erzählt Ursula Albrecht, eine Ur-Höremerin, Anfang sechzig. «Denen habe ich damals meine Meinung gesagt», sagt sie, sie könnten ja wegziehen, anstatt sich zu beschweren. Manchmal, wenn sie in Süd­tirol in den Ferien sei, sei das für sie ungewohnt. «Ich muss mich immer an die Stille gewöhnen.»

Trotz der Dauerbeschallung hat Höri seinen idyllischen Charakter bewahrt. Sicher, da sind ausfransende Industriegebiete, da gibt es hässliche Siedlungen aus den 60er- und 70er-Jahren. Bei der Fahrt durchs Dorf fällt aber das Schöne auf: die Riegelhäuser, die Bauernhöfe, die gepflegten Felder und adretten Obstbaumreihen. Auf einem Immobilienportal wird für eine Wohnung so geworben: «Rehe weiden angrenzend an Ihre Wohnung, und für die Flugbegeisterten laden die landenden Flugzeuge zum ‹Plane Spotting› ein.»

Das ist die positive Seite des Fluglärms: Man kann Flugzeuge aus nächster Nähe beobachten. Man sieht, wie sich die Fahrwerke elegant nach hinten neigen. Dazu kommt: Die Wohnungen und selbst schöne Riegelhäuser sind hier bezahlbar. Ein solches an der Wehntalerstrasse sieht leer aus. Hier war einmal das Restaurant Zur Au. «Heute Ruhetag» steht auf einer ausgebleichten Tafel, die an der Hauswand lehnt. Wie unpassend.

Erstellt: 25.08.2017, 21:05 Uhr

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