Zum Hauptinhalt springen

Fleisch für 358 Franken nicht gescannt – Gericht kippt Freispruch

Das Vergehen sei eine «absolute Lappalie», so der Verteidiger des Coop-Kunden. Das sah das Zürcher Obergericht anders. Die Strafe könnte den Kadermann teuer zu stehen kommen.

Automatische Kasse in einer Zürcher Coop-Filiale.
Automatische Kasse in einer Zürcher Coop-Filiale.
Christian Beutler, Keystone

Kann man für 441.40 Franken Lebensmittel einkaufen und beim Self-Check-out vergessen, dass man 18 Produkte im Wert von 358.80 Franken nicht eingescannt hat, darunter rein zufällig die teuersten Produkte, wie etwa eineinhalb Kilo Rindsfilet im Wert von etwa 200 Franken? Ja, man kann, meinte das Bezirksgericht Winterthur. Nein, geht gar nicht, meinte heute Morgen das Obergericht.

Der Verteidiger des Mannes sprach von einer «absoluten Lappalie» und zeigte sich befremdet über den Umstand, dass die Staatsanwaltschaft den Freispruch des Bezirksgerichts Winterthur ans Obergericht weitergezogen hat. Für die Charakterisierung der Tat als Lappalie «fehlt mir jedes Verständnis», sagte der Staatsanwalt.

Von Berufs wegen mit Zahlen vertraut

Der Mann hatte im November 2017 in einer Coop-Filiale eingekauft. Er benützte dazu zwei Taschen und «mischte» das Scanning-System: Einen Teil der Einkäufe, vor allem Früchte und Gemüse, erfasste er mit dem Handscanner und legte die Waren in die eine Tasche. Fleisch- und Wurstwaren, die er in der zweiten Tasche versorgte, wollte er gemäss eigenen Aussagen am Schluss beim Self-Check-out einscannen. Was er aber nicht tat.

Der Kadermann, der von Berufs wegen mit Zahlen umgehen kann, entschuldigte sich für das Versehen. Er habe an jenem Freitag eine sehr intensive Zeit im Geschäft hinter sich gehabt, die Beziehung zu seiner Frau sei auf der Kippe gestanden, in seiner Herkunftsfamilie seien gesundheitliche Probleme aufgetreten. «Relativ unter Belastung» stehend, habe er «den Kopf nicht bei der Sache» gehabt, kurz: «Ich war durch den Wind.» Er habe die Scan-Systeme schon mehrfach gemischt und nie Probleme gehabt. Wenn er «die sozialistische Ader» habe, gehe er auch mal an die bediente Kasse.

Kritik an «zu gutgläubigen Richtern»

Vor dem Einzelrichter in Winterthur fand der Mann einen, wie das Obergericht meinte, «zu gutgläubigen Richter», der ihn freisprach. Dieser konnte kein Tatmotiv erkennen, insbesondere deshalb, weil der Kadermann monatlich netto einen fünfstelligen Lohn nach Hause trug und deshalb «ohne Weiteres in der Lage gewesen wäre, die Ware zu bezahlen». Es sei auch nachvollziehbar, dass er durch die beruflichen und persönlichen Belastungen «abgelenkt und unkonzentriert» gewesen sei.

Der Staatsanwalt akzeptierte den Freispruch nicht und sprach vor Obergericht von «billigen Behauptungen» des Beschuldigten. Der Diebstahl zeuge «von der Dreistigkeit eines coolen Ökonomen». Er beantragte eine bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 140 Franken (8400 Franken).

Verteidiger spricht von Hetze

Der Verteidiger beantragte natürlich eine Bestätigung des Freispruchs. In einem fachlich nicht über jeden Zweifel erhabenen Plädoyer attackierte er den Staatsanwalt, sprach von «fehlerhaften Feststellungen» und «bösartigen Unterstellungen». Auf dem Rücken seines Mandanten, einer «umfassend integren Persönlichkeit», werde «eine Hetze durchgeführt».

Sein Mandant habe keinen Diebstahl begangen, er habe sich nicht unrechtmässig bereichern wollen. Bei einer Verurteilung drohe ihm der Entzug der Zulassung, womit er seinen Job verliere. Ein Mann in der beruflichen Position seines Mandanten könne «gar nicht so blöd sein», wegen 300 Franken ein solches Risiko einzugehen.

Es geht nicht um Blödheit

Das sah das Obergericht anders. Es gehe nicht um Blödheit. Die meisten Täter gingen einfach davon aus, dass sie nicht erwischt würden. In seinem Fall waren die Fleischverkäuferin und der Filialleiter besonders aufmerksam. In diesem Zusammenhang: Es gehe zu weit, meinte das Obergericht an die Adresse des Verteidigers, den Filialleiter «als Fallensteller» hinzustellen. Im Übrigen gehe auch die an der Staatsanwaltschaft geübte Kritik «an der Sache vorbei».

Es gebe bei diesem Einkauf, der im Obergerichtssaal teilweise per Video zu sehen war, einfach zu viele scheinbare Zufälle. Zufall, dass nur Kleinigkeiten gescannt wurden? Zufall, dass alle teuren Waren in der gleichen Tasche verschwanden? Zufall, dass die Frage «Haben Sie alle Waren gescannt?» übersehen wurde? Zufall, dass der über dem PIN-Code zu sehende Gesamtbetrag übersehen wurde? Zufall, dass man die Quittung zwar anschaute, aber nicht realisierte, dass sie angesichts der Einkaufsmenge ungewöhnlich kurz ausfiel?

Die bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 100 Franken (6000 Franken) dürfte den Kadermann teuer zu stehen kommen. Die Vorstrafe wird im Strafregister eingetragen. Im Arbeitsbereich, in dem der Mann tätig ist, benötigt er eine Zulassung. Er ist gesetzlich verpflichtet, innerhalb von 14 Tagen von sich aus die Finma zu informieren, dass er «wegen strafbarer Handlung gegen das Vermögen im Strafregister eingetragen» wurde. Diebstahl ist eine solche Handlung. Der Betroffene hat aber noch die Möglichkeit, beim Bundesgericht auf ein anderes Urteil zu hoffen.

Zum Thema: Wie Coop und Migros die Ehrlichkeit ihrer Kunden testen

Selbst scannen ist praktisch. Aber man muss aufpassen. Sonst macht man sich möglicherweise strafbar. (ABO+)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch