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«Lehrer haben im Klassen-Chat nichts zu suchen»

Die Fälle von Ehrverletzung und illegaler Pornografie bei Jugendlichen haben sich vervielfacht. Sogar im Klassen-Chat wird gemobbt und provoziert. Wie Lehrer damit umgehen.

Im Klassenchat werden Aufgaben besprochen, und Termine abgeglichen aber immer wieder illegale Inhalte geteilt: Gymnasiasten mit dem Smartphone auf dem Pausenplatz.
Im Klassenchat werden Aufgaben besprochen, und Termine abgeglichen aber immer wieder illegale Inhalte geteilt: Gymnasiasten mit dem Smartphone auf dem Pausenplatz.
Christof Schuerpf, Keystone

Sie tun es aus Langeweile, aus Lust am Provozieren oder weil sie nach Aufmerksamkeit heischen: Jugendliche verbreiten Gewaltdarstellungen und verbotene Pornografie per Handy und Computer wie noch nie: 205 Verfahren hat die Jugendanwaltschaft des Kantons Zürich 2013 bis 2015 deswegen geführt, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet. In den drei Jahren zuvor waren es 26 gewesen. 171 Strafverfahren gegen Jugendliche gab es in dieser Zeit wegen Ehrverletzungsdelikten. Gemobbt und provoziert wird vor allem per Textnachrichten und in sozialen Netzwerken, manchmal sogar im Klassenchat. Meist sind es Lehrer, informiert von besorgten Eltern, die Strafanzeige erstatten.

Christian Bochsler, Primarlehrer, Coach und Präventionsexperte, berät diesbezüglich fünf Gymnasien in der Stadt Zürich. Schon in der ersten Schulwoche dieses Jahres muss er intervenieren: Mehrere Schüler haben Links auf verboten Pornografie weitergegeben. «Auch dabei macht man sich strafbar, sofern man weiss, was sich hinter dem Link verbirgt», sagt Bochsler. Und wer eine solche Nachrichten nicht innerhalb von längstens drei Tagen löscht, hat ebenfalls mit rechtlichen Konsequenzen zu rechnen. «Solche Dinge wissen viele Lehrkräfte nicht», sagt Bochsler. Im vorliegenden Fall hat sich Bochsler selber erst von der Schweizerischen Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (Kobik) beraten lassen müssen.

Der Lehrer als Verräter

Auch wenn die Schüler heute in Medienkompetenzkursen ausgebildet würden und wüssten, welche Inhalte im Netz legal heruntergeladen werden dürften und welche nicht. «Über Gruppendynamik wird dort kaum informiert und wie man es verarbeitet, wenn man unwillentlich mit Gewalt- oder verstörenden Pornovideos konfrontiert wurde», sagt Bochsler.

Lehrern empfiehlt der Experte, nicht in Klassen- oder Hausaufgaben-Chats der Schüler dabei zu sein. «Sie geraten dort in wahnsinnige Sachzwänge.» Intervenieren sie bei Mobbing oder beim Teilen von illegalen Inhalten, machen sie sich gegenüber der Klasse zum Verräter. Halten sie sich zurück, machen sie sich strafbar. «Indem Lehrer sich aus solchen Chats raushalten, signalisieren sie auch: Ich bin nicht euer Kollege.»

Eine Zürcher Gymilehrerin, die Deutsch unterrichtet und schon schlechte Erfahrungen diesbezüglich gemacht hat, kann dem nur zustimmen. «Ich sitze ja in der Pause auch nicht zu den Schülern und game mit ihnen oder tratsche über Lehrer und Mitschüler. Das ist ihre Welt, da hab ich nichts zu suchen.»

Plötzlich diese Resonanz

Dass die Schüler Pornos austauschen oder andere mobben, indem sie Todesdrohungen in sozialen Medien verbreiten, wie sie es selber schon mitbekommen hat, stimmt sie nachdenklich. «Offensichtlich begreifen viele nicht, dass sie sich strafbar machen damit. Und sie erkennen nicht, dass das Internet nichts vergisst.»

«Früher mussten wir als Jugendliche eine Nachricht auf ein Blatt Papier kritzeln und herumgeben, wenn wir jemanden beleidigen wollten», sagt Experte Bochsler. Whatsapp-Gruppen könnten hingegen 100 und mehr Kontakte umfassen. Was jemand gerade in den Klassen-Chat geschrieben hat, taucht augenblicklich auf 100 Handys auf, ist dort gespeichert und kann gegen ihn verwendet werden. «Früher hatte man nie diese Resonanz.»

Dass Jugendliche einander mit verstörenden Inhalten konfrontieren, um zu provozieren, kann die Zürcher Deutschlehrerin aus pädagogischer Warte noch einigermassen nachvollziehen. «Die Schüler testen Grenzen aus, und sie sind gespannt auf die Reaktion ihrer Mitschüler: Wer reagiert cool, wer angeekelt, wer schreitet ein etc.» Das gehört für sie ein Stück weit zum Entwicklungsprozess. «Dass es dabei vermehrt zu strafrechtlich relevantem Verhalten kommt, hat mit den neuen technischen Möglichkeiten zu tun und damit, dass Lehrer und Eltern diesbezüglich noch nicht auf Zack sind.»

Auch Valentin Künzle, Lehrer am Realgymnasium Rämibühl, beherzigt Bochslers Tipp. Im Klassen-Chat ist er nicht dabei, er kommuniziert mit seinen Schülern per E-Mail. «Auch damit sie lernen, mit diesem Kommunikationsmittel umzugehen; es regelmässig abzurufen und innert nützlicher Frist zu antworten.» Für den Klassen-Chat, meist ist es eine Chat-Gruppe im Messenger Whatsapp, sind die Schüler selbst besorgt. Rund einen Monat nach Schulbeginn hat sich einer unter oft mehreren konkurrierenden Chats durchgesetzt. Künzle hat aber mit seinen Schülern vereinbart, wie mit dem Chat umzugehen ist. Sie wissen, dass sie sich an ihn wenden können, wenn gemobbt wird oder anstössige Inhalte geteilt werden. «Ich behalte mir zudem das Recht vor, den Chat zu sichten und zu speichern, wenn mir Verstösse gemeldet werden.» Er hat dazu einige Chat-Administratoren mit der Klasse bestimmt. Dies vereinfache die soziale Kontrolle innerhalb des Chats.

Schüler organisieren sich selber

Soziale Kontrolle ist auch für Experte Bochsler das beste Mittel gegen Mobbing und Porno-Posts. Die Schüler sollen Mitschüler ausschliessen oder zur Rede stellen, wenn sie wiederholt verbotenes Material verbreiten, sagt er: «30 Rückmeldungen von Klassenkameraden, die schreiben: ‹Das wollen wir nicht›, ist wertvoller als jede Intervention von Lehrern oder Schulleitung.»

Auch wenn der Experte eine deutliche Zunahmen der Fälle beobachtet, ist er überzeugt, dass es sich um ein vorübergehendes Phänomen handelt. «Wir erleben gerade eine Welle, doch künftig werden sich die Jugendlichen in den Schulklassen selber organisieren», ist er überzeugt. Auch die Zürcher Lehrerin ist zuversichtlich. «Die meisten Schüler haben ein gutes Gespür dafür, was sich gehört und was nicht», sagt sie.

Beratungsangebot bei Stadt und Kanton

Die Zürcher Bildungsdirektion verzichtet auch aus Gründen der sich schnell wandelnden Technologie auf einen speziellen Leitfaden zum Thema. Sie stellt jedoch hilfreiche Informationen auf der Website «Stopp Gewalt» bereit:. Hier finden sich wichtige Hinweise für Schulen, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern.

Beratung im Einzelfall gibt es bei der städtischen sowie der kantonalen Fachstelle Gewaltprävention und beim Rechtsdienst der Bildungsdirektion. Ebenso bietet die Kantonspolizei seit dem laufenden Schuljahr für die 4. und 7. Klassen je eine Doppellektion zum Thema Kriminalprävention an.

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