Zürcher Lehrern reichts: Schluss mit grossen Klassen!

Eine seriöse Vorbereitung auf Sek und Gymi sei mit 25 Schülern kaum möglich. Eine Verkleinerung hätte allerdings drastische Folgen.

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Heute Morgen heisst es für die Zürcher Kinder wieder still sitzen und aufpassen. Zum ersten Schultag gibt es aber auch für die kantonale Bildungspolitik eine Herausforderung, denn der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV) präsentiert einen neuen Forderungskatalog. Im Fokus diesmal: die zu grossen Schulklassen in der 4. bis 6. Klasse der Primarschule – auch Mittelstufe genannt.

In dieser Stufe werden die Lernprozesse schneller, der Stoff anspruchsvoller, und die Kinder kommen langsam in die Vorpubertät. Gleichzeitig steigt die Zahl der wöchentlichen Lektionen von 27 auf 30, es gibt neu auch noch «Medien und Informatik», und dann kommt noch Selektionsstress dazu: Wer muss in die Sek C, wer schaffts ins Gymnasium?

Damit die Lehrerinnen und Lehrer diesen Übertritt mit der nötigen Sorgfalt vorbereiten können, finden sie eine Ver­kleinerung der Klassen in der Mittelstufe zwingend. Gemäss einem eben verabschiedeten Positionspapier will der Verband einen neuen Richtwert von 20 Kindern pro Mittelstufenklasse. Würde eine Klasse grösser, müssten die Gemeinden Massnahmen ergreifen, so die Forderung – im Vordergrund stehen mehr Stellenprozente für die Lehrpersonen oder die Aufteilung der Klasse in zwei kleinere Einheiten.

54 übergrosse Klassen

Mit dem neuen Richtwert von 20 Schülern und Schülerinnen wäre in rund 900 Mittelstufenklassen zusätzliche Unterstützung nötig, oder sie müssten aufgeteilt werden. Mit der heutigen Regelung sind Sondermassnahmen offiziell erst ab Klassengrössen von 26 Schülerinnen und Schülern vorgesehen. Im letzten Jahr waren das in der Primarschule 54 Klassen, etwa die Hälfte davon sind Mittelstufenklassen.

«Bei 25 Kindern fühlt sich das Zimmer ziemlich voll an.»Christian Hugi, Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands.

Für ZLV-Präsident Christian Hugi sind die Klassen heute eindeutig zu gross. Er selber arbeitet im Schulhaus am Wasser in Zürich. 25 Kinder gehen in seine Unterstufenklasse. «Da fühlt sich das Zimmer ziemlich voll an, wenn alle da sind», sagt er.

Zum Glück wird sich dies für Hugi jetzt ändern. Denn heute eröffnet Stadtrat und Schulvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) in der Nachbarschaft das neue Schulhaus Pfingstweid. So werden die Klassen im Schulhaus am Wasser etwas kleiner – wenigstens vorübergehend. In der Klasse von Hugi und dessen Stellenpartnerin sind es heute Morgen lediglich 15 Kinder: «Das ist ­angenehm wenig, doch in den nächsten Monaten wird bestimmt noch der eine oder andere Schüler dazukommen.»

Schweizer Rekord

Für Hugi ist die Forderung nach massiver Verkleinerung der Mittelstufenklassen aus drei Gründen gerechtfertigt. Erstens hat die jüngste Arbeitszeiterhebung des Schweizerischen Lehrerverbands gezeigt, dass die Zürcher Lehrpersonen in der ganzen Schweiz am meisten Überstunden machen. Zweitens gibt es heute mit der Integration von ehemaligen Kleinklassenschülerinnen und -schülern und mit der Individualisierung deutlich mehr Stress und Arbeit als früher, und drittens sind die Klassen nirgends in der Schweiz so gross wie in Zürich.

Letzteres wird durch die aktuellsten Daten aus dem eid­genössischen Bildungsbericht ­bestätigt. Selbst wenn alle äusseren Einflussfaktoren wie Urbanität oder die Grösse des Kantonsgebiets hinausgerechnet werden, sitzen in Zürcher Schulklassen im Schnitt vier Kinder mehr als in Bündner Klassen. Sogar im Stadtkanton Basel liegt die durchschnittliche Klassengrösse um 0,5 Schüler tiefer als im Kanton Zürich.

Wer die Zahlen aus dem Kanton Zürich genauer betrachtet, sieht zudem, dass die Schulklassen in den letzten Jahren trotz der Integration von Kleinklassenschülerinnen und -schülern nicht kleiner geworden sind. Im Gegenteil: Im letzten Jahr lag die durchschnittliche Klassengrösse bei 20,7 Schülerinnen, Mitte der Achtzigerjahre lag sie deutlich unter der 20er-Marke. Grösser als heute waren die Klassen seither einzig zwischen 2005 und 2010 – als Folge des Sparprogramms San04, das eine Vergrösserung der Schulklassen vorsah.

Trotz dieser Statistik meint die Chefin des Volksschulamtes, Marion Völger: «Solange unser Stellenpool nicht ausgeschöpft wird, sehe ich keinen zusätzlichen Handlungsbedarf.» Dieser wurde vor einigen Jahren zur Unterstützung für speziell belastete Klassen geschaffen und im Jahr 2014 per Volksentscheid sogar noch um weitere 100 Vollzeitstellen aufgestockt.

Antrag auf Stellenprozente aus dem Pool können Gemeinden unter anderem auch für überdurchschnittlich grosse und schwierige Klassen beantragen. Doch die Nachfrage nach Pool-Stellen hielt sich in den letzten Jahren in Grenzen. 2018 sei sie zwar etwas gestiegen, sagt Völger – von den 252 Poolstellen sind letztes Jahr 221 gebraucht worden. Weiter weist Völger darauf hin, dass die Zusammensetzung und nicht die Grösse einer Klasse ausschlaggebend ist.

Verkleinerung bringt wenig

Diese Aussage wird wissenschaftlich gestützt durch eine Vielzahl von Studien, unter anderem durch die bekannteste und grösste nationale Untersuchung vom Institut für Bildungsevaluation, das eng mit der Universität Zürich zusammenarbeitet. Institutsleiter Urs Moser betonte vor einiger Zeit in einem TA-Interview, nicht einmal die Lehrerinnen und Lehrer seien glücklicher in kleinen Klassen.

Moser plädiert deshalb für eine gezielte Unterstützung von Lehrpersonen mit besonders belasteten Klassen und nicht für die generelle Verkleinerung der Klassen. Für die Mittelstufe erachtet er 25 Kinder pro Klasse als sinnvolle Maximalgrösse. «In grösseren Klassen wird es wirklich schwieriger, die Lernziele gleich gut zu erreichen wie in kleineren Klassen», sagt Moser.

Der Verband der Lehrerinnen und Lehrer ist trotzdem entschlossen, für die Senkung der Richtgrösse für Mittelstufenklassen von 25 auf 20 zu kämpfen. Derzeit diskutiert die Lehrerschaft, wie die Forderung aufs politische Parkett gebracht werden könnte. Einfach wird der Kampf nicht, denn 2014 hat das Volk eine EVP-Initiative, die die Richtgrösse in der ganzen Volksschule auf 20 Schüler pro Klasse senken wollte, mit Zweidrittelmehrheit abgelehnt. Damalige Hauptargumente der Gegner: jährliche Mehrkosten von über 100 Millionen Franken und ein Mehrbedarf von weit über 1000 Lehrerinnen und Lehrern.

Vorstoss im Kantonsrat

Zum Prüfstein wird in den nächsten Monaten ein Postulat von SP-Kantonsrätin Monika Wicki. Sie verlangt die Senkung der durchschnittlichen Klassengrösse im Kindergarten von 19,6 auf 18,5 Kinder. Der Regierungsrat beantragt Ablehnung. Zum Vergleich: Bereits 1984 lag die Klassengrösse bei 18,5 Kindern. Der Rekord aus den letzten 50 Jahren stammt aus dem Jahr 2002. Damals sassen im Schnitt nur gerade 17,2 Knirpse in einer Zürcher Kindergartenklasse.

Erstellt: 19.08.2019, 06:36 Uhr

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