Die Zeit läuft ab für ein Wundergerät aus den Fünfzigern

Zwei Jahre Zeit bleiben noch, um Investoren zu finden, die den grössten Diaprojektor der Welt modernisieren wollen. Sonst möchte ihn das Technorama versteigern.

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Werner Lüthy hat Tränen der Rührung in den Augen beim Anblick des 18-Meter-Ungetüms. Bald 30 Jahre ist es her, dass er den grössten Diaprojektor der Welt das letzte Mal in Betrieb nahm, 60, dass er ihn zum ersten Mal erblickte. Die Spitlight genannte Maschine, erbaut in den Fünfzigerjahren vom Tessiner Tüftler und Flugzeugingenieur Gianni Andreoli, war bis vor wenigen Tagen im Lager des Winterthurer Technorama eingemottet. Doch Mark Ofner, Multimedia-Bastler mit Flair fürs Künstlerische, hat sie aus ihrem Dornröschenschlaf geholt, hinaus ins Licht gestellt, das grell auf den Asphalt des Planzer-Areals scheint und auf das Blech des Projektors.

Ofner hat es Lüthy zuliebe getan und um den Spitlight hier potenziellen Investoren vorzustellen. «Ich muss ihn noch präsentabel machen», sagt er. Technorama-Leiter Jörg Moor hat ihm zwei Jahre Zeit gegeben für seinen Plan: ­Ofner will moderne Technik einbauen, denn die Brennstifte für die Lichtbogenlampe sind selten und teuer, der Projektor kann nur in Aluminiumbleche gestanzte Schattenbilder projizieren, und für den Betrieb sind drei Operateure ­nötig. Vom giftigen Rauch der Lampe gar nicht zu reden.

Einsatz bei Olympia

Werner Lüthy hat eben den 86. Geburtstag gefeiert, klettert aber behände wie ein 30-Jähriger in den Bauch des Space­shuttle-förmigen Projektorhauses. Sein 15-jähriger Enkel Dennis hatte die Idee, dem Grossvater das Wiedersehen zu bescheren. Statt in die Altersresidenz, wie es ihm die Familie vorgaukelte, gings gestern Vormittag deshalb aufs Planzer-Areal. «Ich hab vielleicht eine Familie», sagt Lüthy stolz, «ein Strizzi» sei er, der Dennis, «genau wie sein Vater». Dann erklärt er Ofner Schalter, Räder und Anzeigen im «Cockpit» des Spitlight.

Anfang der Fünfzigerjahre, kaum war Lüthy vom Studium in England zurückgekehrt, hatte ihn Ingenieur Andreoli angerufen. «Ich habe einen Job für dich», sagte er bloss in seinem gebrochenen Deutsch. Wenige Stunden später holte er Lüthy in seinem Alfa Romeo am Bahnhof ab. Nach einer Dusche und einem Kaffee hatte der junge Mann seinen Arbeitsvertrag als Spitlight-Operateur in der Tasche.

Ziel waren die Olympischen Winterspiele in Cortina d’Ampezzo (I), wo der Spitlight 1956 die Resultate des Tages und die Logos der Sponsoren an die umgebenden Bergspitzen strahlte. Die Welt war begeistert, in Holland und in Monaco kam der «Wolkenprojektor» zum Einsatz. Er ist ausgelegt, Schattenbilder auch an die Unterseite von Wolken­decken zu projizieren – sechs Kilometer weit, auf eine Fläche von einem Quadratkilometer. Doch bereits ein Jahr später musste Andreoli den Spitlight in einem stillgelegten italienischen Bergwerk vor dem Zugriff seines enttäuschten Investors verstecken. Der Projektor drohte seine Herstellungskosten nicht einzuspielen.

Ein Vermögen versinkt im Nebel

Werner Lüthy war einer der wenigen, die auch noch Jahre später wussten, wo sich die Maschine befand. Etwa, als Andreolis Witwe diese in den Achtzigerjahren dem Technorama schenkte. Sie lagerte in einem Schuppen in Luzern. In Zusammenarbeit mit dem Technikerverein Winterthur restaurierte Lüthy den Spitlight so weit, dass er wieder betriebstauglich war. Zum Einsatz kam er aber auch in den Achtzigerjahren nicht lange: Nach einem missglückten Auftrag in Grindelwald im Jahr 1987 endete er als Klettergerät für Kinder. 10'000 Franken hatte der Auftraggeber bezahlt, um den eben im «Guinnessbuch der Rekorde» verzeichneten grössten Diaprojektor der Welt in Betrieb zu sehen. Statt des Firmenlogos, projiziert an die Eigernordwand, war wegen des dichten Nebels aber bloss ein heller Lichtstrahl am Himmel zu sehen gewesen.

Um den Spitlight im Betrieb günstiger zu machen, will Mark Ofner den Lichtbogenprojektor durch vier moderne Projektoren ersetzen. «So kann er von einer einzelnen Person bedient werden.» Eine bis zwei Millionen Franken, so schätzt der Bastler, sind dafür nötig. Und der Ordner, den Werner Lüthy ihm mitgebracht hat, kommt ihm ebenfalls sehr gelegen. Fein säuberlich hat der ehemalige Operateur die Dokumente geordnet. Fotos von den Einsätzen, Checklisten für den Betrieb und vor allem: das Elektroschema für Lastwagen, Projektor und Anhänger, handgezeichnet. Erinnerungen an ein grosses Abenteuer aus einer anderen Zeit.

Erstellt: 28.07.2015, 11:49 Uhr

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