Lieber Hochhäuser bauen als das Land verlieren

Bauer und EDU-Kantonsrat Hans Egli stören achtstöckige Wohnhäuser nicht. Deshalb unterstützt er die Kulturlandinitiative.

Bauer Hans Egli auf seiner Weide, die mitten im Wohnquartier von Steinmaur liegt.

Bauer Hans Egli auf seiner Weide, die mitten im Wohnquartier von Steinmaur liegt. Bild: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Einen schönen und grossen Hof hat die Familie Egli in Steinmaur. 40 Hektaren Land, 45 Kühe, 40 Jungtiere, 450 Hühner und einen Hofladen mit einem eindrücklichen Sortiment samt selbst gemachten Teigwaren und täglich frischem Brot. Wenn am 27. November im Kanton über die Umsetzung der Kulturlandinitiative abgestimmt wird, wissen die Eglis so genau wie wenige, warum sie Ja stimmen. Denn Eglis Bauernhof – in vierter Generation – liegt mitten in der Gemeinde. An der Hauptstrasse zwischen Ober- und Niedersteinmaur.

Auf dem Zonenplan sieht Eglis Weide- und Ackerland aus wie ein Stück Torte, das im Kuchen mit verschiedensten Wohnzonen übrig geblieben ist. Will die Gemeinde weiterwachsen, braucht sie das Stück. Bereits steht neben dem Hof die Alterssiedlung auf einem als Zentrumszone eingetragenen Stück Land.

Heute weiden die Kühe der Familie Egli zwischen dem Bauernhof, der Alterssiedlung und einem 30-jährigen Einfamilienhaus. Neben dem Hof ist ein riesiger Auslauf für die Hühner eingezäunt. «Acht von zwölf Monaten sind die Kühe draussen», sagt der 51-jährige Hans Egli. Doch er weiss: «Jede Gemeinde will wachsen, das bringt mehr Steuern.»

Auch bei Eglis hat der Gemeinderat schon angefragt, ob er zwei Hektaren Land einzonen könne. «Kein Interesse», lehnte Egli ab. Denn das Kulturland direkt beim Hof – aber auch mitten im Dorf – ist für ihn das wertvollste. Um am Abend die Kühe heimzuholen, kann er direkt hinüberspazieren. Im Gegensatz zu den paar verzettelten Landflecken, die er weiter entfernt und auch in der Nachbargemeinde gepachtet hat.

Geld macht nicht glücklich

Land zu verkaufen, bringt zwar Geld, die Eglis aber sind überzeugt, dass das eine Bauernfamilie nicht glücklich machen würde. «Bei den Neuzuzügern hätte es garantiert solche, die sich wegen des Gebimmels ärgern oder weil es zu stark nach Bauernhof riecht», sagt Jolanda Egli, die den Hofladen schmeisst. Hans Egli ergänzt: «Bauern, die Land verkaufen, bekommen Neid zu spüren.»

«In der Schweiz wird heute ein Quadratmeter Boden pro Sekunde überbaut», sagt Hans Egli. «Das ist zu viel.» Die Umsetzungsvorlage zur Kulturlandinitiative verlangt deshalb: «Für ackerfähiges Kulturland, das einer Bauzone zugeteilt oder in einen Gestaltungsplan einbezogen wird, ist gleichwertiger Ersatz zu schaffen.»

Auch wenn die Kulturlandinitiative nicht angenommen wird, müsste Bauer Hans Egli nicht unmittelbar um Hof und Land fürchten. «Aber die Zukunft für eine Bauernfamilie mit Hof und Tieren würde schwieriger», ist Hans Egli überzeugt. Dabei denkt er auch an seinen 23-jährigen Sohn Elias, der die Bauernlehre absolviert hat und nun das Studium auf dem Strickhof beginnt.

Hans Egli ist im Kantonsrat ein Vertreter der Eidgenössisch-Demokratischen Union (EDU), die meist konservativ stimmt. Beim Schutz des Kulturlands ist die EDU – im Gegensatz zu SVP, FDP, CVP, BDP, EVP und Regierungsrat – für die Umsetzung der Initiative.

Bauern im Gewissenskonflikt

Auch der Zürcher Bauernverband hat die Ja-Parole gefasst, diesen Beschluss aber kaum kommuniziert. Für die Bauernvertreter in der SVP – auch Parteipräsident Konrad Langhart – führt das zum Gewissenskonflikt. Im Kantonsrat hatten sich die SVP-Bauern der Stimme enthalten. Und an der SVP-Delegiertenversammlung Ende August wurde die klare Parole – 177 Nein gegen 23 Ja bei 11 Enthaltungen – erst nach einer emotionalen Diskussion gefasst. Das Problem der SVP: Die Kulturlandinitiative der Grünen wurde 2012 an der Urne mit 54,5 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Ein junger Delegierter forderte denn auch eine «pfefferscharfe» Umsetzung von Volksentscheiden, wie es die SVP bei anderen Initiativen auch immer verlange.

Landwirt Hans Egli hat nichts gegen Zuzüger nach Steinmaur und gegen das Bauen von neuen Wohnungen. Er möchte sich bloss dafür einsetzen, dass nicht immer mehr wertvolles Land zubetoniert wird. «Mich würde es nicht stören, wenn auch bei uns draussen auf dem Land achtstöckige Wohnhäuser gebaut würden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2016, 08:46 Uhr

Die Kulturlandinitiative

Ein politisches Hin und Her

Die Zürcher Stimmbürger müssen am 27. November zum Thema Kulturlandschutz zum zweiten Mal an die Urne. Grund: Im Juni 2012 wurde die Kulturlandinitiative der Grünen zwar mit 54,5 Prozent Ja angenommen. Die Regierung und die Mehrheit des Kantonsrats wollten die Anpassung des Planungs- und Baugesetzes jedoch nicht umsetzen. Ihr Argument: Der inzwischen revidierte Richtplan genüge dazu vollständig. Doch das Bundesgericht hat 2015 den Kantonsrat verpflichtet, eine referendumsfähige Umsetzungsvorlage zu verabschieden. Der Rat tat dies, die bürgerliche Mehrheit ergriff aber gleichzeitig das Referendum dagegen. Und über dieses wird nun abgestimmt. Kern der Vorlage: Es darf nur neu eingezont werden, wenn anderswo ausgezont wird. Alternativ ist es möglich, Flächen aufzuwerten, damit sie landwirtschaftlich genutzt werden können. (rba)

Artikel zum Thema

Kulturlandinitiative zum Zweiten

Mit 54,5 Prozent haben die Zürcher die Kulturlandinitiative vor vier Jahren angenommen. Warum wir über den Schutz des Ackerlandes jetzt erneut abstimmen. Mehr...

Kulturland: Volk stimmt nochmals ab

Die Bürgerlichen wollen die Kulturlandinitiative trotz Rüffel vom Bundesgericht nicht umsetzen. Gegen die gestern «zwangsberatene» Vorlage wollen sie das Referendum ergreifen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare