London Calling: Was die ZKB in England sucht

«Kein Kerngeschäft»: Zürcher Politiker kritisieren das Investment der Kantonalbank im Ausland. Zudem sorgt ein weiterer Punkt für Beunruhigung: Die Negativzinsen.

Die Expansion ins Ausland der ZKB kommt nicht überall gut an.

Die Expansion ins Ausland der ZKB kommt nicht überall gut an. Bild: Keystone

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Die Zürcher Kantonalbank gibt es bald auch in England. Am Montag wurde bekannt, dass die ZKB die Londoner Broker-Tätigkeiten der Bank Vontobel übernehmen will. Zur Abteilung gehören fünf Angestellte. Der Kaufpreis bleibt geheim.

Im Kantonsrat führte der Schritt der Staatsbank zu spontaner Kritik. «Die neue Geschäftsstelle in London bedeutet einen Ausbau im Ausland. Das gehört nicht zum erforderlichen und statthaften Kerngeschäft der ZKB», sagt SVP-Kantonsrat Hans-Peter Amrein. Solche Einsätze brächten unnötige Risiken mit sich, für die am Ende die Steuerzahler hafteten. Die ZKB gehört zu 100 Prozent dem Kanton Zürich und verfügt über eine Staatsgarantie.

Auch die GLP kritisiert die Expansion: «Die ZKB hat im Ausland nichts zu suchen. Das hat der Kantonsrat mehrmals betont», sagt GLP-Kantonsrat Daniel Hodel. «Die Risiken von solchen Engagements lassen sich nurschwer einschätzen.» Leider strebe die Führung der ZKB danach, mehr zu sein als eine reine Hypotheken- und Gewerbebank. Wie in den Nullerjahren entwickle sie Grossbank-Allüren. Die GLP plant, eine neue Debatte über die Staatsgarantie der ZKB anzustossen. Diese müsse eingeschränkt werden, sagte Daniel Hodel.

Hilfe bei Börsengängen

Die ZKB verteidigt die geplante Übernahme in London. «Diese ist kein grosser Expansionsschritt. Wir erweitern lediglich ein bestehendes Angebot», sagt Sprecher Patrick Friedli. Die ZKB verfolge eine Strategie der Diversifikation, um sich weniger abhängig vom Zinsgeschäft zu machen. Dazu gehöre auch das Handels- und Kapitalmarktgeschäft. Dabei unterstützt die Bank Schweizer Unternehmen, die an die Börse gehen oder dort mehr Aktienkapital aufnehmen wollen. «Wir suchen Investoren für diese Unternehmen. Dank dem Büro in London wird dies auch international möglich sein», sagt Friedli. Der weltweit bedeutende Finanzplatz biete eine breite Basis an institutionellen Geldgebern. Daher bringe es viel, vor Ort zu sein. Jedoch: «Wir bleiben fokussiert auf Unternehmen mit Bezug zur Schweiz.»

Mit viel Risiko sei das geplante Engagement in London nicht verbunden, sagt Friedli. «Wir treten als Vermittler auf zwischen Schweizer Unternehmen und Kapitalgebern in London.» Diesen Investoren biete man ausserdem Zugang zum Schweizer Aktienmarkt.

784 Millionen Gewinn

Im Kantonsrat ist die Aufsichtskommission über die wirtschaftlichen Unternehmen für die ZKB zuständig. Das Gremium hat die Übernahme noch nicht besprochen. Präsident André Bender (SVP) beurteilt das Geschäft mit dem heutigen Wissensstand aber als «nicht sonderlich problematisch». Es gehe lediglich darum, die Marktmöglichkeiten für Schweizer Unternehmen zu verbessern. Das Risiko für die ZKB bleibe bescheiden.

Angefragte Kantonsräte kritisierten allerdings das «intransparente Vorgehen» der ZKB. Diese hat am Montagmorgen einzig die zuständige Kommission aufgeklärt. «Wir mussten durch die Medien vom Londoner Geschäft erfahren», sagt SP-Fraktionspräsident Markus Späth. Die ZKB entgegnet: Bei Geschäften mit börsenkotierten Unternehmen könne man aufgrund der Insiderproblematik und der Geheimhaltungspflicht nur einen sehr engen Personenkreis vorinformieren.

Vergangenes Jahr erwirtschaftete die ZKB einen Gewinn von 784 Millionen Franken. Davon gingen 358 Millionen Franken an den Kanton und die Gemeinden.

Derweil gerät die Bank noch wegen eines anderen Punktes in die Kritik: Die Negativzinsen. Kundinnen und Kunden der ZKB müssen neuerdings Negativzinsen zahlen. In einem TA-Interview vom letzten Samstag sagte ZKB-Chef Martin Scholl: «Derzeit zahlen etwa 2000 bis 2500 unserer Kunden Negativzinsen.» Die Bank habe jedoch eine Million Kunden. «Sie sehen», sagte Scholl, «nur ein Bruchteil ist betroffen, es gibt keinen Grund zur Unruhe.»

Das vermochte die Gemüter nicht zu beruhigen. Im Gegenteil: Parlamentarier von der SVP, der GLP und der FDP fordern jetzt mehr Transparenz. Der Bankrat soll Auskunft geben, nach welchen Kriterien und ab welchem Betrag die Staatsbank die Negativzinsen verrechnet. Wenn auch vorerst nur rund 0,25 Prozent der Kundinnen und Kunden von Negativzinsen betroffen sind: Für die Bevölkerung ist jedoch nicht klar, wie diese ausgewählt werden. Langjährige Kunden werden offenbar anders behandelt als Neukunden.

Die Parlamentarier wollen von der Bank nun Antworten. Sie haben eine entsprechende Anfrage an den Zürcher Regierungsrat eingereicht, welche vom Bankrat der ZKB beantwortet werden muss.

Keine Negativzinsen für Kleinsparer?

So soll die Bank etwa klären, ob sie bereit ist, Kleinsparer und Gewerbler von Negativzinsen zu befreien oder zumindest zu entlasten – für den Fall, dass der Druck auf die ZKB durch Negativzinsen weiter steigen würde.

Die Situation sei vertrackt, schreiben die Parlamentarier weiter. Die Negativzinsen würden den Gewinn der Bank schmälern, was die jährlichen Ausschüttungen an Kanton und Gemeinden reduziere. Der Kanton habe deshalb ein gewisses Interesse daran, dass die ZKB die Negativzinsen auf die Kundinnen und Kunden abwälze.

Erstellt: 11.12.2019, 08:21 Uhr

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