Luchsjunge tappen in Videofalle

Jäger konnten im Tösstal erstmals zwei junge Luchse auf Film festhalten. Ein Glücksfall, denn statistisch gesehen überlebt höchstens eines der Jungtiere.

Seltener Anblick: Ein Luchsjunges in der Videofalle

Seltener Anblick: Ein Luchsjunges in der Videofalle Bild: Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein bisschen tapsig wirken sie noch, die beiden jungen Luchse, die sich Ende August in der Nähe von Blitterswil bei Juckern über den Kadaver eines Rehs hermachen. Doch ihre Zähne funktionieren bereits bestens: Immer wieder reissen sie Fleischfetzen aus dem toten Tier, wie Aufnahmen von einer Videofalle zeigen.

Jäger Jürg Küenzi hatte diese Kamera angebracht, wie der «Tössthaler» berichtete. Am 27. August hatte er von seinem Hochsitz aus beobachtet, wie ein Luchs eine Rehgeiss riss. Es war das erste Mal, dass Küenzi, Förster des Gebiets Bauma-Wila, einen Luchs in freier Wildbahn sah. «Und dann gleich in Aktion!»

Mutter ebenfalls im Film

Der Luchs schleifte den Kadaver an den Waldrand. Küenzi meldete seine Sichtung Andreas Sudler, dem Obmann des Jagdreviers Bauma II, der zugleich Luchsbeauftragter des Zürcher Oberlands ist. Um den Luchs anhand des Fellmusters identifizieren zu können, brachte Küenzi eine von Sudlers Kameras neben dem Kadaver an, den er zuvor noch an einem Pfosten festgebunden hatte.

Weil Luchse ihre Beute über mehrere Tage verteilt vertilgen, tauchte die Luchsmutter an den nächsten Tagen wieder auf. Diesmal mit ihren zwei Jungen im Schlepptau. «Diese Bilder sind etwas sehr Spezielles für mich», sagt Andreas Sudler. Erstmals habe man in ihrem Revier Aufnahmen von jungen Luchsen machen können.

Wohl drei Monate alt

Luchse werfen jeweils Ende Mai, Anfang Juni. Fridolin Zimmermann, Wildtierbiologe bei der Koordinationsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement, schätzt deshalb, dass die beiden jungen Luchse wohl etwa drei Monate alt sind. Während der ersten zehn Monate bleiben die Jungen bei ihrer Mutter, danach lösen sie sich von ihr. «Dass beide überleben, scheint dabei unwahrscheinlich», sagt Zimmermann. Jedes zweite Jungtier sterbe im ersten Lebensjahr. Auch im zweiten Lebensjahr betrage die Sterberate 50 Prozent.

Die Luchsjungen erkunden die Umgebung: Bilder der Videofalle Jagdrevier Bauma II.

Der Luchs hat sich im Tösstal mittlerweile etabliert. Zwischen Turbenthal und Wald habe der Luchs überall nachgewiesen werden können, sagt Urs Philipp, Leiter der kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung: «Mehrheitlich auf der rechten, östlichen Seite der Töss befindet sich ein gutes Habitat für Luchse.» Wie viele es sind, ist laut Philipp nur schwer zu beurteilen. Dies, weil die Reviere der Luchse weitläufig sind und man die Bestände nur in einem grösseren Raum, dem Kompartiment Nordostschweiz, festhalte.

Erkennung am Fleckenmuster

Gezählt werden die Tiere über Bilder aus Fotofallen. «Aufgrund des Fleckenmusters kann man sie gut unterscheiden», sagt Philipp. Insgesamt sei der Trend in der Nordostschweiz zunehmend. Möglich sei, dass sich etwa vier bis sechs Luchse gleichzeitig im Tösstal aufhielten. Besonders die Männchen hätten aber grosse Streifgebiete, in denen sie sich bewegen würden.

Luchse wecken in der Bevölkerung mehr Sympathien als Wölfe. Philipp verortet dies im positiven Image der Katzen in unserer Kultur. «Obwohl sie auch ab und an ein Wild- oder ein Haustier erlegen.» Dies allerdings selten. Im letzten Herbst geriet im Tösstal ein Jagdhund an einen Luchs, 2010 riss ein Luchs ein Schaf in Turbenthal. Vielleicht, so Philipp, habe sich die Bevölkerung in den letzten rund 20 Jahren auch «mehr oder weniger an den Luchs gewöhnt».

Geschützte Arten schiessen?

Auch Obmann Sudler hat den Eindruck, dass die Luchse mittlerweile im Tösstal heimisch geworden sind: «Wir sichten mehr Tiere, sie sind standorttreuer.» Wird es durch die Vermehrung auch zu Abschüssen des geschützten Tieres kommen? Philipp sieht den Schutzstatus des Luchses nicht gefährdet: «In absehbarer Zeit werden sicher keine Luchse erlegt.» Er nennt ein Beispiel: «Selbst wenn wir einen schwer kranken Luchs antreffen würden, ist Zurückhaltung angesagt.» Vor einem Abschuss müsse man sich zuerst rückversichern.

«In absehbarer Zeit werden sicher keine Luchse erlegt. Selbst wenn wir ein schwer krankes Tier antreffen würden, ist Zurückhaltung angesagt.»Urs Philipp,
Leiter kantonale Jagd- und Fischereiverwaltung.

Derzeit wird in Bern das eidgenössische Jagdgesetz überarbeitet. Dabei soll auch ein neuer Artikel geschaffen werden, der die «Regulierung geschützter Arten» regeln soll. Der Luchs wäre nach aktuellem Gesetzesentwurf, im Gegensatz zum Wolf, nicht von solchen Abschüssen betroffen. Zwischenzeitlich hatte dies der Ständerat so verlangt. Sudler findet, die Debatte über Abschüsse von Wolf und Luchs unter bestimmten Voraussetzungen gehe «in die richtige Richtung». Der Ständerat berät heute weiter über das Gesetz.

Erstellt: 10.09.2019, 14:50 Uhr

Artikel zum Thema

Zehnender tappt in Videofalle

Einst waren die Rothirsche fast ausgestorben, nun haben sie sich im Kanton Zürich wieder angesiedelt: Erstmals ist es gelungen, diese scheuen Tiere zu filmen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...