«Achtung: Lebensgefahr»: Als Bruno Manser seine Giftpfeile suchte

Vor 20 Jahren versetzte der Regenwaldschützer Zürich in Aufregung – ihm waren in Dietlikon tödliche Pfeile abhandengekommen.

Bruno Manser hat diese Zeichnung für die Polizei Bülach erstellt. Sie zeigt die Gegenstände, die ihm abhandengekommen waren. Foto: Andrea Zahler, Dokument: Bruno Manser Fonds

Bruno Manser hat diese Zeichnung für die Polizei Bülach erstellt. Sie zeigt die Gegenstände, die ihm abhandengekommen waren. Foto: Andrea Zahler, Dokument: Bruno Manser Fonds

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Der Aufruf von Bruno Manser war dramatisch: «Achtung: Schon bei geringfügiger Verletzung besteht Lebensgefahr!» Das Gift an den rund 100 Pfeilen, die dem Regenwaldschützer am 6. Juli 1999 beim Bahnhof Dietlikon abhandengekommen waren, hätte innert kürzester Zeit tödlich wirken können. 5 bis 60 Minuten dauere es, bis man sterbe, schrieb er in der Vermisstenanzeige, die er am 8. Juli an Herrn Wettstein vom Polizeiposten Dietlikon schickte.

Am Morgen des 6. Juli demonstrierte Manser an einer Regenwald-Ausstellung in St. Gallen den Umgang mit dem Blasrohr – mit Pfeilen ohne Gift. Er hatte aber auch vergiftete dabei: «Zwei- bis viermal pro Jahr nehme ich den Giftpfeilköcher an einen Anlass mit, um ihn zu zeigen», sagte er später in einem Interview mit der «SonntagsZeitung». Auf der Rückreise legte er einen Halt in Dietlikon ein und besuchte dort für eine Protestaktion ein Möbelhaus, weil dieses nicht deklarierte Möbel aus Urwaldholz verkaufe.

Ein Znacht bei Manser und 1000 Franken

Am Bahnhof fand er keine Schliessfächer, weshalb er seinen Rucksack in einem Gebüsch versteckte. «Das hätte ich nicht gemacht, wenn ich gedacht hätte, dass ihn jemand stehlen könnte», sagte Manser im Interview weiter. «Vielleicht bin ich etwas naiv: In der Schweiz sind die Leute halt anders sozialisiert. Im Urwald wäre der Sack nicht gestohlen worden.»

In einem handschriftlichen Brief an die Polizei Dietlikon nennt Manser seinen Finderlohn. Foto: Andrea Zahler, Dokument: Bruno Manser Fonds

Der Vermisstenanzeige legte Manser auch eine detaillierte Skizze mit sämtlichen vermissten Gegenständen bei. Neben Köcher und Pfeilen waren das auch eine kurze Lederhose, ein Wollgilet, eine Wolljacke, Korrespondenzen und Spendengelder. Den Verlust der Giftpfeile hatte Manser der Polizei zuerst noch verheimlicht – wohl in der Hoffnung, dass sie schnell wiederauftauchten.

Der Bevölkerung riet Bruno Manser beim Kontakt mit den Giftpfeilen eindringlich: «Bei kleinster Verletzung sofort herzwärts abbinden, die verletzte Stelle herausschneiden oder zumindest mit Messerschnitt zu starkem Bluten bringen. Sofort ins Spital!» Köcher und Pfeile hatte er selber auf Borneo hergestellt, die Pfeilspitzen eigenhändig vergiftet. Das Gift stammte vom Pfeilgiftbaum (Antiaris toxicaria). Im Urwald gehörten Köcher und Pfeile zu Mansers Ausrüstung. Als Finderlohn hatte er «ein Znacht bei mir und 1000 Franken» ausgeschrieben.

Kontostand: 300 Franken, Rechnung: 1214 Franken

Für den damals 45-jährigen Bruno Manser hatten die Diebstahlanzeige und die öffentliche Warnung vor den Giftpfeilen rechtliche Folgen. Das Statthalteramt wurde aufmerksam auf den Fall. Es stellte Manser am 23. August eine Strafverfügung zu. Er müsse eine Busse von 800 Franken bezahlen und zudem die Staatsgebühr von 385 Franken, die Schreibgebühr von 24 Franken und die Zustellkosten von 5 Franken übernehmen – insgesamt also 1214 Franken.

Der Statthalter hatte ihn für schuldig befunden, gegen das Giftgesetz verstossen zu haben. Für die Giftpfeile habe er keine Bewilligung gehabt. Zudem sei er zu wenig vorsichtig gewesen, da er den Rucksack mit den Giftpfeilen für eine Stunde unbewacht deponiert habe.

Diesen Brief schickte Bruno Manser an den Bülacher Statthalter Bruno Baur in Sachen «Pfeilgiftaffaire». Foto: Andrea Zahler, Dokument: Bruno Manser Fonds

Manser forderte in einem handschriftlich verfassten Brief, die Busse aufzuheben. Er sei mit dem Diebstahl bereits genügend bestraft, zudem betrage sein Kontostand nur 300 Franken. Das Statthalteramt schickte ihm daraufhin eine Vorladung. Am 15. September fragte der Statthalter Manser, ob die Gefahr der Pfeile immer noch gross sei. Manser antwortet: «Es kommt drauf an, wo die Pfeile heute sind. Das Gift ist abwaschbar. Wenn also Wasser dazukommt, würde das Gift ausgewaschen.» Am 16. Dezember schliesslich schrieb der Statthalter, dass die Busse rechtskräftig sei.

Die Giftpfeile sind bis heute nicht aufgetaucht.

Seit gestern ist der Film «Bruno Manser – die Stimme des Regenwaldes» von Regisseur Niklaus Hilber im Kino.

Erstellt: 08.11.2019, 11:00 Uhr

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