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Mario Fehr verärgert Polizei mit Anzeige wegen einer «Lappalie»

Ein Mann überschüttete den Zürcher Sicherheitsdirektor mit Bier. Die Affäre hatte ein sonderbares Nachspiel.

Bekennender Fan des FC Zürich: Sicherheitsdirektor Mario Fehr. Foto: Walter Bieri (Keystone)
Bekennender Fan des FC Zürich: Sicherheitsdirektor Mario Fehr. Foto: Walter Bieri (Keystone)

In Schweizer Sportstadien herrschen raue Sitten. Mit Bier überschüttet zu werden, ist noch das Harmloseste, was einem passieren kann. Man wischt sich das Gesicht ab und ärgert sich. Damit ist der Zwischenfall erledigt. Doch nicht so, wenn das Opfer Regierungsrat Mario Fehr ist. Dann gelten andere Regeln. Die ihm unterstellte Kantonspolizei Zürich lässt nichts unversucht, um den Täter zu ermitteln. Andere Regeln gelten offenbar auch, wenn der ermittelte mutmassliche Täter der Sohn einer Schweizer Politikerin ist, die wie Fehr der SP angehört. Doch dazu später.

Die ungewöhnliche Geschichte, über die das Online-Magazin «Republik» gestern zuerst berichtet hat, beginnt beim Fussballspiel des FC Winterthur gegen den FC Zürich am 13. Mai 2017. Mario Fehr ist ein bekennender FCZ-Fan. Er zeigt sich gerne im Stadion und gibt sich volksnah. An diesem Samstagabend spürt er aber schon bald die Abneigung vieler Fans beider Vereine. Bereits während des Spiels schreit jemand auf der Tribüne «Fehrräter!». Der SP-Regierungsrat hatte sich im Frühling davor in linken Kreisen mit seiner harten Asylpolitik unbeliebt gemacht.

Nach dem Spiel begibt sich Fehr in die Libero-Bar, einem beliebten Treffpunkt von Fans. Anhänger beider Vereine stehen dicht gedrängt, trinken Bier, die Stimmung ist friedlich. Einige fühlen sich von Fehrs Anwesenheit aber gestört. «Du bist hier nicht erwünscht», sagt ein FCZ-Fan. Fehr bleibt. Da treten zwei Anhänger des FC Winterthur vor ihn hin, einer schüttet dem Regierungsrat Bier über den Kopf, der andere auf den Bauch. Da­raufhin verlässt Fehr schnaubend die ­Libero-Bar, erzählen mehrere Personen unabhängig voneinander dem «Tages-Anzeiger». Dabei soll er geschimpft haben: «Das wird ein Nachspiel haben!»

Verärgerte Polizisten

Dass einem ungeliebten Exekutivpoli­tiker ein Bier angeschüttet wird, kommt hin und wieder einmal vor. Auch der Stadtzürcher Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) bekam bei seinem Besuch auf dem besetzten Koch-Areal 2013 eines ab. «Das gehört zu meiner Rolle», sagte er später. Mario Fehr wollte die Attacke im Sommer 2017 jedoch nicht hinnehmen. Zuerst ermittelte die Winterthurer Stadtpolizei, danach die Kantonspolizei. Nicht gerade freiwillig, wie ein Polizist dem «Tages-Anzeiger» erzählt: «Es gab massiven Druck. Mehrere ausserordentliche Sitzungen wurden wegen dieser Lappalie einberufen.» Weitere Polizisten und andere involvierte Personen bestätigen diese Aussagen. Zudem wird der Sicherheitsdienst, der im Stadion des FC Winterthur zuständig ist, befragt. Ein Mitarbeiter spricht von einem «völlig unverhältnismässigen Aufwand wegen so einer Kleinigkeit».

Zusätzlich für Unmut sorgt bei Polizisten, dass sie «eigentlich Besseres zu tun» hätten. Am selben Abend, an dem Fehr mit Bier überschüttet wurde, warf jemand beim Bahnhof Winterthur einem FCZ-Fan einen Schachtdeckel auf den Kopf. Der Fan erlitt schwere Verletzungen. Dank «wertvollen Hinweisen» der Winterthurer Stadtpolizei gibt die Kantonspolizei nur Tage später bekannt, einen Verdächtigen verhaftet zu haben.

Länger dauert es beim mutmasslichen Bierausschütter. Mehrere Personen werden einvernommen, auf den Polizei­posten geladen oder telefonisch befragt. Dabei zeigen die Ermittler den Auskunftspersonen Fotografien von Fans des FC Winterthur. Erstellt wurden die Bilder von einem Kadermitarbeiter von Fehrs Sicherheitsdirektion, der mit Finanzen zu tun hat. Weshalb er die Fotos geschossen hat und ob es im Auftrag von Mario Fehr geschehen ist, will die Sicherheitsdirektion nicht sagen.

Überhaupt nimmt weder sie noch die Kantonspolizei Stellung zu den ungewöhnlichen Ermittlungen. Die Sicherheitsdirektion bestätigt lediglich, dass es in der Angelegenheit kein laufendes Verfahren mehr gebe und dieses auch keine strafrecht­lichen Konsequenzen hatte. Ausserdem weist sie allgemein darauf hin, dass die Schilderung, mit denen der TA Fehr konfrontiert hatte, «in wesentlichen Punkten nicht den tatsächlichen Ereignissen» entsprächen. Welche Punkte und Ereignisse das im Detail betrifft, will die Sicherheitsdirektion nicht sagen: «Auf eine weiterführende Stellungnahme verzichten wir aus Rücksichtnahme auf die Persönlichkeitsrechte von Beteiligten.»

Mit Entschuldigung erledigt

Noch ungewöhnlicher als die Ermittlungen war die Reaktion der Polizei, als sie im vergangenen Herbst endlich einen Beschuldigten ausfindig gemacht hatte. Die Ermittlungsabteilung Allgemeine Kriminalität der Kantonspolizei Zürich schickte ihm im Oktober eine Vorladung zur Einvernahme in einem Strafverfahren betreffend Tätlichkeit und Sach­beschädigung; bei diesen Übertretungen handelt es sich um Antragsdelikte. Noch vor dem Vorladungstermin erhielt er allerdings einen Anruf eines Kantonspolizisten. Ob er für ein informelles Gespräch in einer Bar in Zürich erscheinen würde. Dort machte er ihm ein Angebot: Der Beschuldigte solle sich entschul­digen, die chemische Reinigung des ­Anzugs (rund 30 Franken) bezahlen, und Fehr würde dann die Anzeige zurückziehen. So erzählen es zumindest mehrere voneinander unabhängige Personen.

Unklar ist, ob die Idee für dieses Vorgehen von Mario Fehr selbst stammte. Sicher ist, er war in das Vor­gehen involviert. Wenige Tage später empfing Fehr den Beschuldigten in der Sicherheitsdirektion zu einem informellen Treffen. Seither scheint die Sache erledigt. Das Verfahren ist eingestellt.

Über die Gründe, weshalb erst Druck auf die Polizei ausgeübt wurde und Fehr dann die Anzeige zurückzog, kann bloss spekuliert werden. Möglich ist, dass es einen Deal zwischen Fehr und dem Bierausschütter gegeben hat. Ob, wie und weshalb dieser zustande gekommen ist, bleibt unklar. Wie Fehr äussert sich auch der mutmassliche Bierausschütter nicht zum Vorfall. Pikant an der Geschichte ist jedoch: Es handelt sich bei dem Beschuldigten um den Sohn einer Magistratsperson aus einem anderen Kanton. Sie ist wie Fehr Mitglied der SP. Auf Anfrage des «Tages-Anzeigers» sagt sie: «Ich habe von dem Vorfall erst erfahren, als die Angelegenheit bereits erledigt war.»

So verschwiegen sich die Direktbeteiligten geben, so sehr sind die ungewöhnlichen Ermittlungen noch immer ein ­Gesprächsthema bei der Polizei, beim FC Winterthur und in dessen Fanszene. Ganz zum Missfallen von Mario Fehr, der sich sehr über die Recherchen geärgert haben soll.

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*In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Mario Fehr den Beschuldigten in der Justizdirektion zu einem informellen Treffen empfangen hatte. Tatsächlich hat er ihn in der Sicherheitsdirektion empfangen. Wir entschuldigen uns für den Fehler.

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