Martin Graf und drittens

Ein Politiker, der seine Niederlage nicht zusammenbeisst und auslächelt, hat etwas Sympathisches.

Ein sichtlich enttäuschter Zürcher Regierungsrat Martin Graf (GP) nach seiner Abwahl am Sonntag, 12. April 2015. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Ein sichtlich enttäuschter Zürcher Regierungsrat Martin Graf (GP) nach seiner Abwahl am Sonntag, 12. April 2015. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Je stärker das vorgezeigte Gefühl, desto grösser das öffentliche Interesse. Besonders bei einem Beruf wie der Politik, bei dem die Gefühle normiert sind. Es ist ungeschrieben klar, wie Glück und Trauer ausgedrückt werden. Die meisten gewählten Politikerinnen und Politiker freuen sich mit Sträussen und Küssen. Es kommt selten vor, dass sie schreien, schlittern und sich partiell ausziehen wie Fussballer nach dem Goal. Darum reden Politiker nach der Abwahl auch wie Fussballtrainer nach der Niederlage. Sie sagen, dass sie zuerst das Resultat analysieren wollen.

Wut und Frust beim abgewählten Regierungsrat Martin Graf: Er rechnet im Fall Carlos ab. Heute in den ZüriNews um 19 Uhr. //bit.ly/dieabrechnung

Posted by TeleZüri on Monday, 13 April 2015

Martin Graf von den Grünen hat am Sonntag ebenfalls analysiert, warum er als Zürcher Regierungsrat abgewählt wurde, erstens, zweitens, drittens. Bei drittens war er beim Fall Carlos angekommen und der Art, wie die Medien über den Umgang des Justizministers mit dem Unerziehbaren berichtet hatten.

Dabei redete sich Graf in eine Empörung hinein, die bei seinem Temperament als leichter Temperaturanstieg einzustufen ist – bei einem anderen aber zur Wutrede gereicht hätte. Vor allem in der Schweiz, wo die politische Leidenschaft zum Schneider-Ammanschen tendiert. Und weil das Ungewöhnliche mehr interessiert als das Erwartete, verbreitete sich dieser dritte Teil von Martin Grafs Analyse in alle Richtungen. Die Fernsehaufnahme wurde geklickt, geschaut, vermailt, kommentiert. «Unterstützen Sie den Endspurt», steht noch auf seiner Website; der Satz hat eine neue Bedeutung.

Die Frage nach dem Format

Doch die Unterstützung bleibt auch nach dem Endspurt gering. Martin Grafs Ärger über die Art, wie er zum Opfer von anderen wurde, überzeugt die Mehrheit der Kommentatoren nicht. Sie nehmen seinen Auftritt als Bestätigung dafür, dass ihm das Format für ein solches Amt fehle, die Schuldzuweisung als Beweis seiner mangelnden Selbstkritik. Damit haben sie recht.

Dennoch hat ein Politiker etwas Sympathisches, der seine Kränkung nicht murmelnd wegkühlt, die Niederlage nicht zusammenbeisst und auslächelt. Der stattdessen die Demütigung seiner Abwahl zu spüren gibt, und diese ist für Politiker ungeheuer. Es braucht viel Disziplin, still zu bleiben, dafür sind die Lauten ehrlich. Leiden müssen beide sehr.

Erstellt: 14.04.2015, 18:08 Uhr

Und plötzlich geriet er in Rage: Martin Graf am Montag an einem Anlass der Grünen.

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