Ein Glücksfall für die grüne Sache

Der abgewählte Justizdirektor Martin Graf hat eine neue Aufgabe gefunden. Für seinen grünen Parteikollegen Martin Ott kam er gerade zur rechten Zeit.

Neuorientierung mit 60: Martin Ott (links) und Martin Graf auf der Klosterbrücke in Rheinau. Foto: Dominique Meienberg

Neuorientierung mit 60: Martin Ott (links) und Martin Graf auf der Klosterbrücke in Rheinau. Foto: Dominique Meienberg

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«Ich habe meine Niederlage völlig verdaut», sagt Martin Graf. Es ist ein schöner Sommertag, Graf sitzt im Schatten hinter dem ehemaligen Frauengästehaus des Klosters Rheinau, an seiner Seite Biobauer Martin Ott. Von der Klosterinsel klingt Streichmusik herüber, der Rhein umfliesst die Insel dunkelgrün und breit. Graf ist entspannt, es gefällt ihm hier in dieser friedlichen Umgebung und in der Gemeinschaft der Stiftung Fintan, die seit 1998 den früheren kantonalen Gutsbetrieb Rheinau in Pacht hat.

«Noch heute bin ich der Ansicht, dass teure Massnahmen erfolgversprechend sein müssen»Martin Graf, ehemaliger Justizdirektor

Nur kurz kommt Graf auf seine Abwahl aus dem Zürcher Regierungsrat im Mai 2015 zu sprechen und auf die Emotionen, die am Wahlabend aus ihm herausbrachen. Er habe sich über einzelne Grüne geärgert, juristische Besserwisser, die ihm im Fall Carlos in den Rücken gefallen seien. «Noch heute bin ich der Ansicht, dass teure Massnahmen erfolgversprechend sein müssen und eine Mitwirkung der Klienten einzufordern ist», betont der ehemalige Justizdirektor.

Der Fall des schwierigen Jugendlichen, die laue Unterstützung der SP und der bürgerliche Schulterschluss mit der CVP: Diese drei Faktoren haben Graf – und die Grünen – wohl den Sitz in der Regierung gekostet, er landete hinter den drei neuen Frauen Steiner (CVP), Walker Späh (FDP) und Fehr (SP) auf dem achten Rang.

Fern von Zürich

Seither ist es ruhig geworden um Martin Graf. Über ein Jahr lang hat er die Öffentlichkeit gemieden, hat sich fernab von Zürich neu orientiert. Als freiwilliger Mitarbeiter hat er in Rheinau in Projekten der Stiftung Fintan mitgewirkt. Dabei wurde er zum engen Partner von Martin Ott, Mitgründer und einer der innovativen Kräfte der Stiftung. «Es war ein grosser Glücksfall, dass Martin Graf frei wurde», sagt Ott, der sich damals gerade selber etwas überfordert hatte: «Mir flogen die Bälle um die Ohren, die ich in die Luft geworfen hatte.»

Seit ihrer Gründung vor 18 Jahren hat sich die Stiftung kontinuierlich entwickelt. Unter ihrem Dach wurden mehrere Betriebe gegründet, in denen heute 110 Angestellte, 10 Lehrlinge und Praktikanten sowie 35 betreute Menschen arbeiten. Bis vor zwei Jahren führte Ott den Milchwirtschaftsbetrieb. Zudem war er Verwaltungsrat des Saatgutbetriebes Sativa und Mitbesitzer der Metzgerei «Hans und Wurst», er leitete die Schule für biodynamischen Landbau und machte Führungen und Vorträge. Und da er ständig Lust auf Neues hat, half er auch noch bei der Gründung einer Kita und übernahm einen Hof mit Skulpturenpark im Basler Jura.

Alles zusammen war dann selbst für einen wie Ott zu viel. «Ich war froh, einen Teil an Martin Graf übergeben zu können.» Dieser kümmerte sich in den vergangenen Monaten unter anderem um die Zertifizierung der Schule und die Finanzierung der Krippe. Ott und Graf ergänzen sich ideal. Ott ist gut im Anstossen, aber leicht chaotisch; Graf arbeitet gern strukturiert. Ott hat nach der Lehrerausbildung noch eine Bauernlehre gemacht, Graf hat Agronomie an der ETH studiert. Beide sind 61 und gehören zur Gründergeneration der Grünen Partei, in welcher sie beide eher untypische Karrieren gemacht haben.

Grüne Realitäten

Martin Graf trat 1989, eben zurück aus der Entwicklungshilfe in Tansania, der Ortspartei Illnau-Effretikon bei und wurde 1990 ins Stadtparlament gewählt. Bereits vier Jahre später wurde er Stadtrat, nochmals vier Jahre später Stadtpräsident und 2011 Regierungsrat. Graf ist der geborene Exekutivpolitiker, sein Desinteresse an der Parlamentsarbeit hat er nie verhehlt.

«Eins und eins kann drei ergeben, wenn jeder seine Top-Fähigkeiten einbringt.»Martin Ott

Ott war 1987 als parteiloser Biobauer auf der Grünen Liste überraschend in den Kantonsrat gewählt worden und trat dann der Partei bei. Er hatte durchaus Ambitionen: aufs Parteipräsidium, einen Sitz im Nationalrat oder gar im Ständerat. «Doch immer wurden parteiintern andere Kandidaten vorgezogen», stellt er mit leichtem Bedauern fest. «Dabei dachte ich immer, ich wisse eigentlich am besten, was grün ist.» Statt seine Zeit in der Politik mit Reden zu verbringen, hat Ott in Rheinau grüne Realitäten geschaffen und den Tatbeweis erbracht, dass eine grüne Wirtschaft funktioniert. Der Umsatz der Stiftung Fintan und ihrer Betriebe liegt bei 15 Millionen Franken, und die Stiftung zahlt jedes Jahr 250'000 Franken Pachtzins an den Kanton.

Besonders erfolgreich ist die Saatgutfirma Sativa mit jährlichen Wachstumsraten zwischen 10 und 15 Prozent und Niederlasssungen in Italien und Deutschland. Damit sie sich weiterentwickeln kann, ist jetzt ein Neubau nötig. Die erste Hürde hat die Stiftung bereits genommen: Die Gemeindeversammlung Rheinau hat dem Gestaltungsplan für das Areal zwischen Rebberg und Rhein zugestimmt.

Martin Graf, der Konzeptentwickler

Das war keine Selbstverständlichkeit, gab es doch lange Ressentiments im Dorf gegenüber der anthro- posophischen Stiftung, die einst gegen den erbitterten Widerstand der Weinländer SVP-Bauern einen der grössten und schönsten Bauernbetriebe im Kanton bekam – weil sie den Regierungsrat mit ihrem Konzept, der Kombination von Landwirtschaft und Sozialtherapie, überzeugen konnte. Tempi passati. Auch finanziell ist der Erweiterungsbau auf gutem Weg. Nun braucht es einen Entwicklungsplan, auf dessen Grundlage die Baudirektion ein Baurecht erteilen soll – so die Idee der Stiftung Fintan.

Und da kommt nun Martin Graf zum Zug, er wird diesen Plan erstellen. «Hier kann ich meine Stärken ausspielen», freut er sich. «Planung und Bau haben mir schon als Stadtrat immer gut gefallen. Ich steuere gern Prozesse und entwickle Konzepte – aber nur solche, die auch umgesetzt werden.» Inhaltlich versteht Graf ebenfalls viel von der Sache. Er verfolgt die Entwicklung im Saatgutbereich seit Jahrzehnten, gleich wie Ott.

Aus Landwirtschaft entstand Freundschaft

Dieses Thema, nicht die Politik, stand am Anfang ihrer Freundschaft. Das war in den Neunzigerjahren, Martin Graf hielt eine Brandrede gegen Gentech an der ETH-Forschungsanstalt in Eschikon. Er warf den Weizenforschern vor, es gehe ihnen nur um ihre Forscherkarrieren und interessiere sie nicht, was auf den Feldern passiere, wo sich die gentechnisch veränderten Sorten unkontrolliert verbreiten würden. «Das fand ich sehr mutig von Graf», sagt Ott, der als Zuhörer dort war.

Später hat er den Verein Gen Au Rheinau gegründet, der für ein gentechfreies Gebiet kämpft. Dessen Geschäftsführung übernimmt nun Graf. Er will in den nächsten Jahren neue Mittel aus Legaten in die Züchtung lokal angepasster Sorten investieren, um Alternativen zu Gentech aufzuzeigen. «Wir setzen auf Pflanzenzüchtung im natürlichen Umfeld. Die ist heute massiv gefährdet durch die verbreiteten Hybridsamen. Aufgrund der monopolisierten Saatgutproduktion braucht es Alternativen», warnt Graf. Die biodynamische Saatgutvermehrung helfe mit, dass die Abhängigkeit der Bauern von wenigen grossen Konzernen nicht weiter zunehme.

«Landwirtschaft ist die Kunst, den Standort weiterzuentwickeln.»Martin Ott, Biobauer

Ott drückt es so aus: «Landwirtschaft ist die Kunst, den Standort weiterzuentwickeln.» Er selber wird dies in Zukunft weniger in Rheinau tun, er hat den Landwirtschaftsbetrieb an einen Jüngeren übergeben. Mit einem dreifachen Vermächtnis: Die Kühe bekommen kein Kraftfutter und keine Antibiotika, und sie dürfen ihre Hörner behalten. Vorträge hält Ott keine mehr, denn davon hatte er mehr als genug. Sein Buch «Kühe verstehen» war so erfolgreich, dass er monatelang auf Tour war und in Deutschland und Österreich ganze Turnhallen füllte.

«Das Buch hat mein Leben verändert», sagt Ott. Nun will er sich einem neuen Projekt im Jura widmen, dem Kloster Schönthal. Dieses gehört dem Basler Kunstmäzen John Schmid, es besteht aus einem Rindviehbetrieb und einer Freilicht-Skulpturenschau, die sich über 100 Hektaren erstreckt. Schmid hat Ott angefragt, ob er das Projekt weiterentwickeln wolle. Ott wollte, und Graf hilft ihm dabei.

Firma gegründet

Martin Graf arbeitet auf Mandatsbasis für Fintan. Er hat eine Firma gegründet, die Gradec GmbH für Beratungen und Dienstleistungen. Bis Mitte Juli hatte er noch den Regierungsratslohn, 14 Monate gemäss dem Reglement für abgewählte Regierungsmitglieder. Das gab ihm Zeit, sich in Rheinau einzuarbeiten und ohne Druck über seine Zukunft zu entscheiden. Dass er bei Fintan einsteigen würde, war relativ bald klar. «Schon vor den Wahlen haben wir über den Plan B geredet», sagt sein Freund Martin. Er ist überzeugt, dass ihre Zusammenarbeit erfolgreich sein wird: «Eins und eins kann drei ergeben, wenn jeder seine Top-Fähigkeiten einbringt.»

Erstellt: 17.08.2016, 21:08 Uhr

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