Mathe sorgt an Zürcher Gymnasien für hohe Ausfallquoten

Jeder Siebte fliegt nach dem Übertritt aus der Sek in der Probezeit wieder raus, in manchen Schulen ist es sogar jeder Vierte.

Jeder Vierte, der von der Sekundarschule ans Kurzgymi in Zürich-Enge gewechselt hat, fliegt raus. Foto: Urs Jaudas

Jeder Vierte, der von der Sekundarschule ans Kurzgymi in Zürich-Enge gewechselt hat, fliegt raus. Foto: Urs Jaudas

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Nach der Prüfung ist vor der Probezeit. Von den 3500 Schülerinnen und Schülern, die diese ­Woche erstmals in ein Zürcher Gymnasium gegangen sind, wird jede und jeder siebte in einem halben Jahr nicht mehr dabei sein. Und das ist nur der Durchschnittswert.

Je nach Schule ist der Anteil jener, die rausfliegen, deutlich höher. Besonders gefährdet sind Jugendliche, die von der Sek ans Kurzgymi in Uster, in Bülach oder in Zürich-Enge gewechselt haben. Dort trifft es etwa jeden vierten – sofern sich der Trend der letzten Jahre fortsetzt.

Die Gründe für die Unterschiede bei der sogenannten Ausfallquote sind nicht geklärt. Eine Studie, die Bildungsdi­rektorin Silvia Steiner (CVP) vor zwei Jahren präsentierte, stellte nur zwei Zusammenhänge fest: Schüler aus fremdsprachigen Familien und solche, die nur knapp durch die Aufnahmeprüfung gekommen sind, fallen öfter durch.

Das Zürcher Matheproblem

Das erklärt aber nicht, warum die Ausfallquote etwa in Uster in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Der dortige Rektor Patrick Ehrismann hat eine andere These: «Die Anzeichen häufen sich, dass wir im Kanton Zürich ein Matheproblem haben.»

Fast 40 Prozent der Ustermer Schüler hätten während der letztjährigen Probezeit am Kurzgymnasium ungenügende Noten in Mathematik gehabt. Vor allem, weil sie aus der Sek nicht mehr das erforderliche Niveau mitbrächten. Uster mit seinen vergleichsweise geringen Schülerzahlen sei gezwungen, die Jugendlichen aus der Sek mit jenen zu mischen, die aus dem Langgymnasium kommen. Dort laufen sie Gefahr, abgehängt und frustriert zu werden.

Ein «Kulturschock»

Dieses Problem wird durch eine kantonale Fachgruppe bestätigt, die sich mit dem Übergang von der Sek ans Gymi befasst hat. Verschärft werde es durch das neue Mathelehrmittel auf der ­Sekundarstufe, das zwar in die Breite gehe, aber das «routinemässige Üben algebraischer Inhalte» vernachlässige, das für den Anschluss ans Gymnasium wichtig sei. Wer den Übertritt von der Sek versuche, erlebe einen «regelrechten Kulturschock».

Als Reaktion darauf ist das kritisierte Mathelehrmittel um einen Begleitband ergänzt worden: ein «Algebra-Training» für angehende Gymnasiasten. Uster verwendet dieses in den ersten zwei Wochen mit jenen Schülerinnen und Schülern, die aus der Sek übergetreten sind, und lässt dann alle eine Prüfung dazu ­ablegen, um sie ans geforderte Niveau heranzuführen. «Leider funktionierte das im vergangenen Jahr weniger gut als noch im Vorjahr», sagt Rektor Ehrismann.

Laut dem Chef des kantonalen Mittelschulamts, Niklaus Schatzmann, könnte die Quote von Uster auch ein normaler Ausreisser sein, der sich mit den relativ geringen Schülerzahlen erklären lässt: Hätten nur sechs mehr die Probezeit überstanden, läge ­Uster über dem kantonalen Durchschnitt. Es bestehe kein ­besonderer Handlungsbedarf.

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An der Zürcher Kantonsschule Enge rätselt man seit ein paar Jahren über relativ hohe Ausfallquoten. Denn die Schülerschaft ist laut Rektor Moritz Spillmann durchschnittlich zusammengesetzt, nämlich sehr heterogen. Sozioökonomisch und hinsichtlich der Muttersprache fällt die Enge nicht aus dem Rahmen. Eine ­Befragung der Schüler brachte keine Klärung: Sie fühlten sich vom Gymi-Stoff nicht überrollt.

Weil klare Antworten fehlen, hat man sich in der Enge darauf verlegt, nach dem Trial-and-Error-Prinzip verschiedene Massnahmen auszuprobieren. Das beginnt mit einem Fragebogen, um herauszufinden, ob alle Schülerinnen und Schüler zu Hause einen ruhigen Arbeitsplatz haben und Kollegen, die sie beim Lernen unterstützen können. Zudem gibt es neuerdings ein Früherkennungsprogramm, unter anderem damit die Klassenlehrpersonen nicht wie früher erst im November einen Überblick über die Noten gewinnen und Wackelkandidaten rechtzeitig Hilfe bekommen. Schliesslich wird auch die schlecht genutzte Aufgabenstunde für Mathematik mit Flyern aktiver beworben.

Ein besonderer Fall ist die Kantonsschule Zürich-Nord in Oerlikon, die bis vor kurzem mit den höchsten Ausfallquoten auffiel – nicht nur im Kurz-, sondern auch im Langgymnasium. Das wurde darauf zurückgeführt, dass dort besonders viele Jugendliche zur Schule gehen, die laut der erwähnten Studie ein ­erhöhtes Risiko haben, nach der Probezeit rauszufliegen: solche aus sozial schwächeren Familien und solche, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Es ist aber ­gelungen, die Ausfallquoten zu reduzieren.

Der Erfolg von Oerlikon

In Zürich-Nord wurde eine ganze Reihe von Massnahmen ergriffen. So hat die Schule schon vor Jahren in Eigenregie ein ­Algebra-Training entwickelt und dieses nach der Aufnahmeprüfung an alle Sekundarschüler verschickt, die bestanden ­haben. Zudem gibt es eine ­Coachingstunde, deren Besuch während der ersten Wochen der Probezeit obligatorisch ist: Dort werden die Neuen von älteren Schülerinnen und Schülern betreut.

Im Langgymnasium gibt es stattdessen eine Hausaufgabenstunde. Diese ist vor allem für Kinder gedacht, die zu Hause keinen ruhigen Arbeitsplatz haben und niemanden, der ihnen bei Fragen helfen kann. In der Klassenlehrstunde werden Neulinge in Zürich-Nord heute rasch mit den Arbeitstechniken vertraut gemacht, die sie am Gymnasium beherrschen müssen. Und es gibt einen Stützkurs in Deutsch für fremdsprachige Kinder.

Die Lehrerschaft musste in Zürich-Nord ebenfalls dazulernen. Sie achtet nun darauf, während der Probezeit weniger Themen zu behandeln, die stark vom schulischen Vorwissen abhängig sind. Zudem wurden sie angewiesen, sich bei der Notengebung nicht starr am Durchschnitt zu orientieren, sondern bei einer positiven Entwicklung der Noten jenen am Ende der Probezeit besonderes Gewicht zu geben.

Bessere Werte im Langgymi

In den Langgymnasien sind die Unterschiede bei den Ausfallquoten etwas geringer. Hier fällt auf, dass fast alle Schulen ihre Werte seit der Steiner-Studie verbessert haben. Manche besonders deutlich – ohne dass es dafür schlüssige Erklärungen gäbe. Die Kanti Rychenberg in Winterthur etwa hat laut Rektor Christian Sommer weder den Stoff angepasst noch neue Gefässe eingeführt. Und Eltern, die private Förderkurse buchen, seien anders als in Zürich kaum ein Faktor, da viele Kinder im Rychenberg aus eher ländlichem Milieu kämen.

Ganz ähnlich an der Hohen Promenade in Zürich: Am Unterricht hat sich laut Rektor Konrad Zollinger nichts verändert, was die markante Veränderung erklären könnte. «Es gab auch ­keinerlei Anweisungen an die Lehrerschaft, man müsse mehr ­Kinder bestehen lassen.» Zollinger vermutet genau wie sein Kollege in Winterthur, dass die Aufnahmeprüfung besser geworden sei und deshalb während der Probezeit weniger selektiert werden müsse.

Erstellt: 23.08.2019, 22:04 Uhr

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