Mehr Agglo für die Stadt

Zürich feiert die erste Eingemeindung. Alle finden die historische Stadtvergrösserung toll, aber niemand will sie wiederholen. Schade.

Zürich um 1920, von der Waid aus: Wenige Jahre später gab es eine zweite Eingemeindung. Foto: ETH Bildarchiv

Zürich um 1920, von der Waid aus: Wenige Jahre später gab es eine zweite Eingemeindung. Foto: ETH Bildarchiv

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Man stelle sich folgenden Test vor: Ortsunkundige würden ausgesetzt in Zürich-Nord – ohne Karte, ohne Handy, ohne Orientierung. Dort, wo Zürich zur Agglomeration wird, müssten sie die politischen Grenzen zwischen der Stadt und den umliegenden Gemeinden erraten.

Alle würden scheitern.

Zürich ist längst kein abgeschlossenes Gebilde mehr, die Stadt franst aus, sie läuft über. Zum Beispiel der Glattpark, der direkt an Zürich grenzt: Warum, würden sich die Ortsunkundigen fragen, soll dieses städtische Quartier nicht mehr zur Stadt gehören? Die gleiche Frage liesse sich in Dübendorf stellen, in Wallisellen, Schlieren und Dietikon. Überall sind während der letzten Jahre urbane Satelliten entstanden.

Das hat zwei Gründe. Die Schweizer Bevölkerung wächst. Und viele wollen in Zürich wohnen. In der Stadt fehlt es aber gerade an Platz. Also weicht man aus in die Nachbarsgemeinden.

Dank Eingemeindung zur Grossstadt

Ähnliche Probleme drückten schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Damals wählten die Zürcher eine naheliegende Lösung. Sie verschoben die Stadtgrenzen nach aussen, sodass diese nicht mehr trennten, was fast zusammengehörte.

Am Freitag feiert der Stadtrat das 125-Jahr-­Jubiläum dieser ersten Eingemeindung. Nur dank Einverleibung der Nachbarsdörfer wuchs Zürich zur «ersten Grossstadt der Schweiz», heisst es in der Einladung zum Fest auf dem Münsterhof.

Alle rundherum waren verschuldet

Trotz ihrer Radikalität stiess die Vereinigung 1893 kaum auf Widerstand, sagt der Historiker Nicola Behrens vom Stadtarchiv. Denn sämtliche Beteiligten profitierten. Fast alle Gemeinden rundherum litten unter hohen Schulden (ausser die Enge und Wollishofen), weil die Industrialisierung neue Anforderungen stellte. Die Dörfer mussten Stromleitungen ziehen, Tramschienen bauen, eine Kanalisation graben. Solche Projekte kosteten Geld, zugleich erforderten sie die Zusammenarbeit mit den Nachbarn. Diese war aufwendig und anfällig. Das Nein einer einzigen Gemeinde reichte, um wichtige Vorhaben abzuklemmen.

Der Zusammenschluss mit Zürich erlöste die Dörfer von solchen Sorgen. Und sie nahm Druck von der damals überfüllten Stadt. Auch der Kanton war froh, da er sich nicht um die verarmten Gemeinden zu kümmern brauchte.

Die Eingemeindung löste einen gewaltigen Bauschub aus. Die heutigen Kreise 3, 4 und 5 verwandelten sich von ländlichen Siedlungen zu einer europäischen Stadt. 1898 waren 40 Prozent aller Stadtzürcher Häuser nicht älter als zehn Jahre. Zwischen 1893 und 1903 kamen zu den bestehenden 34 Schulhäusern 17 neue dazu.

Angliederungen verliefen kompliziert

Trotzdem wurde es in Zürich bald wieder zu eng. Der Stadtrat plante weiter, über die neuen Grenzen hinaus. 1929 wurde über die zweite Eingemeindungsrunde abgestimmt. Mittlerweile hatte die Stimmung gekehrt. Weil man im restlichen Kanton eine zu starke Stadt fürchtete, kam ein klares Nein heraus an der Urne. Nach Verhandlungen fanden Stadt und Kanton einen Kompromiss: die unwilligen Dörfer Kilchberg, Zollikon, Schlieren und Oberengstringen blieben eigenständig. Die restlichen Kandidaten, Oerlikon etwa oder Altstetten und Albisrieden, gehörten ab 1934 wie vorgesehen zu Zürich.

Die Angliederungen verliefen kompliziert, aber am Ende funktionierten sie. Niemand hat sie ernsthaft bereut. Trotzdem redet man seither kaum mehr über Eingemeindungen. Keine Partei hat sie auf dem Programm, sie gelten als utopisch.

1893 nützte der Zusammenschluss allen. Heute läuft es umgekehrt: Alle glauben zu verlieren. Dem konservativen Kanton graut es vor einer grösseren Stadt. Die Nachbargemeinden haben finanziell wenig Not. Sie brauchen keine Hilfe und wollen ihren Einfluss nicht aufgeben. Im rot-grünen Zürich wiederum herrscht die unterschwellige Angst, durch die Aufnahme der meist bürgerlich geprägten Agglo-Gemeinden die politische Mehrheit zu verspielen.

Sämtliche Befürchtungen wirken kleinlich. Eine dritte Eingemeindung brächte den gleichen Vorteil wie die ersten zwei: Sie ermöglichte ein rasches, gesteuertes Wachstum der Stadt. Dieses entlastete den ganzen Kanton. Wie vor 125 Jahren gestaltet sich die Planung über Gemeindegrenzen hinaus auch heute als träge und schwierig. Zürich – die selbsternannte Grossstadt – sollte eine dritte Expansion anstossen. Es wäre doch seltsam, ein Jubiläum zu feiern und gleichzeitig das Gegenteil davon zu tun. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2018, 19:27 Uhr

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