Meine Freundin heisst jetzt Tom

Der 21-jährige Kilchberger Tom und die gleichaltrige Autorin sind seit der Schulzeit befreundet. Damals waren beide noch Mädchen.

«Es geht mir als Mann viel besser. Es fühlt sich richtig an»: Der 21-jährige Tom, der als Melanie geboren worden ist.

«Es geht mir als Mann viel besser. Es fühlt sich richtig an»: Der 21-jährige Tom, der als Melanie geboren worden ist. Bild: Sabine Rock

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Tom sitzt in einem Zürcher Cafe. Er trinkt eine Cola. Mit seinem Cap, der Sportjacke und dem Dreitagebart passt er gut ins hippe Lokal. Seine Stimme ist tief und etwas kratzig. Der Stimmbruch ist noch nicht so lange her. Bei Tom begann die männliche Pubertät erst mit 18. Zuvor machte er die weibliche Pubertät durch. Tom ist Transgender, das heisst, er ist biologisch zwar als Mädchen geboren worden, identifiziert sich aber als Junge. Seinen echten Namen möchte er nicht nennen.

Als ich Tom kennen gelernt habe, waren wir 15 Jahre alt. Damals hiess er noch Melanie und war ein Mädchen. Wir besuchten das neunte Schuljahr an einem Zürcher Gymnasium. Die Kilchbergerin war introvertiert und ruhig, aber sehr lustig und eine gute Freundin. Mit der Zeit wurde sie aber noch ein bisschen stiller und zog sich etwas von uns Kolleginnen zurück.

Hass auf alles Feminine

Melanie fühlte schon seit einiger Zeit, dass mit ihr etwas nicht ganz richtig war. Das Gefühl zuordnen konnte sie aber nicht. Dann stiess sie im Internet auf ein Interview. Eine Schauspielerin erzählte, dass sie sich wie ein Mann in einem Frauenkörper fühlt. In den Kommentaren taucht das Wort Transgender auf. Melanie googelt es, und auf einen Schlag ergab alles einen Sinn. «Die Beschreibung der Geschlechtsidentitätsstörung, wie der offizielle Begriff lautet, traf genau auf mich zu», sagt Tom heute. «Ich hatte endlich ein Wort gefunden, das beschreibt, wie ich mich fühlte.»

Doch mit der Erkenntnis kam keine Erleichterung. «Am Anfang war es schwierig, mich mit meiner neuen Identität auseinanderzusetzen», sagt Tom. «Ich realisierte, dass ich eine 50 Prozentige Chance hatte, als Junge auf die Welt zu kommen. Damit hätte ich alles bekommen, was ich wollte. Doch leider ist genau das Gegenteil eingetroffen.» Er wurde als Mädchen geboren. Melanies Gefühlslage änderte sich von einem allgemeinen Unwohlsein zu einem Hass gegenüber jedem femininen Teil an sich. Die Stimme war zu hoch, die Schultern zu schmal und die Hände zu klein.

Nur eine Phase?

Drei Monate nachdem sie herausgefunden hatte, das sie sich als Mann fühlt, wagte sie es, mit ihrer Mutter darüber zu reden. Es lief schrecklich. Melanies Mutter glaubte ihr nicht. Sie dachte, sie hätte sich im Internet beeinflussen lassen. «Mittlerweile verstehe ich, dass sie mich nur vor einer möglichen Dummheit schützen wollte», sagt Tom heute. «Aber damals war ich einfach unglaublich verletzt, da sie normalerweise sehr unterstützend ist.»

«Am Anfang war es schwierig, mich mit meiner neuen Identität auseinanderzusetzen.»Tom, 21, Transgender

Melanie wollte danach wenigstens mit einer Psychologin sprechen. Denn trotz allem war auch sie sich nicht ganz sicher, ob es nicht doch nur eine Phase ist. Die Mutter stimmte zu, mit dem Gedanken, dass eine Therapie Melanie die Flausen bestimmt austreiben kann. Doch es kam anders. Zusammen mit der Psychologinanalysierte Melanie ihre Gefühle. Geschlechtsdysphorie schien eine immer klarere Diagnose zu sein.

Bald schnitt Melanie die langen Locken ab. Sie hörte auf, sich zu schminken, und verbannte alles Weibliche aus ihrem Kleiderschrank. Äusserlich befand sie sich irgendwo zwischen männlich und weiblich. Doch einfacher wurde es dadurch nicht. Melanie entwickelte eine Depression. Sie zog sich immer mehr ins Internet zurück, wo sie als Junge auftreten konnte. Ihren Eltern versuchte sie nochmals beizubringen, dass sie wirklich ein Junge ist. Doch diese konnten es nicht akzeptieren.

Ich kannte Melanie seit drei Jahren, als sie sich bei mir outete. Sie fragte mich, ob die Leute an unserer Schule wohl gut reagieren würden, wenn sie Testosteron nähme. Ich hatte zwar bemerkt, dass Melanie immer männlicher wurde, schenkte dem aber keine grosse Beachtung. Nie hätte ich damit gerechnet, dass sie sich als Mann fühlt. Ich war überrumpelt. Dementsprechend reagierte ich. «Ich finde, für das letzte Schuljahr lohnt sich so viel Aufwand nicht», antwortete ich.

Ich hatte Angst um sie. Erstens, weil ich nicht sicher war, ob die Lehrpersonen und Schüler positiv reagieren würden. Zweitens, weil ich nicht wollte, dass sie etwas tat, was sie später bereuen würde. Ich hatte keine Ahnung, dass Melanie sich darüber schon seit mehr als zwei Jahren Gedanken machte.

Viel Verständnis bekommen

Bis zur Matur lebte Melanie noch als Mädchen. Die Abschlussprüfungen im Juni 2017 bedeuteten einen Wendepunkt. Danach akzeptierten die Eltern, dass ihre Tochter ihr Sohn ist und Tom heisst. Ab Oktober benutzte Tom täglich ein Testosteron-Gel. Seine Stimme wurde tiefer, die Brüste kleiner und der Bart begann zu spriessen. «Ich weiss nicht, ob es besser gewesen wäre, wenn ich mein Coming-out früher gehabt hätte», sagt Tom. «Ich habe auf jeden Fall den Weg des geringsten Widerstands gewählt.»

Von der Frau zum Mann: Tom, 21 Jahre alt, Transgender (Bild: Sabine Rock)

Da der Grossteil der Veränderung im Zwischenjahr zwischen Schule und Studium passierte, muss er sich nicht vor vielen Leuten erklären. Familie und Freunde reagierten gut und verständnisvoll. Davon war sogar Tom etwas überrascht. «Die Gesetze in der Schweiz zum Beispiel bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe sind etwas veraltet. Aber die Menschen zum Glück nicht.»

Ein Jahr nachdem Tom sein Coming-out bei mir hatte, lebte er wirklich als Mann. Klar, der neue Name und die neuen Pronomen waren am Anfang schwierig, aber ich gewöhnte mich daran. Sonst änderte sich zwischen uns nichts. Ich konnte mit Tom genau so reden, wie ich es mit Melanie tat, egal ob es um Politik, Filme oder Dates geht. Unsere Beziehung blieb genau gleich wie vorher. Nur wirkte Tom im Allgemeinen glücklicher und selbstsicherer als Melanie. Ich war stolz auf ihn.

Gericht lehnt zuerst ab

Um seine Umwandlung offiziell zu machen und keine Probleme bei Ausweiskontrollen zu bekommen, wollte Tom im April 2018 sein Geschlecht auch amtlich ändern. Dafür reichte er beim Bezirksgericht Horgen ein Gesuch ein, dem er die psychiatrische Bestätigung einer Geschlechtsidentitätsstörung beilegte. Das Gericht erkundigte sich danach, welche unumkehrbaren Geschlechtsangleichungen Tom schon vorgenommen habe. «An diesem Punkt holte ich mir einen Anwalt, denn ich hatte damals noch keine geschlechtsangleichende Operation gemacht. Die Namensänderung war mir aber sehr wichtig», sagt Tom.

«Es ist sehr angenehm, wenn man einfach direkt als Mann wahrgenommen wird und nicht alles erklären muss.»Tom, 21, Transgender

Das Gericht lehnte das Gesuch ab. Tom liess das nicht auf sich sitzen. Er focht die Entscheidung beim Zürcher Obergericht an. Dieses wies den Fall wieder ans Bezirksgericht zurück. Es berief sich unter anderem auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Nach der zweiten Anhörung nahm das Bezirksgericht Horgen den Antrag an. Das heisst, Tom kann auch in offiziellen Dokumenten Tom heissen und gilt als Mann.

Eine erste Operation

Tom studiert jetzt. Ihm gefällt es. «Es ist sehr angenehm, wenn man einfach direkt als Mann wahrgenommen wird und nicht alles erklären muss.» Er unternimmt wieder mehr mit Freunden und fühlt sich allgemein sehr viel besser. Es folgte ein weiterer grosser Schritt. Tom liess sich die Brüste entfernen. Vor der Operation im Zuger Kantonsspital hatte er etwas Angst. Was, wenn es doch nicht die richtige Entscheidung ist? «Nach der Operation fühlte es sich aber sehr viel besser an, es tat mir sicher gut», sagt Tom.

Weitere Operationen sind momentan nicht geplant. Mit einer Angleichung der Geschlechtsteile wäre eine Sterilisation verbunden. «Ich möchte mir die Option, Kinder zu kriegen, offenhalten», sagt Tom. «Wenn es aber einmal bessere Möglichkeiten zur Angleichung gibt, kann ich es mir gut vorstellen.»

Ich sitze mit Tom in der Sonne und bin überrascht, wie wenig ich mitbekommen habe, obwohl ich immer befreundet mit ihm war. Ob er sich denn jetzt zu 100 Prozent sicher ist, dass er ein Mann ist, frage ich zum Schluss unseres Gesprächs. «Nein», sagt Tom. «Zu 100 Prozent nicht. Aber mir geht es als Mann so viel besser, und es fühlt sich so richtig an, von allen als Mann gesehen zu werden, dass es gar keine andere Option gibt, als ein Mann zu sein.»

Erstellt: 06.08.2019, 13:41 Uhr

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