Missbrauch von Kindern live via Webcam gesteuert

Die sexuellen Handlungen an philippinischen Mädchen hat er von seinem Computer in Zürich aus angeordnet. Nun urteilte das Gericht.

Missbrauch aus der Distanz: Der Täter gab explizite Anweisungen, wie die kleinen Mädchen zu missbrauchen seien. Foto: Andrew Brookes (Getty Images)

Missbrauch aus der Distanz: Der Täter gab explizite Anweisungen, wie die kleinen Mädchen zu missbrauchen seien. Foto: Andrew Brookes (Getty Images)

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Das Phänomen ist noch kaum in der Öffentlichkeit bekannt: sexueller Missbrauch per Livecam mit minderjährigen Mädchen. Am Montag musste sich das Bezirksgericht Zürich damit befassen. Auf der Anklagebank: ein Schweizer Elektriker um die dreissig. Er liess sich via ein Webcam-Streaming-Portal sexuelle Handlungen mit Kindern auf den Philippinen vorführen und gab explizite schriftliche Anweisungen dazu. Zwischen 2012 und 2015 beobachtete der Mann so insgesamt 76 Kinder im Alter zwischen 4 und 15 Jahren live per Skype.

In 42 Fällen mussten sich die minderjährigen Mädchen in aufreizenden sexuellen Posen präsentieren, oder Dritte nahmen sexuelle Handlungen an ihnen vor. Sie führten ihnen Dildos ein, betasteten sie oder zwangen sie dazu, erwachsene Männer oral zu befriedigen. Für die 42 Livecam-Sessions, welche zwischen 30 Sekunden und 5 Minuten dauerten, bezahlte der Schweizer insgesamt über 5300 Franken per Kreditkarte.

In weiteren 34 Fällen kam es nach dem Vorführen der Kinder zu keinen eigentlichen sexuellen Handlungen, obwohl dies der Beschuldigte gefordert hatte. Die Anbieter der Livecam-Sessions hatten aber jeweils den Dienst unterbrochen. In diesen Fällen hatte der Beschuldigte verlangt, dass an den sieben- bis fünfzehnjährigen Mädchen Geschlechtsverkehr vorgeführt werden solle. Dafür hatte der Beschuldigte knapp zweitausend Franken hingeblättert.

Mann sass halbes Jahr in U-Haft

Seine Taten verübte der Mann während zweieinhalb Jahren zwischen September 2012 und Januar 2015 in Zürich. Der Fall flog dank der englischen Polizei auf. Die Engländer hatten den Sexhändlerring auffliegen lassen und den Schweizer Behörden den Namen des Beschuldigten mitgeteilt. Auch in anderen europäischen Ländern wurden Täter ausfindig gemacht. Die Polizei verhaftete den Elektriker, er sass ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. In dieser Zeit klärte die Staatsanwaltschaft ab, ob der Mann auch in der Schweiz mit minderjährigen Mädchen sexuellen Kontakt hatte, was aber nicht der Fall war.

«Die Suchtspirale hat sich immer schneller gedreht, ohne fremde Hilfe kommt man nicht mehr hinaus.»Der Verurteilte

Am gestrigen Prozess vor dem Bezirksgericht Zürich zeigte sich der Beschuldigte reuig und einsichtig. Es sei nicht entschuldbar, was er gemacht habe. Er sei seit rund drei Jahren in psychotherapeutischer Behandlung und suche einen Weg, mit seiner Pädophilie umzugehen. Er habe sich nach einer Webcam-Session jeweils schlecht gefühlt, aber es sei wie eine Sucht gewesen, sagte er dem Richter. «Die Suchtspirale hat sich immer schneller gedreht, ohne fremde Hilfe kommt man nicht mehr hinaus.» Darum sei die Therapie, in der er schon vierzig Sitzungen absolviert hat, ein wichtiger Pfeiler, um die pädophilen und sadistischen Fantasien zu verarbeiten. «99 Prozent sind weg, beim letzten Prozent bin ich am Lernen, damit umzugehen.»

Gericht erhöhte Strafmass

Der Staatsanwalt und der Verteidiger hatten sich im abgekürzten Verfahren auf einen Urteilsvorschlag zuhanden des Gerichts geeinigt: eine Freiheitsstrafe von 42 Monaten wegen sexueller Nötigung und sexueller Handlungen mit Kindern und verbotener Pornografie. Die Strafe soll zugunsten der bereits begonnenen ambulanten Therapie aufgeschoben werden. Zudem muss der Mann die Gerichts- und Gutachterkosten in der Höhe von über 40'000 Franken übernehmen.

Der Staatsanwalt begründete den Aufschub der Strafe damit, dass der Beschuldigte bereits sechs Monate in U-Haft verbracht habe. Zudem sei er von anfang an geständig und kooperativ gewesen. Er habe mit der Therapie bewiesen, dass er an seinen sexuellen Neigungen arbeite. Der Mann hatte nach der Verhaftung Freundin und Job verloren. Er lebt inzwischen nicht mehr im Kanton Zürich, hat eine neue Arbeitsstelle und eine neue Freundin, welche über den Fall informiert sei. Auch der Verteidiger betonte den Neubeginn, das Geständnis, die Reue und Einsicht. Die Therapeuten würden seinem Mandanten eine günstige Prognose stellen.

Aber in diesem Fall würde eine erfolgreiche Therapie der Öffentlichkeit mehr dienen als Vergeltung.Der Richter

Das Gericht hatte Mühe mit dem Urteilsvorschlag. Es liege ein schweres Verschulden vor, eine verminderte Schuldfähigkeit gibt es laut psychologischem Gutachten nicht. Es hielt eine Freiheitsstrafe von 50 Monaten für angemessen. Da sowohl Staatsanwalt als auch Verteidiger damit einverstanden waren, wurde der Beschuldigte im abgekürzten Verfahren zu diesem Strafmass verurteilt. Die Strafe wird zugunsten der ambulanten Massnahme aufgeschoben. Eine absolute Ausnahme, wie der Richter betonte. Aber in diesem Fall würde eine erfolgreiche Therapie der Öffentlichkeit mehr dienen als Vergeltung.

Erleichtert verabschiedete sich der Elektriker nach dem Prozess beim Staatsanwalt mit dem Versprechen, dass er ihn im Gerichtsgebäude nie mehr sehen werde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2018, 06:33 Uhr

Das Internet ist ein Pädophilen-Eldorado

Pädokriminelle nutzen die sozialen Medien oft für ihre Zwecke. Die Strafverfolger sind ihnen auf den Fersen.

Von Liliane Minor

Für Pädophile ist das Internet ein düsteres Eldorado: Nie war es einfacher, an kinderpornografische Bilder zu gelangen. «Es gibt fast nichts, was nicht angeboten wird», sagt Stephan Walder. Er weiss, wovon er spricht, Walder ist Leiter des Kompetenzzentrums Cybercrime bei der Staatsanwaltschaft Zürich. Er sagt: «Bei uns explodiert die Zahl der Untersuchungen in diesem Bereich.»

Das Phänomen, dass Pädophile per Livestream bei sexuellen Handlungen mit Kindern zusehen und Anweisungen erteilen, ist den Strafverfolgungsbehörden seit etwa fünf Jahren bekannt. Zahlen kann Walder keine nennen, aber die Tendenz sei klar steigend. Bei der Bundespolizei Fedpol gehen im Schnitt zwei bis drei Dutzend Meldungen pro Jahr ein, wie Sprecherin Lulzana Musliu sagt: «Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.» Ein weiterer Wachstumsmarkt im Internet sind Kindersexreisen mit «Erfolgs»-Garantie.

Ursache und Treiber für das Phänomen ist einerseits das Gefälle zwischen armen und reichen Ländern. Die Opfer sind oft in Asien daheim. «Diese Kinder sind arm, sie tun viel für zehn Franken», sagt Staatsanwalt Walder. Teils werden die Kinder von ihren Eltern regelrecht verkauft, weil das der Familie das Überleben sichert. Manche machten aber auch freiwillig mit, sagt Walder: «Sie realisieren gar nicht, worum es dabei geht – das Trauma kommt erst später.»

Anderseits sind viele Konsumenten auf exklusive Bilder aus, die nicht jeder hat. Das bekommen auch Teenager hierzulande zu spüren. Das Stichwort heisst hier «Selfporn», Nacktfilmchen und -fotos, die Jugendliche untereinander tauschen – sei es als Mutprobe, sei es, um miteinander anzubandeln. Pädophile nutzen das aus. Sie bieten den Jugendlichen beispielsweise ein paar neue Markenturnschuhe an, im Tausch gegen ein Nacktfoto. Dass sich die Jugendlichen damit selbst strafbar machen, ist den wenigsten klar. Solchen Machenschaften auf die Schliche zu kommen, ist für die Strafverfolger nicht einfach. Moderne Verschlüsselungsmethoden würden die Identifikation der Täter erschweren, sagt Stephan Walder. Aber die Ermittler wissen inzwischen auch, wo sie suchen müssen.

Verräterische Protokolle

Vor allem aber haben die Strafverfolger die internationale Zusammenarbeit verstärkt. «Das ist extrem wichtig», sagt Musliu, «weil die Opfer im Ausland sind und der Missbrauch über die Grenzen hinweg stattfindet.» Täter wurden inzwischen in Luzern und im Aargau verurteilt. Auch in anderen Ländern Europas standen Konsumenten vor Gericht.

Viele Staaten, so auch die Schweiz, haben Mitarbeiter vor Ort. Fliegt ein Fall auf, haben die Behörden oft gleich Dutzende Verdächtige an der Angel. Und sind sie erst einmal identifiziert, ist die Beweislage heute laut Walder teils sogar besser als früher: Im Netz bleiben immer Spuren zurück. So auch im gestern in Zürich verhandelten Fall. Überführt wurde der Mann dank der wiederhergestellten Chat-Protokolle.

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