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Missbrauchvorwurf – Vater schlägt zurück

Ein Vater soll seine Tochter über Jahre missbraucht haben. Den Vorwurf lässt er nicht auf sich sitzen, sondern klagt vor Gericht gegen die Töchter. Ohne Erfolg.

Man darf feststellen, dass sich die Gerichte - bis zuletzt - bemühten, eine weitere Eskalation dieser «dramatischen innerfamiliären Angelegenheit» zu verhindern. Nicht ohne Grund sprach die Untersuchungsrichterin vom «schlimmsten Ehrverletzungsprozess» ihrer 21-jährigen Berufskarriere. Aber ihr Versuch, den Vater zum Rückzug der Strafanzeige zu bewegen, goutierte der inzwischen 78-Jährige gar nicht. Ihre Bemerkung, dass es manchmal auch genügen könne, vor sich selbst und vor Gott gut dazustehen, nahm er gar zum Anlass, wegen Befangenheit ihre Ersetzung zu fordern. Das Bundesgericht musste ihn schliesslich eines Besseren belehren.

«Verleumderisch und unwahr»

Der 78-Jährige scheint getrieben von einem einzigen Gedanken: «Mit dieser Schande will ich nicht ins Grab gehen müssen», wie er selber sagt. Die Schande, die bisher nicht bewiesen ist, und die wegen Verjährung auch nie bewiesen werden wird, soll Folgende sein: Im Frühjahr 2003 erzählte die 32-jährige Anna (alle Namen geändert) ihrer 38-jährigen Schwester Berta zum ersten Mal, sie sei in ihrer Kindheit vom Vater missbraucht worden.

Berta erzählt es ihrer Mutter. Diese fällt aus allen Wolken, äussert ihr Bedauern und bietet ihre Hilfe an. Ihrem Therapeuten, den sie gleichentags notfallmässig aufsucht, sagt die Mutter, sie wolle sich von ihrem Mann scheiden lassen. Sie habe aber grosse Angst vor dieser Konfrontation. Wie der Vater auf diese Situation reagiert, als er einige Tage später aus dem Ausland zurückkehrt, ist nicht überliefert.

Indirekte Rückschlüsse sind aber möglich. Denn in der Folge versucht die Mutter, den zuvor ungetrübten Familienfrieden zu retten. Sie telefoniert mit ihrer Tochter Berta und fordert sie eindringlich auf, die Vorwürfe zurückzunehmen und sich beim Vater zu entschuldigen. Doch Berta denkt nicht daran. Sie hält zu ihrer Schwester. Da reicht der Vater Strafanzeige wegen Ehrverletzung ein. Und auch die Mutter bezieht Position: Von Scheidung ist nun keine Rede mehr. Befragt, wie sie damals auf die schockierende Nachricht reagiert habe, verweigert sie die Aussage. Einen Tag später legt sie eine eidesstattliche Erklärung vor: Sie habe damals die Vorwürfe als verleumderisch und unwahr zurückgewiesen.

Der Vater klagt aber nicht nur gegen Berta, sondern auch gegen Anna, die andere Tochter. Gegen die beiden strengt er zudem einen Zivilprozess an: Sie sollen Schenkungen zurückgeben und auf ein eingeräumtes Wohnrecht verzichten. Seine Forderungen sind inzwischen von zwei Gerichtsinstanzen abgelehnt worden. Möglicherweise zieht der 78-Jährige dieses Verdikt ans Bundesgericht weiter.

Aber auch mit dem Ehrverletzungsprozess gegen Berta hat der Vater keinen Erfolg. Im Januar dieses Jahres wird sie vom Zürcher Bezirksgericht von Schuld und Strafe freigesprochen. Ihr sei der Gutglaubensbeweis gelungen (siehe Kasten). Auch das Obergericht kam kürzlich unter dem Strich zum gleichen Ergebnis. Es trat auf die Anklage des Vaters gar nicht erst ein. Berta, die vor Gericht nicht erscheinen musste, habe sich damals am Telefon gegenüber der Mutter nur geweigert, sich beim Vater zu entschuldigen. Es gebe keinen Beweis, dass sie den Missbrauchsvorwurf persönlich erhoben habe. Eine verweigerte Entschuldigung sei aber keine üble Nachrede. Und für eine Verurteilung wegen Verleumdung fehlten in der Anklageschrift die nötigen Angaben.

Nun könnte man zwar theoretisch eine Anklageschrift ergänzen lassen. Doch laut Obergericht müsste Berta auch dann noch freigesprochen werden, weil ihr der Gutglaubensbeweis gelingen würde. Sie habe nämlich ernsthafte Gründe gehabt, die Angaben ihrer Schwester für wahr zu halten. Zum einen habe ihr Anna, die als Richterin um die Tragweite einer solchen Anschuldigung wusste, diverse Details schildern können. Zum andern schien es auch in Annas Krankengeschichte, die bei ihrer damaligen Kinderärztin gefunden wurde, Hinweise auf eine Genitalverletzung zu geben. Und drittens konsultierte Berta, die inzwischen auch als Juristin arbeitet, einen Facharzt für Jugendpsychiatrie. Dieser bestätigte, dass es durchaus möglich ist, dass Erinnerungen auch zwanzig Jahre später quasi aus dem Nichts auftauchen können. Alle Informationen bestärkten Berta, ihrer Schwester zu glauben.

Offen, ob es einen Missbrauch gab

Als in der Urteilsberatung vor Obergericht schon nach wenigen Sätzen klar wurde, dass Berta freigesprochen werden wird, verliess der Vater den Gerichtssaal fluchtartig. Das sei bedauerlich und «zeigt kein gutes Bild», kommentierte ein Richter. Ob der 78-Jährige auch dieses Urteil ans Bundesgericht weiterzieht, ist nicht bekannt. Ob er Anna tatsächlich sexuell missbraucht hat, steht aber auch nicht fest. «Ich bin froh, dass ich darüber nicht entscheiden muss», sagte ein Mitrichter.

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