«Uralt (90) bin ich, und hip möchte ich natürlich werden»

Die Zürcherin Klara Kaiser schrieb dem «Tages-Anzeiger» einen Brief. So viel Glut im hohen Alter macht neugierig.

Kunst aus Wollresten: Die 90-jährige Klara Kaiser beim Filzen in ihrer Alterswohnung in Zürich. Fotos: Fabienne Andreoli

Kunst aus Wollresten: Die 90-jährige Klara Kaiser beim Filzen in ihrer Alterswohnung in Zürich. Fotos: Fabienne Andreoli

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Diese Geschichte beginnt mit einem Brief an den «Tages-Anzeiger»: «Uralt (90) bin ich, und hip möchte ich natürlich gerne werden. Können Sie mir dazu etwas Support geben?» Seit vielen Jahren setze sie ihre Träume in Filz um, schrieb die trendbewusste Frau, ihr Enkel liebe ihre Erzeugnisse. Ja, sie sei sogar – «o Wunder» – für eine Ausstellung ihrer Arbeiten im «Atelier Kultur» in der Röslischür im Kreis 6 eingeladen worden. Titel: «Filz in der Alterswohnung». Nun also schrieb die Spätberufene: «Bin ich grössenwahnsinnig, wenn ich einen Beitrag über meine Arbeiten erhoffe?»

So viel Glut im hohen Alter macht neugierig. Wir treffen uns in der Alterssiedlung Irchel. Wer ist diese Frau mit Namen Klara Kaiser? Etwa die uns gebückt entgegenkommende alte Dame, die zu warten scheint? Nein, die Frau, die uns in ihre städtische Alterswohnung eintreten lässt, steht in aufrechter Haltung im rosa Pullover und schwarzen Lederhosen lächelnd vor uns. Die Haare sind noch nicht ganz weiss geworden in 90 Jahren. Gehört sie zu den «Überfliegern von heute, den über 80-jährigen Kunstschaffenden, den neuen Lieblingen der Kunstwelt», über die Klara Kaiser gelesen hat und zu denen sie sich gerne zählen möchte?

Verwandtschaft «verfilzt»

Mit dem Filzen fing es leise an. Klara Kaiser wollte ihrer Schwiegertochter eine Freude machen, diese wünschte sich Krippenfiguren. In der Fachschule Viventa in Wipkingen wurde das Filzen zu ihrer Passion. Die ganze Verwandtschaft, von Singapur bis in die USA, sei bereits von ihr «verfilzt» worden. Bald kam ein Freund von ihr auf die Idee, aus den vielen Wollresten richtige Bilder zu filzen. «Und so begann meine Karriere als Filzerin», erzählt Klara Kaiser. 1999 entstand ihr erstes Werk. Sie nannte es «Lebensfreude».

Die Alterswohnung, die Klara Kaiser seit vier Jahren bewohnt, ist stilvoll eingerichtet. Einige ihrer Arbeiten zieren die Wände. Stillleben, Blumenwiesen, Landschaften, Abstraktes und auch ein Kinderporträt ihres heute 26-jährigen Enkels, alles in Filz. Dieser Enkel, «mein grösster Fan», wie sie sagt, lädt sie zum Mittagessen ein und berät sie in Computerfragen. Zuerst sträubte sie sich gegen die moderne Technik, seit sie aber weiss, dass sie mit ihrem Laptop die Website des FC Bayern München durchstöbern kann, geht sie gerne digital. Früher sei man als Frau, die gerne Fussball schaut, eine Ausnahme gewesen. «Aber man ist, wie man ist», sagt Klara Kaiser. Und sie war immer gerne etwas nonkonform.

Der Zeit voraus

Der Zeit voraus war sie auch, als sie sich vom Vater ihrer zwei Buben, dem ersten Mann in ihrem Leben, scheiden liess. Und das Sorgerecht für die Buben – Mitte der Sechzigerjahre – mit ihm teilte. Er schaute zusammen mit seiner neuen Frau während der Werktage zu den Kindern. Sie selber sorgte für sie an den Wochenenden. «Es lief nicht immer alles rund, aber ich habe immer an ein gutes Ende geglaubt.» Das hat geholfen.

Als geschiedene Mutter arbeitete sie für die Schweizerische Telefongesellschaft. «Ich bin nicht geächtet worden als Geschiedene.» Früher, als sie noch in der Lehre war, hätten geschiedene Frauen «lausige Arbeit» machen müssen. Telefonistin aber war ein angesehener Beruf. Und später, als Chefin, habe sie die Erfahrung gemacht, dass besonders geschiedene Frauen sehr arbeitsam waren. Was man von «der Jungmannschaft» nicht immer habe behaupten können.

Einmal anders: Die Heiligen Drei Könige in buntem Gewand – gefilzt.

Sie blieb der Telefongesellschaft treu bis zur Pensionierung. An ihrem letzten Arbeitstag hingen fünfzig rosarote Geigen in ihrem Büro von der Decke. «Wir hatten es gut, das Team war meine Familie, ich ging gerne zur Arbeit.» Oft bekochte sie Gäste. Das ging ihr leicht von der Hand, denn schon als Mädchen stand sie stundenlang vor den Kochtöpfen im Gasthof ihres Vaters, dem Frohsinn in Fehraltorf. «Ich heisse zwar Kaiser, habe aber immer viel gearbeitet.»

Das Haus voller Militär

Es war eine strenge Zeit. Die Mutter war ständig bei der Arbeit. Das Kindermädchen Marie schaute nach den Kindern. Vom älteren Bruder lernte Klara lesen, mit dem anderthalb Jahre jüngeren habe sie «Streiche ausgeheckt». Zu dieser Zeit, es waren die Kriegsjahre, war das Haus voller Militär. Offiziere und Unteroffiziere. Der Vater war im Aktivdienst, die Mutter führte das Restaurant allein. Als Klara in der 2. Sek war, starb ihre Mutter an Angina. Weil Marie da war, «ging alles einfach weiter», erzählt Klara. Doch der Schmerz über ihren Tod war dennoch da.

Diese harten Jahre haben sie geprägt. Klara Kaiser wurde keine, die leicht aufgibt. Als sie mit 55 pensioniert wurde, wie es damals bei der Telefongesellschaft üblich war, musste sie noch ein paar Jahre überbrücken. Deshalb half sie bis zum AHV-Alter im Waidspital als Telefonistin aus. Daneben kochte sie acht Jahre lang an einem Mittagstisch in der Altstadt. «Ich hatte ja Erfahrung. Einkaufen, selber disponieren. Manchmal ging es auf, manchmal nicht», lacht die hippe Pensionierte. «Ich habe es auch nicht so genau genommen.» Geld sei praktisch und beruhigend, «aber fürs Glück nicht entscheidend».

Kreativ und nonkonform

Vielleicht sei es einem ein bisschen gegeben, so sorglos zu sein, immer ans gute Schicksal zu glauben, sagt sie. Aber jeder könne aus seinem Leben immer wieder etwas machen, auch später, mit sechzig, siebzig, ja mit achtzig Jahren noch: «Etwas arbeiten, auch wenn es nur ein Hobby wie Filzen ist. Oder im Sommer einen schönen Sitzplatz gestalten, Blumen ziehen, Stühle blau anstreichen.» Dann würde jemand vielleicht sagen: Ich will mal die Frau mit den blauen Stühlen kennen lernen.

Ans Sterben denkt sie nicht: «Der Tod lauert das ganze Leben, da muss man nicht speziell auf ihn warten. Das hat keinen Wert.» Klara Kaiser will filzen, «solange ich noch filzen kann». Wohin sie ihr Weg noch führt, ist offen. Sie bleibt kreativ und nonkonform. Und genau diesen Lebensrat gäbe sie auch gerne dem Bundesrat mit. Frei nach dem Gedicht von Bertolt Brecht (1916): «Seid kalt oder heiss, aber nur nicht lau. Seid schwarz oder weiss, aber nur nicht grau.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2018, 19:30 Uhr

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