Auf der Lauer mit Ex-Stadtrat Andres Türler

Der Zürcher Politiker ist seit 10 Jahren Jäger. Im Revier erklärt er, weshalb eine professionelle Jagd nur Nachteile bringt.

«Die Jagd ist kein Hobby»: Andres Türler spricht sich klar für die Milizjagd aus. Video: Ryan Neukomm

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Zum Abschied aus dem Stadtrat gabs Wildschwein. Andres Türler, langjähriger Vorsteher der Industriellen Betriebe von Zürich, briet für seine Kolleginnen und Kollegen eine Wildsau am Spiess. Das kam gut an. «Es blieb am Schluss nichts übrig.» Was die Öffentlichkeit bisher nicht wusste, war im Stadtrat bekannt: Der FDP-Politiker ist aktiver Jäger, und das bereits seit zehn Jahren. Der eine oder die andere im Gremium hat in dieser Zeit auch einmal ein Reh von ihm bekommen.

Türler ist Mitglied in zwei Jagdgesellschaften, im Weinland und in der Nähe von Zürich. Wo genau sich die Pachtgebiete befinden, möchte er nicht sagen, aus Angst vor militanten Jagdgegnern; schon mehrmals wurden Hochsitze demoliert.

Jagen als Ausgleich

Es ist halb sechs Uhr abends. Soeben ist am Irchel ein heftiger Regen niedergegangen. Nur kurz, schon bricht zwischen den Wolkentürmen nochmals die Sonne hervor und schickt ihre flachen Strahlen auf Wälder und Felder. Von den Wiesen steigt Dampf auf.

Er habe sich immer für die Natur interessiert, sagt Türler und erwähnt, wie er schon früh die Weichen für eine nachhaltige Entwicklung der Stadt Zürich gestellt habe. Dass er Jäger wurde, war aber eher Zufall. Ein Mitarbeiter hat ihn darauf gebracht. Einer, der oft unter Druck arbeitete und dennoch immer fit und zufrieden wirkte. Als der Chef ihn nach seinem Erfolgsrezept fragte, nannte er die Jagd. Dort könne er auftanken. «Das wollte ich auch», sagt Türler. Und so machte er die Ausbildung. «Das gefiel mir, ich lernte alles über die Tiere, über Gesetze und das Handwerk – zum Beispiel, wie man ein Tier zerlegt.» Und auch, wie man es schiesst.

Herr Türler, was empfinden Sie, wenn Sie ein Wildtier töten?
Jagd und Tod gehören zusammen. Ich bin mir der Verantwortung dem Lebewesen gegenüber bewusst, empfinde Ehrfurcht.

Die Initiative der Tierpartei, über die wir am 23. September abstimmen, fordert Profi-Wildhüter statt Jäger, «weil Töten kein Hobby sein soll».
Einspruch! Die Jagd ist kein Hobby und kein Zeitvertreib, sondern eine verantwortungsvolle Aufgabe. Ich muss auf Anhieb treffen, damit das Tier nicht leidet.

Gelingt Ihnen das immer?
Bisher ja. Ich gehe oft in den Schiessstand, um zu üben. Wenn ich unsicher bin, nehme ich den Finger vom Abzug. Deshalb habe ich dieses Jahr auch erst ein Tier erlegt, einen Rehbock.

Auf die Frage, was er mit dem Bock gemacht habe, deutet Türler mit beiden Zeigefingern auf seinen Bauch. Ja, er liebt das Wildfleisch. Und er kocht es gern. Für den Jagdaufseherverein organisiert er Kochkurse. Wie man das ganze Reh verwertet oder Wildterrinen macht. Sein neuster Geheimtipp ist Rehschulter sous vide: Während 26 Stunden bei 65 Grad im Vakuumbeutel gegart. So simmert das Fleisch ganz langsam im eigenen Saft.

Wild sei eine äusserst nachhaltige Nahrung, sagt Türler. Die Jäger schiessen nur so viele Rehe, wie ihnen der Kanton vorgibt, der Bestand bleibt erhalten. Und das Wildfleisch ist gesund. Wildtiere bekommen keine Medikamente, kein Kraftfutter, und sie werden nicht ins Schlachthaus transportiert. «Das Tier leidet nicht.»

Die Sorgen loslassen

Das Fleisch ist der Lohn für des Jägers Einsatz. Aber bei weitem nicht sein Hauptmotiv. Es sei die Ruhe im Wald, die ihn voll vereinnahmt habe, sagt der Alt-Stadtrat. Oft hatte er den Kopf voller Sorgen. Doch schon nach wenigen Minuten in der stillen Natur konnte er loslassen. «Das hat mir geholfen.» Als er noch im Amt war, schaffte er es ein- bis zweimal im Monat ins Revier. Nun geht er fast jede Woche.

Andres Türler stoppt seinen Viermalvier auf einem Kiesweg. Rechts, in 20 Meter Distanz, liegt der Waldrand, links ein Maisfeld. Die Stängel stehen hoch und gerade, die Kolben sind bald reif. Türler schiebt die tropfenden Pflanzen mit der Hand beiseite und schreitet ins Feld hinein. Nur zwei Reihen vom Feldrand weg tut sich eine grosse Fläche auf. Der Mais ist niedergetrampelt, die Kolben halb abgefressen. Hier waren die Wildschweine.

Und nicht nur hier. Im nächsten Maisfeld dasselbe Bild, und auch im Sonnenblumenfeld weiter oben am Hang haben sich die Sauen verpflegt. «Wir hatten schon Felder, die vollständig zerstört waren», sagt Türler. Es gehört zu den Aufgaben einer Jagdgesellschaft, die Wildschäden an Kulturen mit den betroffenen Bauern zu begutachten und – wenn nötig – den kantonalen Schadenexperten zu benachrichtigen. Dieser beziffert den Verlust, den die Jäger aus ihrer Kasse zahlen müssen – bei Rehschäden voll, bei Wildschweinschäden zu 20 Prozent. Ebenfalls zu den Aufgaben der Jäger gehört es, Wildschweine zu schiessen. Sonst würde die Population noch grösser, und damit der Schaden.

Herr Türler, wie viele Sauen haben Sie schon erlegt?
Ich habe nicht gezählt, sicher einige. Die Schwarzwildjagd ist schwierig. Wir passen den Sauen zwischen Wald und Feld ab. Sie kommen aber erst aus dem Wald, wenn es dunkel ist. Und man muss sehr vorsichtig sein. Wir wollen und dürfen kein Muttertier schiessen, das Junge führt.

Ist Ihnen das aus Versehen schon einmal passiert?
Ich habe zum Glück noch keinen Tolggen im Reinheft. Ich bleibe immer auf der sicheren Seite.

Reklamieren die Kollegen nicht, weil Sie wenig Sauen erlegen?
Nur durch die Blume. Aber ich schiesse nur, wenn es wirklich passt. Zudem war ich bis anhin nicht so oft draussen, wie meine Kollegen dies sind.

Gibt der Kanton auch für die Sauen eine Abschussquote vor, wie er es bei den Rehen tut?
Für das Schwarzwild gibt es keine Vorgaben – zum Glück. Ich würde sonst nicht mehr mitmachen. Wegen des Drucks, des Risikos von Fehlabschüssen.

«Die Natur reguliert sich nicht selber, weil wir gar keine unberührte Natur mehr haben.»Andres Türler

Das Problem wäre kleiner, wenn die Bauern den Mais, das Lieblingsessen der Sauen, nicht so nah an den Wald pflanzten.
Dazu gibt es keine Vorschriften. Und die Wildschweine fressen ja nicht nur Mais, sondern alles, was sie finden, auch Weizen, Zuckerrüben oder Raps. Eine Regulierung durch Abschüsse ist deshalb unabdingbar.

Die Jagdgegner sagen, die Jagd führe im Gegenteil zu einer Zunahme des Bestands, weil die Tiere früher geschlechtsreif werden. Ohne Jagd würde sich derWildtierbestand selber regulieren.
Die Natur reguliert sich nicht selber, weil wir gar keine unberührte Natur mehr haben. Durch die Zersiedelung zerstören wir das Revier der Tiere – und gleichzeitig geben wir ihnen mit unserer Landwirtschaft viel Nahrung. Die Initiative bringt in unserem System nur Nachteile. Man müsste alles einzäunen und die Tiere verscheuchen. Es gäbe mehr Krankheiten, weil sie sich trotzdem vermehrten. Und alles würde teurer. Wir betreiben die Jagd im Milizsystem, wie vieles andere auch in unserem Land: das Militär, die Feuerwehr. Unser Milizsystem hat eine hohe Professionalität. Der Unterschied zwischen professionellen Wildhütern und Jägern ist nur die Anstellung.

Hand aufs Herz: Gibt es nicht doch Jäger, die einfach Freude am Abschuss haben?
Ich kenne keinen. Die ganze Ausbildung lehrt uns die Wertschätzung der Natur. Es ist vergleichbar mit einem Metzger. Der hat auch keine Freude am Töten, es gehört einfach zu seinem Handwerk. Wenn wir Fleisch essen wollen, müssen wir töten. Es geht nicht, mit dem Finger auf die Jäger zu zeigen und dann einen Pouletschenkel aus dem Kühlschrank zu nehmen.

Andres Türler redet sich in Fahrt. Und freut sich im nächsten Moment über die Aussicht. Er hat einen seiner Lieblingspätze aufgesucht, sitzt jetzt an einem grossen Holztisch auf der Krete des Irchels. Der Blick schweift weit übers Land bis zu den Vulkankegeln im Schwarzwald. Langsam geht der Tag zu Ende.


Bilder: Schweizer Tiere – geschützt und trotzdem bald jagdbar?


Zeit, zum Hochsitz zu fahren. Dieser ist komfortabel: ein rundum geschlossenes Holzhäuschen. Türler hat das Gewehr geschultert. Er steigt die Treppe hinauf, schliesst das Schloss auf und setzt sich auf die Bank. Er öffnet die Fenster zur Wiese hin. Und schon tritt ein Rehbock aus dem Wald. Er frisst ein paar Gräser, beobachtet, kaut wieder. Fast eine halbe Stunde lang steht er auf der Wiese. Es ist ein junges, gesundes Tier, wie der Jäger bemerkt. Ein Abschuss wäre problemlos möglich, der Rehbock präsentiert sich in idealer seitlicher Position. Und das Jagen von Rehböcken ist von Anfang Mai bis Ende Jahr erlaubt. Doch Türler verzichtet.

Er will nur beobachten. Ein Fuchs überquert die Wiese, läuft am Reh vorbei und den Hang hinunter. Wenig später trabt auch das Böcklein weg. Als es schon fast dunkel ist, taucht am Waldrand eine Rehgeiss auf. Und auf der Heimfahrt springt, nur wenige Meter vor Türlers Auto, eine Geiss mit Kitz über die Kantonsstrasse. Türler weiss, dass an dieser Stelle oft Wild unterwegs ist, und fährt deshalb langsam.

Jährlich werden auf Zürcher Strassen Tausende von Wildtieren angefahren. Die Jäger und Jagdaufseher müssen dann ausrücken und sich um die Tiere kümmern, die oft noch nicht tot sind. Auch Andres Türler ist schon mitten in der Nacht zu einem Wildunfall gerufen worden. In seinem anderen Jagdrevier in Stadtnähe steht er auf der Pikettliste an zweitoberster Stelle. Wenn der Anruf kommt, ist er in einer Viertelstunde zur Stelle. Und erlöst das Tier.

Erstellt: 16.08.2018, 21:11 Uhr

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