Mit einer Sehschwäche zum Kunstfotografen

Georg Holubec sieht nur verschwommen. Mit einzigartigen Fotos seiner Heimatstadt Winterthur begeistert er dennoch eine grosse Fangemeinde.

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Die Motive, die er fotografiert, sind bekannt. Die Perspektive, die Georg Holubec einnimmt, ist es aber bei weitem nicht immer. Der 31-jährige Familienvater aus Neftenbach, der mit einer Sehschwäche zur Welt kam, setzt seine Heimatstadt immer wieder auf überraschende Art ins Bild.

Sein Foto, das er beispielsweise beim Eindunkeln im Regen vom Sulzerhaus geschossen hat, entlockt manchem Betrachter ein «Wow, so habe ich das Sulzerhaus noch nie gesehen». Er probiere, etwas möglichst schön abzubilden, sagt der Fotograf. «Auch mit Regen und Wolken, dann spüre ich die Natur etwas mehr.» Holubec liebt Nachtaufnahmen.

Das Sulzerhaus beim Eindunkeln im Regen. Bild: Georg Holubec

Einzigartig auch das Foto, das er von der Oberen Hueb in Neftenbach aus auf das in Hügel eingebettete Lichtermeer der Stadt Winterthur geschossen hat. «Ich bin der langsame Fotograf, der am liebsten mit dem Stativ unterwegs ist», sagt der 31-Jährige. Seine Fotos sind oft Langzeitbelichtungen.

Die Bilder speichert er im Rohformat ab, so kann er sie selbst digital «entwickeln» und ihnen dadurch seinen eigenen kreativen Bildstil verpassen.

Über 3600 Fans

Mit seiner Facebook-Seite «Winterthur in Pictures» hat Holubec in knapp zwei Jahren über 3600 Followers gewonnen. Seine Fotos zieren auch den letztes Jahr erschienenen Winterthurer Stadtführer «111 Orte, die man gesehen haben muss». Der Familienvater aus Neftenbach, der sich das Fotografieren selbst beibrachte, hat sich in den letzten zwei Jahren in Winterthurs Fotografenszene vom Hobbyfotografen zum Kunstfotografen gemausert.

«Meistens mache ich meine Fotos aus einer Gesamtstimmung heraus, die ich wahrnehme»

Das zeigt auch Holubecs neuestes Werk, der Fotokalender «Winterthur in Pictures 2019». Dieser ist schon vor seinem Erscheinen Anfang November begehrt. Von diesem will er vorerst aber nur 100 Exemplare drucken und für 29.90 Franken das Stück abgeben. Auf seinen Hinweis auf Facebook haben sich aber bereits etliche Fans aus dem In- und Ausland auf der gleichnamigen Webseite www.winterthurinpictures.ch ein Exemplar gesichert. Eine Heimwehwinterthurerin will sich den Kalender sogar bis nach Mexico schicken lassen. Eine andere bis in die Niederlande.

Im Display sieht er schärfer

Georg Holubec leidet seit Geburt an einem schweren Sehfehler. Infolge einer seltenen Erbkrankheit leite sein Sehnerv die Information nicht richtig ans Gehirn weiter, erklärt der gebürtige Winterthurer.

«Darum sehe ich nur sehr verschwommen.» Details könne er keine erkennen. «Wenn ich aber etwas bis zehn Zentimeter vor die Augen halte, sehe ich 80 Prozent.» Über das Display seiner Kamera kann er besser sehen als in natura. «Meistens mache ich meine Fotos aus einer Gesamtstimmung heraus, die ich wahrnehme», sagt er.

Fotografierender Hausmann

Holubecs Frau ist Thailänderin. Seit 2014 lebt das Ehepaar mit den drei Buben im Alter von drei, neun und zehn Jahren in Neftenbach. Jumnien Holubec ist Sushi-Köchin. «Und ich bin der fotografierende Hausmann.» Kennengelernt haben sich die beiden in einem Resort in Bangkok. Wenig später ist Holubec nach Thailand ausgewandert. «Doch nach 15 Monaten waren wir wieder da, weil dort gute Schulbildung sehr teuer ist.»

Georg Holubec war immer schon gezwungen, sein Leben rund um die Krankheit zu gruppieren. Das Ziel, eine Lehre zu absolvieren, musste er aufgeben. «Zuerst wollte ich Automatiker lernen, und als dies nicht klappte, Informatiker.» Doch die fehlende Sehkraft zwang ihn bei beiden Lehrstellen zum Aufhören.

Entmutigen liess er sich dadurch aber nie. Holubec bekleidete Stellen im Bereich Facility Management und Informatik. «Heute möchte ich mich in der professionellen Fotografie weiter etablieren und entwickeln», sagt der, der sich ursprünglich eine Kamera gekauft hat, um das Aufwachsen seiner drei Buben zu dokumentieren – und mittlerweile auf eine wachsende Fangemeinde seiner Kunstfotografie zählen kann.

Erstellt: 18.10.2018, 20:13 Uhr

Georg Holubec.

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