Im Mini-Boot durch den Schiffsfriedhof

Dem Zürichseesegler Yo Wiebel gelang eine Weltpremiere. Er sass dabei auf einem nur sechs Meter kleinen Katamaran.

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Über keinen Felsen der Welt wird derart viel Seemannsgarn gesponnen wie über Kap Hoorn, den südlichsten und ungastlichsten Punkt Südamerikas. Die kalte See vor dem Kap gilt als grösster Schiffsfriedhof, die Umrundung des grauen Klotzes am Ende der Welt als eine der gefährlichsten Schiffspassagen. «Selbst der Teufel würde hier erfrieren», schrieb einst Charles Darwin.

In diesen eiskalten Gewässern wollte Yohannes Wiebel – oder Yo, wie ihn alle nennen – segeln. «Schon als Knabe verschlang ich all die Seefahrerromane», erzählt der im Allgäu aufgewachsene Architekt. Die Liebe brachte ihn nach Zürich, wo er als Architekt beim auf Solararchitektur und Holzbau spezialisierten Büro Kämpfen arbeitet. Die zweite Liebe fand der sportliche Yo auf dem Zürichsee, wo er sich dem traditionsreichen Zürcher Segelclub ZSC anschloss und bald Sportchef wurde. «Ich segle alles, was schnell ist und fliegt», sagt Wiebel.

Der Test beim Weltmeister

«Fliegen» auf dem Zürichsee? Das geht tatsächlich. Moderne Segelboote haben «Foils» oder Tragflügel, dank denen sie bei gutem Wind hochsteigen und wie auf Flügeln in atemberaubendem Tempo übers Wasser schiessen. Yo Wiebels Chance, seinen Kindheitstraum zu erfüllen, kam, als der französische Segelweltmeister und Volvo-Open-Race-Sieger Franck Cammas einen Vorschoter für sein Kap-Hoorn-Abenteuer suchte.

Yo gab alles. Er schickte ein professionelles Bewerbungsvideo ein, das ihm eine ZSC-Clubkollegin geschnitten hatte. Vor allem aber: Yo drehte in der Bretagne auf dem Boot des Zürcher Mini-Transat-Seglers Simon Koster spektakuläre Aufnahmen. Yo wurde unter 350 Bewerbern zum Testsegeln mit Franck Cammas in La Rochelle eingeladen. Und er machte das Rennen. «Vielleicht, weil ich so locker drauf war und viel gescherzt habe.»

Acht Kilo angefressen

Bis zur Qualifikation musste Yo Bedingungen erfüllen, wie sie sonst nur an Profiboxer gestellt werden. Der drahtige Bergsteiger und Ausdauersportler war zu leicht. In zwei Monaten konnte er von 67 Kilo auf das vorgeschriebene Wettkampfgewicht von 75 Kilo zulegen. Draussen am Trapez brauchts Gewicht. «Futtern allein reichte nicht», erzählt Yo. «Nur happige Krafttrainings und Eiweissshakes halfen.» Gesponsert wurde das Abenteuer vom französischen Brillenhersteller Julbo und dem Schweizer Software-Unternehmen Teamwork.

Das Kap Hoorn war vor Eröffnung des Panamakanals die traditionelle Route für Frachtsegler – und die Verbindung von New York nach Kalifornien. Viermastige Teeklipper und Salpeterfrachter umschifften den mythischen Felsen ebenso wie Goldgräber, angezogen vom kalifornischen Goldrausch. 800 Schiffe sollen zerschellt und gesunken sein. Berüchtigt ist das Kap wegen des unberechenbaren Wetters aus der Antarktis, der starken Strömungen, der schlechten Sicht und des eiskalten Wassers. Sechs Grad warm war das Meer Mitte November. Und dann gibts 55 Seemeilen weiter nordwestlich auch noch ein falsches Kap Hoorn, das für Segler oft zum fatalen Irrtum wurde, weil sie sich wieder auf hoher See wähnten und an den Wollaston-Inseln zerschellten.

Der Rennkatamaran Nacra F20, voll aus Carbon gefertigt und bloss 180 Kilo schwer, wurde in einer Kiste nach Puerto Williams geflogen, der südlichsten chilenischen Stadt an der Beagle-Strasse, wo sich die chilenischen Zöllner um den Mini-Kat kümmerten. «Zuerst verlangten sie eine komplette Ausrüstung mit Anker und Rettungsinsel.» Erst als sie sich vom ausgefeilten Projekt und der Identität der Segellegende Franck Cammas überzeugt hatten, gaben sie grünes Licht.

Start im südlichsten Ort der Welt

Die Expedition begann in Puerto Toro, der südlichsten Siedlung der Welt, bloss bewohnt von 18 Fischern. «Wir hatten Glück», erzählt Yo, «weil wir von Anfang an ein gutes Wetterfenster hatten.» Am 15. November segelten sie zur Isla Herschel, der letzten Insel vor dem Kap, begleitet von einem 67-Fuss-Segelboot, auf dem sie vor Anker übernachten konnten.

Start war am 16. November um 7.30 Uhr. Yo trug unter einem Trockenanzug und der Schwimmweste vier lange Thermounterhosen, zwei Sätze Merinowäsche, eine Schicht Angora, einen Fleece sowie auf dem Kopf Sturmhaube und Helm. Am Anfang war der Wind schwach, frischte aber bald auf – und der Kat konnte fliegen. Bis 27,7 Knoten zeigte das kleine GPS am Handgelenk – über 50 Kilometer pro Stunde. Das Begleitboot lag oft weit zurück, als Franck und Yo das Kap rundeten. Sie gaben sich ein kurzes High-Five im Wissen, dass sie wohl die Ersten sind, die das gefürchtete Kap auf einem derart kleinen Segelboot umrundet haben.

Bloss eine Pinkelpause

Auf der 150 Kilometer langen Rückfahrt zur Beagle-Strasse wuchsen die Wellen auf 2,5 Meter. «Wir hatten Gegenwind und mussten kreuzen», erzählt Yo, «und wir wurden alle fünf Sekunden geduscht.» Kalt hatte er bloss an den Händen und im Gesicht – ausser als einmal seinen Trockenanzug öffnen und über Bord pinkeln musste. Fünf Stunden lang führte Yo den 25-Quadratmeter-Gennaker aus der Hand. Franck am Ruder kannte kein Pardon. «Bei jeder Welle musste ich fieren und dichtholen.» Auf halbem Weg begann es aus heiterem Himmel zu graupeln. «Wir sahen keine 250 Meter mehr.» Nach fünf Stunden im Trapez erreichten die beiden das Fischerdörfchen Puerto Toro. «Ein Teil meines angefressenen Gewichts war wieder weg.»

Die imposanten Bilder des kleinen Bootes in den grossen Wellen. (Video: pd)

Yo Wiebel ist stolz auf seine Leistung und voll motiviert auf mehr. Profisegler wie Simon Koster, der soeben mit einem 6,5-Meter-Boot allein in 14 Tagen über den Atlantik gesegelt ist, will er nicht werden. Er ist glücklich mit seinem Job als Architekt und der Zeit zum Bergsteigen. «Ein paar Ideen hätte ich aber schon noch», sagt er. «Zusammen mit Simi gäbe es noch einige Segelrekorde zu knacken.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.12.2015, 16:02 Uhr

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