«Monströse Tat, die einen schaudern lässt»

Eine 36-jährige Nordmazedonierin ist wegen versuchten Mordes an einem 14-jährigen Zufallsopfer hart bestraft worden. Ihr Bruder wurde freigesprochen.

Die Staatsanwältin, die beiden Beschuldigten, die Richterin und der Verteidiger (v. l.) während des ersten Prozesses.Illustration: Julia Kuster

Die Staatsanwältin, die beiden Beschuldigten, die Richterin und der Verteidiger (v. l.) während des ersten Prozesses.Illustration: Julia Kuster

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Ein 14-jähriger Knabe liegt in der elterlichen Wohnung in seinem Schlafzimmer auf dem Bett und spielt mit Handy und iPad. Es ist Samstag, 5. November 2016, kurz vor 15 Uhr. Plötzlich stehen zwei ihm völlig unbekannte Menschen, mit Sturmhauben maskiert, in seinem Zimmer. Die Frau hat ein Kochmesser in der Hand. Sie gibt das Messer ihrem Begleiter, geht wortlos zum 14-Jährigen, nimmt ihm Handy und iPad aus der Hand und legt die Gegenstände auf das Bett.

Dann lässt sie sich das Messer wieder geben und beginnt, auf den Jungen einzustechen. Im Kampf um sein Leben schafft es der Schüler irgendwann, die Frau auf den Boden zu stossen. Doch vor ihrem Sturz und der anschliessenden Flucht ist es ihr noch gelungen, dem Knaben 15 Stich- und Schnittverletzungen zuzufügen und ihn lebensgefährlich zu verletzen.

Als ob der Teufel in ihr war

So steht es in der Anklageschrift. Aber so will es die Frau mit dem Messer nicht akzeptieren. «Ich bin nicht so ein Mensch, wie es in der Anklageschrift beschrieben ist», sagt sie, die 36-jährige Nordmazedonierin, am Freitag vor dem Obergericht. Sie habe ja selber zwei Söhne – einer nur zwei Jahre jünger als das Opfer. «Es tut mir sehr leid, ich möchte mich bei der Familie und ihrem Sohn entschuldigen, ich bereue sehr, was ich getan habe», sagt sie.

Aber: Sie habe damals nicht gewusst, was sie tue, es «war schwarz vor meinen Augen», es war, «als ob der Teufel im mir gewesen ist». Sie gibt zwar inzwischen zu, dass sie es war, die auf den Knaben eingestochen hat, und nicht etwa, wie früher behauptet, ihr Begleiter, der drei Jahre jüngere Bruder. Aber sie sagt weiterhin, sie habe daran keine Erinnerung.

Und jetzt sitzt sie, zusammen mit ihrem Bruder, vor dem Obergericht. Sie will eine tiefere Strafe als die 18 Jahre, die ihr das ­Bezirksgericht auferlegte. Ihr Bruder, wegen Gehilfenschaft mit viereinhalb Jahren bestraft, lässt gar einen Freispruch beantragen. Die Staatsanwältin, die in ihren 20 Dienstjahren «noch nie eine solch abscheuliche und niederträchtige Tat untersuchen» musste, will höhere Strafen, 20 und 6 Jahre.

Um das Opfer ging es nicht

Denn um das damalige Opfer, den inzwischen 17-jährigen Knaben, ging es nämlich nicht im Geringsten. Sondern um die Ehe der Nordmazedonierin und um ihre Schwiegereltern. Kurz gesagt: Ihre Ehe ging den Bach runter. Und schuld hatte ihr Schwiegervater. Denn der mischte sich angeblich nicht nur ungefragt in die Ehe ein, sondern soll auch seinem Sohn geraten haben, sich von seiner Frau zu trennen.

Dass die Frau ihre Schwiegereltern hasste, ist belegt. «Ich zünde sie an mit Benzin von ganz unten an den Beinen», sagte sie über die Schwiegermutter, wie ein abgehörtes Telefonat dokumentiert. Und über den Schwiegervater: «Es soll jemand hingehen und ihn umbringen! Päng, an Ort und Stelle!» Tatsächlich ging die 36-Jährige mit ihrem Bruder, bewaffnet mit Messer und ausgerüstet mit Sturmhauben, in Abwesenheit der Schwiegereltern in deren Wohnung.

Der Bruder wollte dort Geld stehlen. Und sie selber wollte den Schwiegervater «erschrecken». Nicht töten? «Niemals.» Und wie erschrecken? «Das weiss ich selber nicht.» Als die Schwiegereltern nicht auftauchten, kam es zur verhängnisvollen Planänderung. Nun sollte der auf dem gleichen Stock mit seinen Eltern wohnende 14-Jährige mit dem Messer schwer verletzt oder getötet und die Tat anschliessend dem Schwiegervater in die Schuhe geschoben werden.

Ein starkes Indiz, dass diese Absicht bestand, zeigte sich in den folgenden Tagen. Bei der Kantonspolizei gingen zwei ­anonyme Schreiben ein, in denen der Schwiegervater beschul­digt wurde, die Tat begangen zu ­haben. Absenderin war, wie sich später herausstellte: seine Schwiegertochter.

«Menschliche Abgründe»

Das Obergericht bestätigte die Mordqualifikation und erhöhte die Strafe für die Frau auf 20 Jahre. Die 36-Jährige habe eine «aussergewöhnlich krasse Missachtung fremden Lebens zur Durchsetzung eigener Interessen» gezeigt. Auf niederträchtige Art habe sie den Knaben «zum Werkzeug ihrer primitiven Rache gegenüber ihrem Schwieger­vater» gemacht.

Das Gericht sprach von einem «monströsen Verbrechen, das einen schaudern lässt. In jeder Hinsicht tun sich kaum vor­stellbare menschliche Abgründe auf». Mit der Tat, die krassestem Egoismus entsprang und Ausdruck von Erbarmungslosigkeit sei, habe sie dem Knaben und seiner Familie unermessliches Leid zugefügt.

Der Bruder hingegen wurde freigesprochen. Der 33-Jährige, der laut seinem Verteidiger aufgrund seines Intelligenzquotienten «zu den dümmsten 2 Prozent seiner Altersklasse» gehört, habe die Pläne seiner Schwester nicht gekannt. Während sie ein Blutbad anrichtete, was er gar nicht mitbekam, stand er in ihrem Auftrag Schmiere. Obwohl er 876 Tage im Gefängnis sass, erhält er keine Genugtuung. Er habe massgeblich dazu beigetragen, dass ein Strafverfahren eröffnet worden sei.

SB190245, nicht rechtskräftig

Erstellt: 06.12.2019, 23:20 Uhr

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