Mord ohne Leiche

Vor einem Jahr ist Gino Bornhauser aus Eglisau getötet worden. Der mutmassliche Täter ist geständig, weiss aber nicht, wo er die Leiche versteckt hat. Jetzt ist klar, wie ihm die Polizei auf die Spur kam.

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Der Fall ist in seiner Tragik und Brutalität wohl einmalig: Der 67-jährige Gino Bornhauser wird gefilmt, als er auf einem Parkplatz in der Zürcher Unterländer Gemeinde Rafz von seinem späteren Mörder brutal niedergeschlagen wird. Der Mann schleppt den Schwerverletzten in dessen Auto und fährt weg. Später tötet er ihn und deponiert die Leiche in einem Waldstück. Wo er sie versteckt hat, weiss er nicht mehr. Obwohl die Polizei in der Region Rafz und auf deutschem Gebiet gross angelegte Suchaktionen mit Spürhunden, Helikopter und vielen Beamten durchführte, ist Gino Bornhauser seit einem Jahr unauffindbar.

Der in Eglisau wohnhaft gewesene pensionierte Rettungssanitäter hatte am 22. April 2016 um 17 Uhr in Rafz einen Arzttermin. Zwei Stunden später wurde er von Zeugen gesehen, wie er auf dem öffentlichen Parkplatz beim Feuerwehr­depot, rund hundert Meter von der Arztpraxis entfernt, einen Streit mit einem Unbekannten hatte. Dabei dürfte Bornhauser «erhebliche Verletzungen erlitten haben», wie die Kantonspolizei damals schrieb. Diese Vermutung war den Videoaufnahmen eines Augenzeugen zu verdanken, welcher die Gewalttat mit dem Handy gefilmt hatte. Auch weitere Zeugen hatten den Vorfall gesehen, aber niemand hatte die Polizei alarmiert. Erst nach dem Zeugenaufruf der Polizei hatten sie sich gemeldet.

Auto ausgebrannt gefunden

Auf dem Handyvideo, welches die Kantonspolizei anschliessend veröffentlichte, ist ein junger, athletischer Mann zu sehen, der heftig mit den Händen gestikuliert – der mutmassliche Täter, der einem Augenzeugen droht. Die Polizei zeigte nicht das ganze Video, insbesondere nicht die Gewalttaten gegen Bornhauser, sondern nur eine zwanzigsekündige Sequenz mit den Drohungen.

Nachdem das Video in allen Medien gezeigt und unzählige Male angeklickt worden war – innerhalb von drei Tagen allein auf Youtube rund 100'000-mal –, gingen bei der Polizei zwar rund ein ­Dutzend Hinweise ein, trotzdem führten diese nicht zur Verhaftung des Täters. Der wahrscheinliche Grund: Auf dem ­Video war der Täter nur undeutlich zu erkennen.

Die Polizei war dem Mann dank eigenen Ermittlungen auf die Spur gekommen. Am 31. Mai verhaftete sie in Rafz eine damals 33-jährige Slowakin und einen 34-jährigen Brasilianer. Der Brasilianer hatte nach der Tat Wertsachen von Gino Bornhauser gestohlen, darunter auch eine Bankkarte. Diese Karte war der Grund, dass die Polizei dem Täter auf die Schliche kam und ihn verhaften konnte. Denn zu Hause gab dieser die Bankkarte seiner Ehefrau und beauftragte sie, damit bei einem Bancomaten Geld abzuheben. Die Frau tippte aber den falschen Code ein, die Karte wurde durch den Automaten eingezogen. Anschliessend bezog sie mit ihrer eigenen Karte Geld. Anhand dieses und des versuchten Geldbezugs kam die Polizei auf das Ehepaar und verhaftete es Ende Mai.

Ex-Nachbar des Opfers

Das Paar ist verheiratet und hat drei kleine Kinder. Die Frau wurde kurze Zeit später wieder freigelassen; sie hatte mit der Tat nichts zu tun. Der Mann befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Er ist geständig. Laut der zuständigen Staatsanwältin wird die Anklageschrift voraussichtlich im Frühsommer fertig verfasst sein. Dann geht der Fall an das zu­ständige Bezirksgericht in Bülach. ­Weitere Angaben machte die Staats­anwältin mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht.

Der Brasilianer wohnte mit Familie in einem Einfamilienhaus in Rafz. Er war direkter Nachbar von Gino Bornhauser, der mit seiner Frau bis vor drei Jahren ebenfalls in Rafz gewohnt hatte. Die ­Medien spekulierten damals, dass sich die beiden Männer aus dieser Zeit gekannt hätten. Dies war aber nicht der Fall, wie Petra Bornhauser, die Ehefrau des Opfers, gegenüber dem TA sagte. Obwohl die Bornhausers direkt neben dem Ehepaar wohnten, hätten sie den Mann (und späteren Täter) nicht gesehen, er habe sehr zurückgezogen gelebt. Der mutmassliche Täter war arbeitslos, er erhielt wegen psychischer Probleme eine IV-Rente.

Streit nach dummem Spruch

Warum die beiden Männer auf dem Parkplatz in Streit gerieten, darüber hatte sich die Polizei nicht geäussert. Laut früheren Medienberichten soll es sich um einen Streit wegen eines Schadens am Auto von Bornhauser gehandelt haben. Eine Tür wies eine deutliche Delle auf. Dies war aber nicht der Grund, wie Petra Bornhauser sagte. Sie hatte Einsicht in die Untersuchungsakten, mit den Aussagen des Beschuldigten.

Der Streit habe damit begonnen, dass Gino Bornhauser gegenüber dem Brasilianer – der zusammen mit seiner Frau und den Kindern beim Parkplatz in Rafz gespielt hatte – einen dummen Spruch gemacht habe. Der Brasilianer habe sich angegriffen oder beleidigt gefühlt und sei auf Bornhauser zugegangen. Der verbale Streit eskalierte. Bornhauser stieg dann in seinen Wagen ein, aber die Auseinandersetzungen ging weiter.

Als Bornhauser wieder aussteigen wollte, trat der Brasilianer heftig gegen die Fahrertür und verursachte eine deutliche Delle. Von dieser Delle war auch in der Öffentlichkeitsfahndung der Kantonspolizei die Rede, die damals von «einem massiven Schaden» auf Bornhausers schwarzem Opel Insignia schrieb.

Opfer später im Wald getötet

Danach kam es zu einer wüsten Schlägerei, in welcher der Brasilianer das Opfer niederschlug und es anschliessend auf die Rückbank von Bornhausers Wagen schleppte. Danach fuhr er mit dem Opel Insignia davon. Die Ehefrau und die drei Kinder waren bei dieser Schlägerei nicht dabei, sondern befanden sich entfernt auf dem Spielplatz.

Der mutmassliche Täter fuhr mit dem schwer verletzten Bornhauser in ein Waldstück, wo er dann den Rentner tötete – er überrollte den gefesselten Mann mit dem Auto mehrfach. Anschliessend versteckte er die Leiche in einem anderen Waldgebiet. Wo, weiss der geständige Täter aber nicht mehr. Der schwarze Opel Insignia wurde zwei Tage später, am 24. April 2016, leer und ausgebrannt auf einem Feldweg in Nack gefunden, einem Weiler der deutschen Gemeinde Lottstetten – unmittelbar an der Schweizer Grenze. Als die Freiwillige Feuerwehr Lottstetten vor Ort war, qualmte der Wagen noch. Dies bedeutet, dass der Brasilianer den Opel erst einige Stunden vorher angezündet hatte.

Petra Bornhauser hofft, dass die Leiche ihres Mannes endlich gefunden wird. «Es macht mich krank, dass ich von ihm nicht Abschied nehmen und seine Urne nicht beisetzen kann.» Sie wird heute am Todestag auf dem Parkplatz in Rafz – wo der Streit zwischen ihrem Mann und dem Täter stattfand – mit Angehörigen eine kleine Abschiedsfeier durchführen und Ginos gedenken.

Erstellt: 21.04.2017, 21:04 Uhr

Verschollen

Der Tod als wahrscheinlichste Hypothese

Gino Bornhauser soll tot sein, seine Leiche wurde aber bisher nicht gefunden. Gilt er offiziell als tot?

«Der Tod einer Person kann, auch wenn niemand die Leiche gesehen hat, als erwiesen betrachtet werden, sobald die Person unter Umständen verschwunden ist, die ihren Tod als sicher erscheinen lassen.» Dieser Artikel 34 des Zivilgesetzbuches wird aber nur dann angewendet, wenn der Tod des Menschen absolut sicher feststeht. Im Fall des Swissair-Absturzes bei Halifax im September 1998 beispielsweise hatten die Behörden keine Zweifel am sicheren Tod der Passagiere und des Swissair-Personals.

Bei einem nicht aufgefundenen Mordopfer geht man davon aus, dass sein Tod zwar möglich oder gar wahrscheinlich ist. Ein Nachweis für den sicheren Tod ist dies aber nicht. Es erfolgt kein Eintrag ins Todesregister. In diesem Fall können Betroffene bei Gericht beantragen, dass die Person für verschollen erklärt wird. Die «Verschollenerklärung» setzt voraus, dass «der Tod einer Person höchstwahrscheinlich (ist), weil sie in hoher Lebensgefahr verschwunden oder seit langem nachrichtlos abwesend ist». Im Fall von Gino Bornhauser fehlt der sichere Beweis für seinen Tod. Dieser ist aber angesichts der konkreten ­Situation die am ehesten wahrscheinlichste Hypothese.

Verschwand die Person in hoher Todesgefahr, muss das Gericht nach Ablauf mindestens eines Jahres die Öffentlichkeit auffordern, sich zu melden, wenn es über Informationen zur vermissten Person verfügt. Meldet sich innerhalb einer Frist von mindestens einem weiteren Jahr niemand, wird die vermisste Person für verschollen – nicht für verstorben – erklärt. Mit dem Eintrag der Erklärung im Personenstandsregister gilt eine Ehe als aufgelöst und können erb- und sozialversicherungsrechtliche Ansprüche ­geltend gemacht werden. (thas.)

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