Mordprozess: Gericht überrascht mit Aufforderung

Während die Mitbeschuldigten ihre Rolle im Mordfall Boppelsen herunterspielen, stellt das Bezirksgericht Bülach die Frage, ob es überhaupt Mord war.

Am zweiten Prozesstag befragte das Gericht Markus N. (2.v.r.) und die Ehefrau des Hauptbeschuldigten (l.). Illustration: Robert Honegger

Am zweiten Prozesstag befragte das Gericht Markus N. (2.v.r.) und die Ehefrau des Hauptbeschuldigten (l.). Illustration: Robert Honegger

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Dass hier am Bezirksgericht Bülach ein aussergewöhnlicher Fall verhandelt wird, lässt sich an vielen Besonderheiten ablesen, die selbst in Mordprozessen alles andere als alltäglich sind. So ist der Zutritt in den ersten Stock nur jenen Personen ­gestattet, die eine schriftliche Bewilligung des Gerichts haben. Im Gerichtssaal selber sitzen sieben bewaffnete Polizeibeamte.

55 Bundesordner ­mit ­Material

Für die Aufarbeitung des Falles sind vier Tage geplant. Das von der Staatsanwaltschaft vorge­legte Beweismaterial umfasst 55 Ordner. Und dass es viel zu sagen gibt, zeigt sich im seltenen Umstand, dass die Anklagebehörde, in diesem Fall Staatsanwältin Corinne Kauf, ein Plädoyer von vier Stunden ­halten will.

Die zwei Geschädigtenver­treter und die drei Verteidiger ­haben Vorträge von insgesamt neun bis elf Stunden in Aussicht gestellt. Andererseits sprengten auch die detaillierten Be­fra­­gungen der drei Beschuldigten den Rahmen des Üblichen. Sie dauerten, Pausen nicht berücksichtigt, fast vierzehn Stunden.

Fest steht nach zwei Verhandlungstagen nur eines: Der heute 29-jährige Schweizer Thomas K. hat im Februar 2016 einen 25-jährigen Serben und nur fünfeinhalb Wochen später einen 36-jährigen Schweizer Last­wagenbesitzer getötet – beide im Haus seiner Familie in Utzigen BE. In beiden Fällen verschloss er mit Klebeband die Atemwege seiner Opfer, sodass diese, wie es in der Anklageschrift heisst, «bei vollem Bewusstsein langsam und qualvoll erstickten».

«Würde an die Mafia-­Theorie gerne glauben»

Umstritten ist, warum der ­Berner, der mit seiner Transport­firma pleite war, die Männer umbrachte. Ging es ihm im Fall des Serben darum, an Geld und ­Drogen zu kommen, und im Fall des Transportunternehmers um dessen Lastwagen, den er ­klauen und für gutes Geld verscherbeln wollte? Dies ist die Über­zeugung der Anklage.

Oder handelte er im Auftrag der serbischen Mafia, der er anscheinend ein Vermögen schuldete und die ihn vor die Alter­native stellte, zum Täter zu ­werden oder – im Weigerungsfall – selber das Opfer eines Tötungsdelikts zu werden?

Unklar oder umstritten ist ­ferner die Frage, welchen Anteil die Ehefrau von Thomas K. und sein einstmals bester Freund, Markus N., an den diversen Straftaten von Thomas K. hatten. Von der Mafia-Theorie hielten beide nichts. Markus N. hatte bereits am Montag gesagt, er halte die Geschichte für «weltfremd». ­Gestern doppelte K.s Ehefrau nach: «Ich würde es gerne glauben», sie tue es aber nicht.

«Ich habe einfach getan, was man mir sagte.»Ehefrau des Hauptbeschuldigten Thomas K.

Die beiden Beschuldigten konnten eine Beteiligung am Geschehen, das schliesslich zum Tode der beiden Männer führte, nicht grundsätzlich abstreiten. In der umfangreichen Anklageschrift wird den beiden nicht vorgeworfen, sie seien bei der Tötung direkt beteiligt oder auch nur anwesend gewesen. Darüber hinaus relativierten die Beschuldigten ihren jeweiligen Tat­beitrag erheblich.

«Ich wäre nicht mitgegangen, wenn ich gewusst hätte, dass Gewalt angewendet wird», sagte der 36-jährige Markus N. Die Ehefrau von ­K., die während ihrer ­Befragung immer wieder in Tränen ausbrach und ihren Noch-Ehemann konsequent «Herr K.» nannte, sagte: «Ich habe einfach getan, was man mir sagte.» Und keine Fragen ­gestellt.

Sie verstehe bis heute nicht, warum der Lastwagenbesitzer habe sterben müssen. Ihr Mann habe Monate vorher im Zu­sammenhang mit einem Lastwagen einen anderen Unternehmer übers Ohr gehauen – und zwar ohne dass Gewalt angewendet worden wäre.

Zum Tod des 25-jährigen Serben im Februar 2016 in Utzigen gab es neue Details. Bei den strittigen 40'000 Franken soll es sich um Geld gehandelt haben, das Thomas K. dem 25-Jährigen gab, damit dieser Drogen beschaffe. Weil das Geld aber verschwand und es keine Drogen gab, wurde der Serbe unter einem Vorwand in die Wohnung der K.s gelockt, dort über Nacht ge­fesselt und nach dem Verbleib des Geldes oder der Drogen gefragt. Der Mann blieb die Antwort schuldig. Und musste sterben.

Plädoyers erst am nächsten Montag

Zum Schluss des zweiten Prozesstages gab das Gericht den Beschuldigten die Gelegenheit, zu den Aussagen der Mitbeschuldigten Stellung zu nehmen.­ ­Markus N., der einst glaubte, in Thomas K. «einen guten Freund gefunden» zu haben, sagte an ihn gerichtet, er solle an dieser Haupt­verhandlung «endlich» die Gelegenheit nutzen, «seine ­wahren Beweggründe zu offen­baren» und dazu zu stehen, dass er «Scheisse gebaut» habe.

Bevor sich das Gericht am kommenden Montag die Plädoyers anhören wird, sorgte es noch für eine Überraschung. Es forderte die Parteien auf, in ihren Plädoyers unter anderem auch die Frage zu behandeln, ob es sich bei den beiden Tötungen nicht um mehrfachen Mord, sondern um mehrfache vorsätzliche Tötung handelt. Und dass die Ehefrau und Markus N. nicht Mittäter, sondern lediglich Gehilfen waren. Würde das Gericht im Urteil davon ausgehen, hätte dies einen massiven Einfluss auf die Höhe der Strafe.

Erstellt: 10.09.2019, 23:19 Uhr

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