Mutter wehrt sich erfolglos gegen eine Kesb-Intervention

Die Kesb will ein Mädchen unterstützen, das in seiner Entwicklung stark beeinträchtigt ist. Die Mutter aber wehrt sich vor Obergericht.

Nur wir zwei: In einem Bericht ist von einer symbiotischen Beziehung von Mutter und Tochter die Rede. Foto: Benjamin Howell (iStock)

Nur wir zwei: In einem Bericht ist von einer symbiotischen Beziehung von Mutter und Tochter die Rede. Foto: Benjamin Howell (iStock)

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Die Eltern hätten ihre Tochter nach bestem Wissen betreut, schreibt die Mutter in ihrer Beschwerde ans Obergericht. Sie will, dass der Entscheid der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) aufgehoben wird. Die Behörde hatte entschieden, dass die Tochter eine Beiständin bekommt und die Familie sozialpädagogisch begleitet wird. Dagegen wehrt sich die Mutter: Die Vorwürfe an ihre Adresse seien «Elemente, die aus der unglücklichen Einteilung in der Schule resultieren» würden und «nicht der Mutter angelastet werden» könnten, argumentiert sie.

Den Entscheid der Kesb, so viel wird deutlich, interpretiert die seit drei Jahren geschiedene Frau als Vorwurf, für die Tochter nicht richtig zu sorgen. «Diese Befürchtung ist unbegründet», schreibt das Obergericht in seinem Urteil. Niemand mache der Mutter den Vorwurf, «im Rahmen ihrer Möglichkeiten nicht das Beste zu machen». Warum aber wehrt sich die Mutter gegen die Hilfe für sich und ihre Tochter, die im nächsten Jahr volljährig wird? Liegt es an dem, was die Mutter den «Kesb-Stempel» nennt?

Das Mädchen leidet allem Anschein nach an einer Sprachentwicklungsstörung und einer Sozialphobie. Sie hat psychische Probleme. Festgestellt wurden auch eine mangelnde Hygiene und ein unsicheres Auftreten. Die Schule hat sie abgebrochen, ebenso eine Psychotherapie, die sie nur zusammen mit der Mutter besuchte. In einem Bericht ist von einer symbiotischen Beziehung von Mutter und Tochter die Rede. Selbst wenn die Tochter bei Gesprächen dabei ist, ergreift nur die Mutter das Wort.

Was angedacht wird, findet keine Gnade

Für die Behörden ist klar, dass das Mädchen, das später vielleicht Model oder Tierpflegerin werden will, in seiner schulischen und persönlichen Entwicklung stark beeinträchtigt ist und Hilfe braucht. Die Beiständin hat den Auftrag, verschiedene Massnahmen zu prüfen, die seine persönliche Situation verbessern sowie seine schulische oder berufliche Integration fördern.

In diversen Gesprächen mit der Kesb bestreitet die Mutter die Notwendigkeit einer Beistandschaft. Dies würde alles nur noch komplizierter machen. Die Familienbegleitung empfindet sie als Einmischung und übertriebene Massnahme. Der zuständige Bezirksrat, der den Kesb-Entscheid überprüft, kommt zum Schluss, dass die Mutter die schwierige Situation, in der sich ihre Tochter befinde, verkenne und verharmlose. Statt Hilfe anzunehmen, rechtfertige sie die schwierige Situation.

Den Vorschlag, einen geschützten Arbeitsplatz zu suchen, lehnt die Mutter mit der Begründung ab, ihre Tochter könne sich nicht vorstellen, mit IV-Bezügern zusammenzuarbeiten. Überhaupt wolle sie nicht, dass ihre Tochter am Schluss in einer Behindertenwerkstatt lande, sondern dass man ihre Berufswünsche respektiere. Die Mutter will, dass die Tochter den Schulabschluss nachholt. Gleichzeitig vertritt sie aber die Ansicht, dass dem Mädchen praktische Erfahrung mehr bringen würde als ein weiterer Schulbesuch.

Gegen hundert Pflegeprodukte

Hinzu komme, so schreibt die Mutter, dass ihre Tochter die Beiständin unsympathisch finde. Sie fühle sich ihrer Freiheit beraubt. Sie wolle auch nicht, dass die Beiständin sie bei Schnuppertagen in Tierpflege-Institutionen besucht, weil sie auf dem Hof nicht mit dem «Kesb-Stempel» arbeiten wolle.

Schliesslich empfinde es die Tochter als beleidigend, wenn immer wieder das Thema Hygiene angesprochen werde. Ihre Tochter dusche jeden Tag, habe an die hundert Pflegeprodukte und verfolge im Internet das Know-how ganz genau.

Zusammengefasst: Sie wolle mit ihrer Tochter «via praktische Erfahrung» weiterschreiten, und zwar alleine, schreibt die Mutter. Es gehe nicht um erzieherische Defizite, die allenfalls durch eine Beistandschaft kompensiert werden könnten, sondern es gehe um «punktuelle Meinungsverschiedenheiten».

Keine «sinnvolle Tagesstruktur»

Das Obergericht aber bestätigt die Beistandschaft und die Familienbegleitung – so wie das zuvor schon der Bezirksrat getan hatte. Ohne externe Hilfe habe sich die Situation in den letzten Jahren nicht in zufriedenstellender Weise verbessert – «weder hinsichtlich Ausbildung oder Berufstätigkeit, noch bezüglich der Hygiene».

Dass sich das Mädchen das Know-how punkto Körperpflege aus dem Internet hole und an die hundert Pflegeprodukte besitze, sei «kein überzeugender Hinweis für eine Verbesserung, sondern deutet im Gegenteil auf eine nach wie vor bestehende Hilfebedürftigkeit hin».

Auch gelinge es der Mutter ohne fremde Hilfe offensichtlich nicht, zusammen mit der Tochter die vorhandene Zeit zu nutzen. Wenn die Mutter zur Gestaltung des Alltags sage, sie nehme ihre Tochter zum Einkaufen mit und manchmal unternähmen sie gemeinsame Spaziergänge, könne das allein nicht als sinnvolle Tagesstruktur angesehen werden.

Die von der Kesb angeordnete Beistandschaft und sozialpädagogische Familienbegleitung sei deshalb «sinnvoll und zum jetzigen Zeitpunkt unverzichtbar». Die Beiständin habe nicht nur den nötigen Spielraum, um Massnahmen zu überprüfen, sondern auch, um diese Massnahmen geänderten Verhältnissen anzupassen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.10.2016, 20:18 Uhr

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