Nach Bern gekämpft oder weggetwittert

Bei manchen Zürcher Politikern fliesst der Champagner, bei anderen herrscht Katzenjammer. Und eine Niederlage überrascht alle.

Sie haben gut lachen: Die Grünen sind die eindeutigen Wahlsieger 2019. Und Marionna Schlatter hat erst noch gute Karten, im zweiten Wahlgang in den Ständerat gewählt zu werden. Foto: Fabienne Andreoli

Sie haben gut lachen: Die Grünen sind die eindeutigen Wahlsieger 2019. Und Marionna Schlatter hat erst noch gute Karten, im zweiten Wahlgang in den Ständerat gewählt zu werden. Foto: Fabienne Andreoli

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So krass und endlos wie 1995 war die Spannung im kantonalen Wahlzentrum gestern nicht. Damals ging die heutige Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) als Nationalrätin ins Bett – und wachte als Ersatzfrau auf. Gestern standen die ersten Resultate zu den Nationalratswahlen dank den Hochrechnungen von Chefstatistiker Peter Moser bereits um 14.20 Uhr fest. Überraschend: die Verluste der SP und die Vorwärtssprünge von Grünen und GLP. Moser prognostizierte bereits am frühen Nachmittag eine «grüne Welle».

Doch was ist mit der SP los, die sich im Frühling bei den Kantonsratswahlen einigermassen halten konnte, in den Wahlumfragen nur minim verlor, gestern aber massiv einbrach? Die heutige SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr sagte es so: «Als Mitglied der ältesten Umweltpartei freut es mich, dass die Umwelt insgesamt gewonnen hat.» Hat der Abwärtstrend auch mit der Gestaltung der Liste zu tun, auf der es Sozialliberale nicht so einfach hatten? Sind diese scharenweise zu den Grünen oder gar zur GLP übergelaufen? Die frühere Winterthurer SP-Stadträtin Yvonne Beutler sagte diplomatisch: «Das Glanzresultat von Daniel Jositsch als Ständerat ist für mich auch eine Anerkennung seines sozialliberalen Kurses.»

Konsternierte Gesichter: Die SP-Co-Präsidenten Andreas Daurù (links) und Priska Seiler Graf nehmen die Wahlniederlage zur Kenntnis. Bild: Michele Limina

Für SP-Co-Präsidentin Priska Seiler Graf, die als Zweitplatzierte souverän wiedergewählt wurde, sind die Verschiebungen «keine Richtungswahl». Die SP habe ihre rund 4 Wählerprozente an die Grünen verloren, nicht an die GLP. Auch Andreas Daurù, der andere SP-Co-Präsident, wollte nichts von einem Galladé- oder einem Frei-Effekt (Daniel Frei und Chantal Galladé waren von der SP zu den Grünliberalen übergetreten) wissen. «Grün-Linke wählen sozial und linkssolidarisch», sagte Daurù. Das beweise das gute Resultat der grünen Ständeratskandidatin Marionna Schlatter. Die Genossinnen und Genossen hätten bewusst Marionna Schlatter gewählt und nicht die viel bekanntere Grünliberale und bisherige Nationalrätin Tiana Angelina Moser.

Richtungswahl oder nicht – bis zur letzten Stimme war bei der SP unklar, ob die gemässigten Genossen Martin Naef – immerhin früherer Parteipräsident und einstiger Hoffnungsträger – und/oder Flughafenpolitiker Thomas Hardegger zugunsten der linkeren Stadtzürcher Kantonsrätin Céline Widmer über die Klinge springen müssen. Im letzten Moment überholte Städter Martin Naef noch den Rümlanger Thomas Hardegger – doch dieser wiederum wurde von Céline Widmer um 250 Stimmen überholt. Mit «Stadt und Frau» kann man die Grosswetterlage bei der SP auch umschreiben.

Eine Berg-und-Tal-Fahrt erlebte die CVP bis zur Auszählung der letzten Stimme. Trotz eines Stimmengewinnes von 0,22 Prozent verlor die CVP den bisherigen zweiten Sitz von Kathy Riklin an die Grünliberalen in der Listenverbindung. Pech war das vor allem für Kantonalpräsidentin Nicole Barandun, die im letzten Moment Josef Wiederkehr um 500 Stimmen überholte, aber als Zweite hinter dem souveränen Philipp Kutter blieb. Kathy Riklin übrigens hatte als Spitzenkandidatin der Christlich-Sozialen Vereinigung nicht die geringste Chance auf einen Sitz.

Bei der SVP war das Zittern für Claudio Zanetti schon am Nachmittag vorbei; er lag deutlich zurück. Er trug seine Abwahl mit Fassung. «Ob mit oder ohne Zanetti geht es der Schweiz nicht schlechter», sagte er. Viel mehr erschüttert sei er über die Abwahl des freisinnigen Gewerbeverband-Direktors Hans-Ulrich Bigler. «Das ist ein bedenkliches Signal gegen die Schweizer Wirtschaft.» Als Hauptgrund für seine Abwahl nannte Zanetti seine eigenständige Meinung, zum Beispiel gegen das Verhüllungsverbot. «Wenn ich die Wahl habe zwischen einer eigenen Meinung und dem Nationalratsmandat, ist die Auslese klar.»

Nach vier Jahren ist Schluss: SVP-Nationalrat Claudio Zanetti (links) wurde abgewählt. Bild: Boris Müller

Im Wahlzentrum machte bald das Bonmot die Rede, Zanetti habe sich selber aus dem Nationalrat getwittert. Eine interessante These stellte SVP-Kantonsrat Hans-Peter Amrein auf: «Allein mit Facebook und Twitter lassen sich keine Wahlkämpfe gewinnen. Gerade bei der SVP-Wählerschaft braucht es Kandidatinnen und Kandidaten, welche die Ärmel hochkrempeln, auf die Strasse und unter die Leute gehen.» Das, so Amrein, erkläre das schlechte Abschneiden von Dauertwitterer Zanetti. Und die guten Resultate von Bauer und «Musterschwiegersohn» Martin Hübscher, von dessen Bauernkollegen Martin Haab, aber auch vom erst 28-jährigen Benjamin Fischer oder von Nina Fehr Düsel, die im Wahlkampf von Vater Hans Fehr unterstützt wurde.

Valentin Landmann machte auf der 55plus-Liste der SVP 11'500 Stimmen – nur rund ein Zehntel dessen, was seine Kollegen auf der normalen Liste schafften – und bleibt Kantonsrat. Christoph Mörgeli, vor vier Jahren abgewählt, gelang das Comeback nicht. Er wurde vom 15. Listenplatz auf Rang 20 zurückgereicht.

Bei der FDP überholte der 25-jährige Stadtzürcher Andri Silberschmidt den lange Zeit vor ihm rangierten Martin Farner aus Stammheim erst im allerletzten Moment – dank der am Schluss ausgezählten Stimmen aus der Stadt Zürich. «Ich bin überwältigt, voll durch den Wind – diese Wahl hätte ich nie erwartet», sagte der Noch-Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz. Er hatte vom achten Listenplatz aus nicht nur Farner überholt, sondern auch Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler. Dieser sagte: «Ich bin konsequent für meine Überzeugungen eingestanden und habe mich für dieses Nationalratsmandat nicht verrenkt.»

Haben Grund zum Feiern: Die GLP-Co-Präsidenten Corina Gredig (rechts) und Nicola Forster (Mitte) sowie der neu gewählte Nationalrat Jörg Mäder (links). Bild: Boris Müller

Die Grünen waren schlicht sensationell – und von sich selbst überwältigt. Neu gewählt sind Marionna Schlatter, Wiederkehrerin Katharina Prelicz-Huber und die 27-jährige Neu-Kantonsrätin Meret Schneider. Nach dem Rücktritt von Thomas Weibel feierten die Grünliberalen gleich vier neue Mitglieder: Corina Gredig, Jörg Mäder, Barbara Schaffner und Judith Bellaïche.

Doppelt schwer traf die Abwahl die bisherige BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti. Sie muss nach acht Jahren in Bern aufhören. Und mit ihrer Partei geht es zehn Jahre nach der Gründung steil bergab. Auch im Kantonsrat ist sie seit dem Frühling nicht mehr vertreten. «Die BDP wird weiter existieren, an eine Fusion denken wir im Moment nicht», sagte Quadranti. «Ich höre mit Stolz auf, die BDP hat sich in Bern einen guten Namen als Brückenbauerin gemacht.»

Der abgewählte BDP-Kantonsrat Marcel Lenggenhager hatte gestern immerhin einen interessanten Job. Er führte mit SVP-Kantonsrat Pierre Dalcher eine Zwölfergruppe US-amerikanischer und kanadischer Staatsparlamentarier – von Mississippi bis Hawaii – durch alle Stufen der Wahl: vom Urnenschlitz im HB über das Auszählungszentrum im Kreis 4+5 bis in die TV-Studios im Wahlzentrum. «Am meisten hat sie überrascht, wie wir noch von Hand auszählen», sagte Dalcher. Dafür stimmt die Auszählerei bei uns meistens – im Gegensatz zu den USA mit ihren Lochkartensystemen.

Erstellt: 21.10.2019, 06:37 Uhr

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