250'000-Franken-Lamborghini für Zürcher Neulenker

Wie junge Männer an teure Sportwagen kommen, auch wenn sie sich diese gar nicht leisten können.

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Man könnte auf die Idee kommen, in Zürich falle Geld in Säcken vom Himmel. Oder dass die oberen Zehntausend von kollektiver Vertrauensseligkeit ergriffen sind, und ihren Sprösslingen plötzlich die Ferrari-Schlüssel hinterherwerfen. Vor den Clubs der Schickeria wummern sonore Motoren, auf der Quaibrücke funkeln polierter Lack und getönte Scheiben. Jedes Wochenende wiederholt sich diese Show in der Zürcher Innenstadt, und man wundert sich: Wer sind diese blutjungen Typen, die da hinter dem Steuer sitzen?

Um es vorwegzunehmen: Es sind nicht die Schönen und Reichen dieser Welt – oder beileibe nicht nur. Sondern jene, die gerne so tun, als ob. Dieser Tage ist kaum einer zu jung, zu arm oder zu unerfahren, um nicht mal «Fast and Furious» zu spielen. In Echt.

Wer das Gaspedal eines Lamborghini Huracán Spyder durchdrückt, müsste eigentlich ahnen, was er damit auslöst. Allein schon dieser Name. Mit einer knappen Bewegung des Fussgelenks entfesselt man die Leistung von sechs mittelgrossen Traktoren, gebündelt zu einem Kraftpaket von über 600 PS, das nur ein Ziel hat: die eineinhalb Tonnen Carbon, Blech und Aluminium und ein paar Kilo Fleisch so schnell wie möglich nach vorne zu beschleunigen.


Lamborghini Huracan Spyder

PS: 610
Maximalgeschwindigkeit:324 km/h
Von 0 auf 100 km/h: in 3,4 Sekunden
Neupreis: rund 250'000 Franken
Ungefährer Online-Mietpreis: 400 Franken für 3 Stunden, 760 Franken für 12 Stunden
Herkunft: Italien


Dass nicht alle über die nötige Vorstellungskraft verfügen, zeigt das Beispiel jenes 19-Jährigen, der vor einigen Tagen einen solchen Supersportwagen auf der A 13 vor Sargans verschrottet hat. Oder jene drei Männer, deren Lamborghini die Zürcher Kantonspolizei im Juni konfisziert hat, nachdem sie am Sonntagnachmittag durch die Quartiere von Rüti und Dürnten rasten. Was die beiden Fälle verbindet: Hier wie dort waren die Wagen gemietet. Das ist bei diversen Anbietern in der Region möglich. Denn wo ein Traum ist, ist eine Nachfrage – und wo eine Nachfrage ist, ist ein Markt.

Preise auf Lehrlingsniveau

Wer mit einem Lehrlingslohn auskommen muss, wird sich nie ein solches Geschoss kaufen können. Auch Leasen ist zu teuer, zumal Kreditinstitute wie Cembra bei Autos dieser Kategorie nach eigenen Angaben auf einer «speziellen und vertieften Prüfung» bestehen. Und dann wäre da noch die Versicherung: Ein 19-jähriger Zürcher müsste für einen Ferrari zum Beispiel bei der Zurich über 9000 Franken pro Jahr hinblättern. Wenn er das Pech hat, einen kosovarischen oder serbischen Pass zu besitzen, sind es sogar 25'000 Franken.

Deshalb boomt in Zürich der Markt der Vermieter. «Die Konkurrenz ist in den letzten zwei, drei Jahren gewaltig geworden», sagt Samuel Britt, der mit Sportcardrive einen Ableger in Schwerzenbach hat. Drei andere Anbieter bestätigen das. Es könnte die Erklärung sein, weshalb Versicherungen wie die Axa Winterthur zuletzt «deutlich mehr» Policen für Ferrari und Lamborghini ausgestellt haben. Vom Strassenverkehrsamt gibt es keine Zahlen.

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Die Preise sind durch die verschärfte Konkurrenz auf ein Niveau gefallen, das auch für einen 18-jährigen Lehrling in Reichweite ist: 12 Stunden ohne Kilometerbeschränkung für unter 1000 Franken. Auf eine Kaution werde manchmal ganz verzichtet, heisst es. Früher musste man bis zu 7000 Franken hinterlegen, was die Kundschaft einschränkte.

Die Versicherungen machen den Vermietern in den meisten Fällen keine Vorschrift, was das Mindestalter betrifft. Diese setzen zum Teil von sich aus eine Limite: Pasquale Recupido von Luxury Scuderia in Illnau gibt einen Ferrari oder Lamborghini erst ab 21Jahren heraus, andere sind noch strenger. «Es rufen immer wieder Jüngere an», sagt Recupido. «Einer wollte einen Wagen für den ersten Tag nach der Fahrprüfung reservieren – so was mache ich nicht.»


Ferrari 458 Speciale

PS: 605
Maximalgeschwindigkeit: 325 km/h
Von 0 auf 100 km/h: in 3 Sekunden
Neupreis: ab 280'000 Franken
Ungefährer Online-Mietpreis: 430 Franken für 3 Stunden, 790 Franken für 12 Stunden
Herkunft: Italien


Anderen Anbietern sind solche Bedenken fremd: Sie sprechen gezielt Neulenker an. Einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat damit sein Geschäft aufgezogen. Er habe seine Supersportwagen auf Stundenbasis an junge Männer vermietet, die damit am Wochenende vor den Clubs protzen wollen. Er findet: «Die sollen sich ihren Traum erfüllen können.» Er habe keine negativen Erfahrungen gemacht. Man müsse die Leute bloss richtig instruieren – und auch mal Nein sagen, wenn man ein schlechtes Gefühl habe.

Wo man auch fragt: Alle erzählen von dubiosen Anbietern, die auf den Markt drängen. Die ihre Autos zum Beispiel über Facebook oder auf Google zu Konditionen anböten, die nicht mehr nachvollziehbar seien. Stark aufgekommen sei das Mietgeschäft mit geleasten Autos – mit Folgen. Wer einen eigenen Ferrari vermiete, könne diesen auch mal eine Woche in der Garage lassen. Wer aber mit einem geleasten Wagen operiere, müsse diesen permanent auf die Strasse bringen, um genug zu verdienen. «Die geben jedem ein Auto, egal, zu welchem Preis», ist Britt überzeugt.


Ferrari F430

PS: 510
Maximalgeschwindigkeit: 315 km/h
Von 0 auf 100 km/h: in 3,9 Sekunden
Neupreis: ab 240'000 Franken
Ungefährer Online-Mietpreis: 350 Franken für 3 Stunden, 760 Franken für 12 Stunden
Herkunft: Italien


Wer etwas vom Geschäft versteht, wundert sich angesichts monatlicher Fixkosten um die 5000 Franken, wie die Rechnung überhaupt aufgehen kann. Eine verbreitete Erklärung: mit Schummeln bei der Versicherung. Denn manche Versicherer wie die Helvetia versichern bei Luxusportsportwagen «grundsätzlich» keine Risiken, wenn der Wagen weitervermietet wird. Andere verlangen zwei- bis dreimal höhere Prämien als bei Eigengebrauch. Also verschweigen die Vermieter ihr Geschäft. Auch gegenüber der Leasingfirma, die sonst einen entsprechenden Versicherungsnachweis verlangen würde.

Das fliegt spätestens dann auf, wenn ein 19-Jähriger mit dem Lamborghini in die Leitplanken donnert oder die Polizei den Wagen einzieht. Die Axa Winterthur hat in einem solchen Fall den Vertrag sofort aufgelöst, der ganze Schaden blieb am illegalen Vermieter hängen.

Braucht es ein Gesetz?

Manche seriösen Anbieter hoffen, dass sich die Branche auf diese Weise in den kommenden Jahren von selbst bereinigt und die Preisdrücker wieder verschwinden. Dadurch würden auch die Gesichter hinter den Lenkrädern wieder etwas reifer. Andere wie Pasquale Recupido plädieren für gesetzliche Alterslimiten für stark motorisierte Autos, ähnlich wie es sie in Italien gebe. Sonst sei es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich ein schlimmer Unfall ereigne. «Sollte man beschliessen, dass man solche Sportwagen erst nach 3 Jahren Probezeit fahren darf: Ich würde unterschreiben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2017, 22:26 Uhr

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