Nach «Lies!»-Koranen werden Islam-Broschüren verteilt

In Winterthur verteilen Männer neue Broschüren zum Islam. Ihr Auftritt erinnert an die umstrittene Koran-Verteilaktion «Lies!».

Schon im Mai 2017 gab es ein Re-Design der «Lies!»-Stände, hier in der Winterthurer Marktgasse.

Schon im Mai 2017 gab es ein Re-Design der «Lies!»-Stände, hier in der Winterthurer Marktgasse. Bild: PD

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Ein Mann steht in der Winterthurer Altstadt, gibt ein «Gratis-Büchlein» zum Islam ab und trägt ein grosses Werbebanner auf dem Rücken. Die Botschaft: «Islam, einfach und kurz erklärt – moderne Wissenschaft, Glaubenskonzept, die Frau im Islam, Jesus im Islam».

So berichtet das «Regionaljournal» von SRF über eine neue Verteilaktion. Diese erinnert von ihrer Art her stark an die umstrittene Koran-Verteilaktion «Lies!», die bis vor einigen Monaten in verschiedenen Städten Europas und der Schweiz aufgetreten ist, darunter Bern, Zürich und Winterthur.

Religionsexperte Georg Otto Schmid von Relinfo erkennt in der neuen Aktion verblüffende Ähnlichkeiten mit «Lies!». Das Vorgehen – die Konstruktion, die sie tragen, und das mobile Verteilen – erinnere tatsächlich an die fundamentalistische Lies!-Organisation, sagt er gegenüber dem «Regionaljournal». Und es sei eine typische Werbebotschaft des Salafismus, der Islam lasse sich «einfach und kurz» erklären.

Verein in Deutschland verboten

Die «Lies!»-Verteilaktion hat vor gut zwei Jahren für Aufregung gesorgt, nachdem mehrere ihrer Anhänger nach Syrien reisten, um im Krieg zu kämpfen. Deutschland hat den Verein hinter der Aktion im November 2016 verboten. Die Begründung: Das Netzwerk setze sich für ein extremistisches Verständnis der Scharia ein. Das stehe im Widerspruch zum Grundgesetz. Der Verein akzeptierte das Verbot.

Ein Verbot der Verteilaktion wurde im letzten Jahr auch in der Schweiz heftig diskutiert. Der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr empfahl den Zürcher Gemeinden, die Standaktionen zu verbieten und die unbewilligten Aktionen zu untersagen. Er stütze sich dabei auf ein Rechtsgutachten. Dieses befasste sich mit der Koranverteilung auf öffentlichem Grund. Mario Fehr sagt, falls dieselben Leute dahinter stünden wie bei «Lies!», würden nach wie vor die selben Empfehlungen gelten. Diese Leute können – und sollten – dann von der Polizei weggewiesen werden.

Wolff foutierte sich um Empfehlung

Während die Stadt Winterthur die Empfehlung von Mario Fehr begrüsste, ignorierte sie der damalige Zürcher Polizeivorsteher Richard Wolff (AL). Er liess die «Lies!»-Aktionen weiterhin bewilligen. Er sagte, es gebe gegenüber «Lies!» keine Beweise oder Gerichtsurteile, nur Vermutungen. Aussagen, die ihm umgehend die scharfe Kritik verschiedener Seiten einbrachte.

Die neu aufgetauchten Verteiler sind den Winterthurer Behörden zurzeit noch unbekannt. Die Stadtpolizei richtete dem «Regionaljournal» aus, man wisse nicht, wer hinter dieser Aktion stehe. «Solange diese Leute keinen Stand aufstellen, benötigen sie keine Bewilligung», sagt der Polizeisprecher. Auch die Winterthurer Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention zeigt sich ahnungslos. Eine Sprecherin sagt, ihre Aufgabe sei die Prävention und nicht das Beobachten von Menschen im öffentlichen Raum. Dafür sei die Polizei zuständig.

Erstellt: 17.07.2018, 10:47 Uhr

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