Harald Naegeli provoziert im Zürcher Grossmünster

Der Graffitipionier hat mit seinen Strichfiguren eine rote Linie überschritten. Baudirektor Markus Kägi ist verärgert.

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Nach jahrelangen Bemühungen ging in diesem Jahr ein lang gehegter Wunsch des Zürcher Künstlers und Street-Art-Pioniers Harald Naegeli in Erfüllung: Der 78-Jährige darf seit wenigen Wochen in den Türmen des Zürcher Grossmünsters Skelette an die Mauern sprayen – und das mit behördlichem Segen.

Allerdings stellte der Kanton als Liegenschaftsbesitzer klare Spielregeln für das Totentanz-Projekt des Künstlers auf: Naegeli darf nur an bestimmten, im Voraus vereinbarten Stellen sprayen. Und: Nach vier Jahren muss das Werk wieder vollständig entfernt werden, weshalb unter den Naegeli-Figuren ein Graffitischutz angebracht wurde.

Doch der Künstler hat nun offenbar den ihm zugewiesenen Spraybereich überschritten. Dies geht aus Mails hervor, die dem TA vorliegen. «Wie erwartet, hat das Übertreten des vorgesehenen Sprayperimeters aufseiten des Kantons Ärger ausgelöst», teilte die Kirchenpflege Grossmünster Naegeli am letzten Freitag mit. Baudirektor Markus Kägi (SVP) sehe durch das Übertreten sein persönliches Vertrauen missbraucht und wünsche eine Aussprache am Montag.

«Missgunst subalterner Beamter»

Doch Naegeli sagte den Termin ab. «Ich bin gestern wieder nach Düsseldorf gereist. Leider kann ich die anstrengende Reise nach Zürich am Sonntag nicht schon wieder antreten, um am Montag 12 Uhr vor dem Grossmünster den geplanten Termin wahrnehmen zu können», teilte der Spraykünstler Kägi, der Kirchenpflege und Freunden mit.

Er sei aber überzeugt, dass sich Regierungsrat Kägi auch ohne seine persönliche Fürsprache «von der grossartigen Konzeption, wie sie schon vorliegt, überzeugen lässt» und seine Zustimmung für die Fortführung des Totentanzes geben werde. Er sei stolz auf diesen modernen Totentanz, schreibt der Künstler weiter. «Wir brauchen aber eure Solidarität und Souveränität, die mehr ist als die Nörgelei und Missgunst subalterner Beamter, die meinen, einen Schaden zu melden, wo gar keiner ist.»

Kägis Vertrauen missbraucht

«Wir sind verärgert und enttäuscht», bestätigt Markus Pfanner, Sprecher von Markus Kägis Baudirektion. Künstler Naegeli habe an Orten im Grossmünster-Turm gesprayt, wo er dies gemäss klarer Abmachung nicht hätte tun dürfen – etwa auf dem Boden. Damit habe er das ihm entgegengebrachte Vertrauen missbraucht. «Es gibt eine klare Vereinbarung. Der Sprayperimeter wurde gemeinsam definiert. Es geht auch darum, die historische Bausubstanz zu schützen», sagt Pfanner.

Doch musste man nicht mit einer solchen Aktion des Kunstrebellen Nägeli rechnen, bei dem Provokation und Grenzüberschreitung zum Konzept gehören? Pfanner: «Mit dem Hinweis auf den ‹Rebellen› lässt sich nicht alles entschuldigen. Es gab eine klare Abmachung.»

Laut Pfanner will der Baudirektor Naegeli so rasch wie möglich zu einer Aussprache treffen und ihm dabei klarmachen, dass er sich an die Abmachungen halten muss. Was mit den Sprayereien geschieht, wird nach dem Gespräch entschieden. Der Künstler selbst verteidigt auf Anfrage sein Vorgehen. Es handle sich lediglich um ganz geringfügige Überschreitungen des Perimeters: «Es ist kein Schaden entstanden, nur die Vorschrift wurde verletzt.» Kunst sei nicht dazu da, «Rechenschaft abzugeben vor Beamten», sagt Naegeli.

Michael Eidenbenz, Präsident der Kirchenpflege Grossmünster, wiederum wollte den Fall nicht kommentieren: «Das ist eine Sache zwischen dem Künstler und dem Kanton, wir versuchen, zu vermitteln und ein Treffen zu organisieren.»

Erstellt: 10.12.2018, 13:37 Uhr

Harald Naegeli

Zwischen Anzeigen und Anerkennung

1977
Erste Werke. In der damals so properen wie langweiligen Stadt Zürich tauchen an Hauswänden plötzlich über Nacht hingesprayte Figuren auf. Oft sind es Männchen, die nur aus einem Auge und Beinen bestehen; ihr Urheber baut oft mit viel Witz Ecken und Vorsprünge in seine Werke mit ein. Gegenliebe bekommt er wenig, innert kurzer Zeit gehen Hunderte Anzeigen wegen Sachbeschädigung ein.

1979
Verhaftung. Zwei Jahre lang sprayt Naegeli unerkannt. Dann wird er auf frischer Tat ertappt. Während das Verfahren läuft, flieht er nach Deutschland.

1979–1984
Anerkennung und Strafe. In Deutschland sind, anders als in der Schweiz, viele Menschen begeistert von Naegelis Werken. Der Sprayer erhält offizielle Aufträge, etwa von der deutschen SPD; ein Kunstband über ihn erscheint. In Joseph Beuys findet Naegeli einen prominenten Fürsprecher. Derweil läuft in der Schweiz das Verfahren weiter. Naegeli wird zu neun Monaten Haft verurteilt, die Schweiz erlässt einen internationalen Haftbefehl. 1984 stellt sich Naegeli. Als er die Strafe verbüsst hat, kehrt er nach Deutschland zurück.

17. Oktober 2005
Undine. Anerkennung erhält Naegeli in Zürich erst Jahre später: «Undine», 1978 an die Wand des Deutschen Seminars der Uni Zürich gesprayt, wird restauriert. Seit Oktober 2005 ist sie wieder sichtbar.

2012
Rückkehr. Ab 2012 tauchen wieder Naegeli-Werke in Zürich auf. Das Aufsehen ist gross; Naegeli ist zwar inzwischen (und nicht nur unter Sprayern) hoch angesehen. Die Stadt Zürich kennt aber kein Pardon für die Strichmännchen. Sie lässt sie entfernen und zeigt Naegeli an.


2017
Harald Naegeli muss sich wegen Sachbeschädigung vor dem Zürcher Bezirksgericht verantworten. Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) hatte ihm vorgeworfen, 25 Wandbilder gesprayt und damit Reinigungskosten von 9000 Franken verursacht zu haben. Im Jahr darauf schenkt Naegeli der Stadt Zürich eines seiner Bilder, der Stadtrat streicht im Gegenzug seine Schadenersatzforderung für die Reinigungskosten und erklärt das Verfahren wegen Sachbeschädigung als obsolet. (tif/leu)

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