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Harald Naegeli provoziert im Zürcher Grossmünster

Der Graffitipionier hat mit seinen Strichfiguren eine rote Linie überschritten. Baudirektor Markus Kägi ist verärgert.

Unverkennbar: Eine der Totentanz-Figuren des Graffitipioniers Harald Naegeli im Zürcher Grossmünster.
Unverkennbar: Eine der Totentanz-Figuren des Graffitipioniers Harald Naegeli im Zürcher Grossmünster.
ZVG
Über zehn Jahre hat Naegeli dafür gekämpft, an diesem Ort Wandbilder zu gestalten.
Über zehn Jahre hat Naegeli dafür gekämpft, an diesem Ort Wandbilder zu gestalten.
ZVG
Beschwingt unterwegs: Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich.
Beschwingt unterwegs: Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich.
Reto Oeschger
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Nach jahrelangen Bemühungen ging in diesem Jahr ein lang gehegter Wunsch des Zürcher Künstlers und Street-Art-Pioniers Harald Naegeli in Erfüllung: Der 78-Jährige darf seit wenigen Wochen in den Türmen des Zürcher Grossmünsters Skelette an die Mauern sprayen – und das mit behördlichem Segen.

Allerdings stellte der Kanton als Liegenschaftsbesitzer klare Spielregeln für das Totentanz-Projekt des Künstlers auf: Naegeli darf nur an bestimmten, im Voraus vereinbarten Stellen sprayen. Und: Nach vier Jahren muss das Werk wieder vollständig entfernt werden, weshalb unter den Naegeli-Figuren ein Graffitischutz angebracht wurde.

Eines der wenigen Bilder von Harald Naegeli: Der Sprayer von Zürich zeigte seine Werke in der Galerie Kunst im West zugunsten von Pro Natura (2011).
Eines der wenigen Bilder von Harald Naegeli: Der Sprayer von Zürich zeigte seine Werke in der Galerie Kunst im West zugunsten von Pro Natura (2011).
Doris Fanconi © 2017 Pro Litteris, Zürich
Im Grossmünster-Turm: Bereits vor zehn Jahren stand die Idee eines Totentanzes in den Grossmünster-Türmen im Raum.
Im Grossmünster-Turm: Bereits vor zehn Jahren stand die Idee eines Totentanzes in den Grossmünster-Türmen im Raum.
Thomas Burla © 2017 Pro Litteris, Zürich
Alte Geschichte: Die ersten Totentänze entstanden bereits im 14. Jahrhundert. Hier einer aus Schedels Weltchronik (1493).
Alte Geschichte: Die ersten Totentänze entstanden bereits im 14. Jahrhundert. Hier einer aus Schedels Weltchronik (1493).
Holzschnitt von M. Wolgemut
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Doch der Künstler hat nun offenbar den ihm zugewiesenen Spraybereich überschritten. Dies geht aus Mails hervor, die dem TA vorliegen. «Wie erwartet, hat das Übertreten des vorgesehenen Sprayperimeters aufseiten des Kantons Ärger ausgelöst», teilte die Kirchenpflege Grossmünster Naegeli am letzten Freitag mit. Baudirektor Markus Kägi (SVP) sehe durch das Übertreten sein persönliches Vertrauen missbraucht und wünsche eine Aussprache am Montag.

«Missgunst subalterner Beamter»

Doch Naegeli sagte den Termin ab. «Ich bin gestern wieder nach Düsseldorf gereist. Leider kann ich die anstrengende Reise nach Zürich am Sonntag nicht schon wieder antreten, um am Montag 12 Uhr vor dem Grossmünster den geplanten Termin wahrnehmen zu können», teilte der Spraykünstler Kägi, der Kirchenpflege und Freunden mit.

Er sei aber überzeugt, dass sich Regierungsrat Kägi auch ohne seine persönliche Fürsprache «von der grossartigen Konzeption, wie sie schon vorliegt, überzeugen lässt» und seine Zustimmung für die Fortführung des Totentanzes geben werde. Er sei stolz auf diesen modernen Totentanz, schreibt der Künstler weiter. «Wir brauchen aber eure Solidarität und Souveränität, die mehr ist als die Nörgelei und Missgunst subalterner Beamter, die meinen, einen Schaden zu melden, wo gar keiner ist.»

Kägis Vertrauen missbraucht

«Wir sind verärgert und enttäuscht», bestätigt Markus Pfanner, Sprecher von Markus Kägis Baudirektion. Künstler Naegeli habe an Orten im Grossmünster-Turm gesprayt, wo er dies gemäss klarer Abmachung nicht hätte tun dürfen – etwa auf dem Boden. Damit habe er das ihm entgegengebrachte Vertrauen missbraucht. «Es gibt eine klare Vereinbarung. Der Sprayperimeter wurde gemeinsam definiert. Es geht auch darum, die historische Bausubstanz zu schützen», sagt Pfanner.

Doch musste man nicht mit einer solchen Aktion des Kunstrebellen Nägeli rechnen, bei dem Provokation und Grenzüberschreitung zum Konzept gehören? Pfanner: «Mit dem Hinweis auf den ‹Rebellen› lässt sich nicht alles entschuldigen. Es gab eine klare Abmachung.»

Laut Pfanner will der Baudirektor Naegeli so rasch wie möglich zu einer Aussprache treffen und ihm dabei klarmachen, dass er sich an die Abmachungen halten muss. Was mit den Sprayereien geschieht, wird nach dem Gespräch entschieden. Der Künstler selbst verteidigt auf Anfrage sein Vorgehen. Es handle sich lediglich um ganz geringfügige Überschreitungen des Perimeters: «Es ist kein Schaden entstanden, nur die Vorschrift wurde verletzt.» Kunst sei nicht dazu da, «Rechenschaft abzugeben vor Beamten», sagt Naegeli.

Michael Eidenbenz, Präsident der Kirchenpflege Grossmünster, wiederum wollte den Fall nicht kommentieren: «Das ist eine Sache zwischen dem Künstler und dem Kanton, wir versuchen, zu vermitteln und ein Treffen zu organisieren.»

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