14 Stunden pro Tag – für 1700 Franken im Monat

In Zürich nimmt die Nachfrage nach Nannys stark zu. Doch der Markt ist kaum reguliert. Betroffene erzählen von den prekären Bedingungen.

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Annalena Damico * ist eine Frau, der man bedenkenlos sein Baby in die Arme legen würde. Eine Frau, die Ruhe ausstrahlt, 53 Jahre alt, mit gütigen Augen. Das haben auch ihre Arbeitgeber gesehen – und ausgenutzt. «Ich brauchte die Arbeit. Ich arbeite gerne, bin eigentlich ein ausgeglichener Mensch», sagt sie in einem Café in Zürich. «Aber das, das war unaushaltbar.»

Zweieinhalb Jahre arbeitete Damico bei einer Expat-Familie in der Region Zürich, bis sie vor einem Jahr ihre Kündigung einreichte. Ihre nicht bezogenen Ferien wurden nie ausbezahlt. Das Expat-Paar nahm Damico aus seinem europäischen Heimatland mit nach Zürich, um sie in seinem Haushalt als Nanny arbeiten zu lassen.

Die beiden hatten bei Schweizer Grossbanken einen Job erhalten. Diese organisierten ­ihnen den Umzug, Anwälte zur Beratung – auch wie man eine Nanny am besten anmeldet. Damico ihrerseits ging in den ersten Wochen kaum aus dem Haus, weil sie nicht einmal wusste, wie sie ein Busticket lösen sollte.

«Ich bin eigentlich ausgeglichen - aber das war unaushaltbar», sagt Annalena Damico. Foto: Samuel Schalch

Grosse Schritte waren ohnehin nicht möglich: Ein Lohn von 1700 Franken monatlich wurde vereinbart, 4 Arbeitsstunden pro Tag. Pflichtenheft: die drei Kinder wecken, Frühstück machen, Bett machen, zur Schule schicken. Dann erhöhte das Paar die Anforderungen schrittweise. Irgendwann wies es die Kinder an, für das Mittag- und das Abendessen nach Hause zu kommen. Damico konnte ja kochen. Damico konnte auch das Haus putzen, um 5.45 Uhr aufstehen, abends länger aufpassen und irgendwann auch noch die teuren Anzüge und Kleider von Hand waschen.

Damico arbeitete bis zu 14 Stunden pro Tag, war rund um die Uhr in Bereitschaft, erlaubte sich keinen einzigen Freitag, selbst wenn sie krank war. Wenn die Familie in die Ferien fuhr, hinterliessen die Eltern eine lange Liste mit Aufgaben, kontrollierten per Anruf, ob Damico zu Hause war. Als sie auf eigene Faust einen Deutschkurs für sich organisierte, mussten die Eltern ausgerechnet an diesem Abend länger arbeiten. «Ich glaube, sie wollten gar nicht, dass ich Deutsch lerne. Ich fühlte mich wie auf einer einsamen Insel», sagt Damico heute. Aber die Kinder, die liebte sie ja.

«Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele Paare in der Stadt ein Spannungsfeld, das zunimmt.»Anja Derungs, Fachstelle für Gleichstellung

Damico war eine sogenannte Live-in-Nanny. Solche sind gemäss einer Studie im Auftrag der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich am wahrscheinlichsten ausbeuterischen Verhältnissen und körperlichen Übergriffen ausgesetzt. Es ist die erste Studie in der Schweiz, die sich mit dem Phänomen beschäftigt. Zahlen gibt es kaum, obwohl der Nanny-Markt zu boomen scheint. In Zürich schiessen Vermittlungsagenturen wie Pilze aus dem Boden, in Facebook-Gruppen finden sich Nannys und Eltern.

«Das Problem ist, dass der Privathaushalt nicht dem Arbeitsgesetz unterstellt und der Markt damit kaum reguliert ist und schwer kontrolliert werden kann», sagt Anja Derungs von der Fachstelle für Gleichstellung. Der Normalarbeitsvertrag Hauswirtschaft sieht einen Mindestlohn von 18.90 Franken pro ­Stunde und eine 43-Stunden-Woche vor. Dieser gilt grundsätzlich auch für Nannys, obwohl ihre Tätigkeiten weit darüber ­hinausgehen.

Mehr als die Hälfte fühlte sich schon ausgebeutet

Auf der Website der Stadt Zürich ist nun ein Ratgeber für Nannys und Eltern aufgeschaltet. «Nannys müssen ihre Rechte kennen, Eltern ihre Pflichten», sagt Derungs. Zudem sei eine gesellschaftliche Diskussion nötig: «Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele Paare in der Stadt ein Spannungsfeld, das zunimmt. Da Nannys flexibler als Krippen sind, setzen immer mehr Paare darauf», sagt Derungs. «Die Betreuung auf billige Art privat zu organisieren, wäre für den Service public natürlich vorteilhaft. Das kann aber nicht das Rezept sein.»

Sorge-Arbeit sei unverzichtbar für eine Gesellschaft und nicht das Problem einzelner Familien. Heute gibt es gut verdienende Nannys in Haushalten berühmter Familien bis hin zu Sans-Papiers-Nannys in Expat-Haushalten, die von Menschenhandel betroffen sind.

«Viele glauben, dass wir das aus Liebe zu Kindern und quasi gratis machen sollten.»Szasa Schaefer, Nanny Verein Schweiz

Die zweite gesellschaftliche Dimension ist die Anerkennung des Berufs. Ähnlich wie es in der Kinderbetreuung der Fall war, kämpfen nun die Nannys um Professionalisierung. «Eine weitverbreitete Meinung ist, dass wir das aus Liebe zu Kindern und deswegen quasi gratis machen sollten», sagt Szasa Schaefer vom Nanny Verein Schweiz. Auch dieser leistet Aufklärungsarbeit. Wichtig sei, dass Eltern und Nanny einen Vertrag mit genauem und eingegrenztem Pflichtenheft vereinbaren und deren Berufsbild klar von Babysittern, Au-pairs oder Tagesmüttern abgegrenzt wird: Nannys kümmern sich um die Kinder und Arbeiten, die sie betreffen. Zudem sei es wichtig, dass sie sich vernetzten. «Es kann ein einsamer Job sein», sagt Schaefer.

In der Vernetzung ist die Genfer NGO The Swiss Nanny Association aktiv. Sie zählt 130 Mitglieder und organisiert auch in Zürich Treffen und Weiterbildungen für Nannys. Mitgründerin Kelly Corstjens sagt: «Wir setzen uns für die Anerkennung und die Professionalisierung des Berufs ein und promoten legale Arbeit.»

Eine Onlineumfrage der NGO unter 162 Nannys vom Februar dieses Jahres zeigt, dass nur ein Drittel findet, dass ihr Job in der Öffentlichkeit anerkannt sei. Die meisten befragten Nannys stammen aus der EU, ein Drittel aus Drittstaaten und nur wenige aus der Schweiz. Die Hälfte erhält regelmässig Lohnabrechnungen, jede vierte gibt an, keine Arbeitsbewilligung zu haben, 22 Prozent werden bei Krankheit nicht bezahlt, und mehr als die Hälfte hat sich bereits ausgebeutet gefühlt. «Bei schwierigen Fällen leiten wir die Nannys an die Gewerkschaft oder an die Fachstelle zur Bekämpfung von Menschenhandel weiter», sagt Corstjens.

Viele Quereinsteigerinnen

Die meisten Nannys in der Umfrage haben eine Erstausbildung in einem anderen Feld oder eine Ausbildung zur Kindererzieherin. In der Schweiz bietet einzig das Schweizerische Rote Kreuz Winterthur einen 8-tägigen Lehrgang an. Denen, die diesen gemacht haben, fällt es leichter, ihre Rechte wahrzunehmen. Wie etwa Luy Pham.

Die 23-jährige Schweizerin hat die Ausbildung zur Fachfrau Kinderbetreuung (Fabe) absolviert und etwa zwei Jahre als Nanny gearbeitet. Sie war bei einer Nanny-Agentur angestellt, die ihr einen Fixlohn bezahlte und ihr die Familien vermittelte. «Die Arbeit hat mir Spass gemacht, der Nachteil sind die fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten», sagt sie. Pham hat sich umorientiert.

Auch Damico will nicht mehr als Nanny arbeiten. Zumindest nicht unter diesen Bedingungen. Sie hat Unterstützung bei der Gewerkschaft gefunden. Und wenn sie von ihren eigenen Kindern erzählt, beginnt sie zu lächeln. Der Älteste wird Ingenieur.

* Name und biografische Details sind zum Zweck des Persönlichkeitsschutzes leicht verändert.

Erstellt: 17.10.2019, 22:26 Uhr

Nanny, Au-pair, Babysitter

Es gibt verschiedene Formen der privaten Kinderbetreuung, die sich klar voneinander abgrenzen.

Eine Nanny gestaltet im ­Rahmen der Vereinbarung mit der Familie über Erziehung, Förderung und Ernährung den Tag mit den Kindern selbstständig. Sie bringt fachliche Kompetenzen mit, ist zuständig für das Wohlergehen, fördert die Kinder altersgemäss und erledigt kleinere Hausarbeiten, die im Zusammenhang mit den Kindern anfallen. Sie wohnt meistens in ihrer eigenen ­Wohnung (Live-out-Nanny) und in selteneren Fällen auf Kost und Logis bei der Familie (Live-in-Nanny). Eine Nanny hat einen Lehrgang Nanny SRK, eine Ausbildung zur Fachfrau Betreuung oder zur Kindergärtnerin absolviert.

Als Au-pair bezeichnet man Jugendliche, die gegen Kost und Logis und Taschengeld über eine begrenzte Zeit bei einer Gast­familie tätig sind. Es handelt sich um einen Kulturaustausch, bei dem sie die Sprache und die Kultur des Landes kennen lernen. Sie ­kümmern sich um die Kinder und helfen meistens im Haushalt aus.

Ein Babysitter kümmert sich in Abwesenheit der Eltern stundenweise um Babys oder Kleinkinder. Sie übernehmen keine erzieherischen Massnahmen und benötigen keine pädagogische Ausbildung.

Eine Tagesmutter bietet den Tageskindern eine familienähnliche Betreuung. Die Kinder werden in den Familienalltag integriert und erwerben so auf natürliche Weise soziale Kompetenzen. Eine ­qualifizierte Tagesmutter hat ­ einen Grundkurs «Tagesfamilien» absolviert. Bei Fort­bildungen und pädagogischen Treffen wird das Wissen vertieft. (TA)

Quelle: www.nannyverein.ch

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