Natalie K. liess die Psychiater nichts merken

Ihre letzten Briefe klingen dramatisch: Sie werde die nächste Krise nicht überleben, sie wolle nicht mehr, schrieb sie. Ein ganz anderes Bild erhielten die Psychiater im Gefängnis.

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Das Amt für Justizvollzug bleibt dabei: Es gab keinen Hinweis auf eine akute Suizidgefahr von Natalie K. Das schrieb das Amt gestern in einer ausführlichen Stellungnahme. Was das konkret heisst, erläuterte Jérôme Endrass, der stellvertretende Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD), dem TA: «Das bedeutet beispielsweise, dass sich jemand im Gespräch von Suizidabsichten distanziert.» Auch in der Rheinau nahm K. offenbar von Suizidgedanken Abstand. «Tut das eine Person glaubhaft, müssen wir das akzeptieren», sagt Endrass.

In Sicherheitszelle verlegt

In der Untersuchungshaft führte Natalie K. zahlreiche Gespräche mit Psychiatern, teilweise mehr als einmal pro Woche. Das letzte Gespräch fand am Dienstag, 5. August, statt, das zweitletzte am Montag. Am Freitag strangulierte sich die Frau. Dennoch will Endrass nicht von einer Fehleinschätzung reden: «Gerade bei Impulssuiziden kann sich die Situation sehr schnell zuspitzen.» Bloss habe es dafür keine Hinweise gegeben. Weder hat Natalie K. nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand in den zwei Tagen vor dem Suizid um ein Gespräch mit einem Psychiater oder dem Seelsorger gebeten, noch hat sie sich gegenüber einer Betreuerin im Gefängnis geäussert. «Hätte sie etwas gesagt oder um Hilfe gebeten, hätten wir selbstverständlich reagiert», sagt Thomas Manhart, Leiter des Amtes für Justizvollzug.

Reagiert hat das Gefängnis Ende April, kurz nachdem Natalie K. aus der Rheinau nach Zürich verlegt worden war. Damals fand man in ihrer Zelle laut Manhart einen Plastiksack und einen «strickähnlichen Gegenstand». Darauf wurde sie in eine Sicherheitszelle verlegt. Nach ein, zwei Tagen habe sich die Situation entspannt. Einen eigentlichen Suizidversuch habe es nicht gegeben.

Und wie verhält es sich mit den Briefen, in denen Natalie K. klar von Suizid­absichten spricht? Die Gefängnisleitung kannte diese Briefe nicht. Endrass sagt aber generell, auf dramatische Briefe allein könne man nicht abstellen: «Deren Bedeutung kann man nur beurteilen, wenn man die Person kennt.» Natalie K. scheint jedenfalls einen Hang zur Dramatik gehabt zu haben. So warf sie in ihrem letzten, heute im «Blick» publizierten Brief an ihren Mann ihm und den Eltern vor, sich nicht um sie gekümmert zu haben – und signierte das Schreiben mit einem Herz.

Sie suchte keinen Kontakt

In ihren Briefen beschwerte sich Natalie K., die Gespräche mit dem Psychiater seien jeweils nur ein paar Minuten gegangen. Sie fühle sich nicht ernst genommen. Zudem beklagte sie sich über Einsamkeit; sie dürfe nicht arbeiten, die Mitgefangenen würden sie mobben. Die Eltern warfen dem PPD und der Gefängnisleitung deshalb vor, sich zu wenig um ihre Tochter gekümmert zu haben.

Laut Endrass brauche es nicht immer ein langes Gespräch, um die aktuelle ­Situation zu beurteilen: «Der Psychiater stützt sich nicht nur auf die Konsultation, sondern auf alle verfügbaren Informationen, so etwa auf Beobachtungen von Betreuern oder Mitgefangenen.» Dass sich K. nicht ernst genommen fühlte, habe vielleicht auch damit zu tun gehabt, dass sie nicht erreichte, was sie wollte: für eine Therapie zurück in die Rheinau verlegt zu werden.

Die Einsamkeit scheint Natalie K. selbst gewählt zu haben. Gerade wegen ihrer Vorgeschichte teilte die Gefängnisleitung sie anfangs einer Mehrpersonenzelle zu. Doch Natalie K. bat um eine Einzelzelle. Der Wunsch wurde ihr schliesslich gewährt, weil sie stabiler zu sein schien. Von da an habe sie kaum mehr Kontakte zu Mitgefangenen gesucht, sagt Markus Epple, der Direktor des Unter­suchungsgefängnisses.

Auch an Aktivitäten wollte sie nicht teilnehmen – und die gebe es, anders als im Bericht der Folterkommission beschrieben, durchaus. So dürfen sich die Gefangenen gegenseitig besuchen, eine Stunde pro Tag dürfen sie spazieren gehen. Vor allem aber können jene, die wollen, mehrere Stunden am Tag arbeiten: in der Näherei oder der Wäscherei, in der Verpackerei oder am Kiosk. Natalie K. unternahm zwar ein, zwei Versuche, brach aber alle ab. Sie wollte nur im Kiosk arbeiten.

Die zuständige Betreuerin der Frauenabteilung im Untersuchungsgefängnis habe darauf alle zwei, drei Tage mit Natalie K. das Gespräch gesucht. «Wir hätten sie gebraucht», sagt Markus Epple. «Wir haben eher zu wenig Gefangene für die anfallenden Arbeiten.» Eine Arbeitspflicht gibt es für Untersuchungshäftlinge nicht. Dass Natalie K. nicht am ­Kiosk arbeiten durfte, hat zwei Gründe: Einerseits ist der Kiosk der begehrteste Arbeitsplatz, es gibt dafür eine Warteliste. Anderseits können dort nur zuverlässige Personen eingesetzt werden – und das müssen die Gefangenen zuerst in anderen Arbeitseinsätzen beweisen.

Eltern besuchten Gefängnis

Bevor Manhart und Epple gestern zum Suizid Stellung nahmen, empfingen sie die Eltern von Natalie K. zu einem langen Gespräch. Die Eltern durften auch das Bezirksgefängnis besichtigen. Es sei ein guter Kontakt gewesen, sagt Thomas Manhart: «Wir konnten einige Fragen ausräumen.»

Erstellt: 12.08.2015, 00:04 Uhr

Thomas Manhart

Amt für Justizvollzug

«Hätte Natalie K. etwas gesagt oder um Hilfe gebeten, hätten wir natürlich reagiert.»

Jérôme Endrass

Psychologe PPD

«Distanziert sich eine Person von ihrer Suizidabsicht, müssen wir das akzeptieren.»

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