Neue Gesundheitsdirektorin strafft Spitalliste

Nach knapp drei Monaten im Amt zeichnet Natalie Rickli im ersten grossen Interview die Richtung vor, die sie einschlagen will.

Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli auf der Terrasse ihrer Direktion in Zürich. Foto: Thomas Egli

Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli auf der Terrasse ihrer Direktion in Zürich. Foto: Thomas Egli

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Nach knapp drei Monaten im Amt zeichnet Natalie Rickli im Interview mit dem TA die Richtung vor, die sie in der Spitalplanung einschlagen will: «Wir werden kaum mehr Leistungsaufträge an 27 Akutspital-Standorte inklusive Geburtshäuser vergeben.» Das heisst, die Spitalliste wird gestrafft. Zudem will die neue Gesundheitsdirektorin dafür sorgen, dass die Pädophileninitiative nicht nur im Bildungs­bereich, sondern auch im Gesundheitswesen umgesetzt wird. Nachsichtig ist sie mit den pensionierten Ärzten: Anders als ihr Vorgänger möchte Rickli ihnen wieder erlauben, in beschränktem Umfang Medikamente zu verschreiben.

Sie sind seit drei Monaten Gesundheitsdirektorin. Was ist Ihr erster Eindruck vom Zürcher Gesundheitswesen?
Wir haben eine hervorragende Gesundheitsversorgung. Doch sie kostet auch enorm viel. Von den gut 7 Milliarden Steuereinnahmen des Kantons bezahlen wir allein 1,5 Milliarden für die Spitalaufenthalte der Zürcher Bevölkerung und eine weitere halbe Milliarde für die Prämienverbilligung. Der Kanton muss 55 Prozent der stationären Behandlungskosten zahlen. Das ist vielen Menschen nicht bewusst, wie ich in Gesprächen in den letzten Wochen festgestellt habe. Viele Leute beklagen sich über die hohen Prämien, wollen aber im Krankheitsfall die bestmögliche und sofortige Behandlung. Und da will ich mich persönlich gar nicht ausnehmen. Als Gesundheitsdirektorin möchte ich den Bürgerinnen und Bürgern diese Zusammenhänge aufzeigen. Und dafür sorgen, dass nicht unnötig behandelt wird.

Wie wollen Sie das erreichen?
Mir ist die Patientensicherheit wichtig. Der Patient soll sicher sein, dass er die richtige Behandlung erhält – nicht zu viel und nicht zu wenig. Stichwort Indikationsqualität: Da wollen wir mehr tun.

Ihr Vorgänger Thomas Heiniger (FDP) hat zuerst kräftig den Wettbewerb angekurbelt und dann am Schluss festgestellt, dass wir eine Überversorgung haben. Wie sehen Sie es?
In gewissen Bereichen gibt es wahrscheinlich tatsächlich eine Überversorgung. Bevor ich mich dazu aber konkreter äussere, brauche ich mehr Fakten.

Mir ist wichtig, dass die Spitäler eine wirtschaftliche und qualitativ gute Versorgung erbringen, und nicht, welche Trägerschaft sie haben.

Aus Versorgungssicht brauchte es das kleine Spital Affoltern nicht, die Bevölkerung hängt jedoch an ihm. Nach der gewonnenen Abstimmung im Säuliamt war eine Delegation des Spitals bei Ihnen. Was kam bei dem Treffen heraus?
Sie haben mir dargelegt, wie sie die Zukunft des Spitals sehen. Ich habe mit Interesse zugehört, wie ich auch anderen Spitäler zuhören werde. Entschieden habe ich nichts, sondern betont, dass ich die Spitalplanung für den ganzen Kanton verantworte.

Mit der Spitalliste können Sie das Angebot steuern. Streichen Sie ein Spital von der Liste, darf es keine Grundversicherten mehr behandeln. Momentan arbeitet Ihre Direktion an einer neuen Spitalliste. In welche Richtung geht es?
Der Kantonsrat will keine Betten auf Vorrat, das hat er in meiner zweiten Amtswoche beschlossen, und diesen Auftrag werden wir bei der Planung umsetzen. Allerdings macht der Kanton den Spitälern keine Bettenvorgaben, sondern er vergibt Leistungsaufträge. Um mehr Zeit zu haben, habe ich die neue Spitalliste von 2022 auf 2023 verschoben. Ich möchte zuerst die letzte Spitalplanung evaluieren und weitere Daten erheben lassen, um den Bedarf der Gesundheitsversorgung im Kanton Zürich bis ins Jahr 2030 genauer abzuklären. Auch die Spitäler haben jetzt ein Jahr mehr Zeit, um sich allenfalls neu auszurichten; sei es durch Kooperationen oder durch Anpassungen beim Behandlungsangebot. Dem möchte ich nicht vorgreifen, sondern mit den Spitaldirektoren darüber diskutieren.

Aber grundsätzlich: Wollen Sie wie Ihr Vorgänger Druck auf die Spitäler machen mit immer schärferen Vorschriften zuambulanten Operationen und Mindestfallzahlen? Oder streichen Sie lieber ganze Spitäler von der Liste?
Die Vorgaben, die Thomas Heiniger eingeführt hat, bleiben bestehen und werden auch konsequent umgesetzt. Wenn also ein Spital die geforderte Mindestfallzahl bei einem Eingriff nicht erreicht, darf es ihn nicht mehr durchführen. Ich will aber den Spielraum der Spitäler nicht mit immer mehr Vorschriften einengen. Mein Ziel ist eine klare Planung, die mehrere Jahre gilt. Was ich bereits sagen kann: Wir werden kaum mehr Leistungsaufträge an 27 Akutspital-Standorte inklusive Geburtshäuser vergeben.

Ihre Partei, die SVP, hat viel Sympathie für Privatspitäler. Wie ist das bei Ihnen? Werden Sie die Klinik Hirslanden schonen, obwohl sie relativ wenig Grundversicherte hat?
Mir ist wichtig, dass die Spitäler eine wirtschaftliche und qualitativ gute Versorgung erbringen, und nicht, welche Trägerschaft sie haben. Es braucht öffentliche und private Spitäler.

Martin Neukom und ich nehmen meistens die gleiche S-Bahn um 6.49 Uhr ab Winterthur.

Die SVP fordert seit Jahren, dass der Leistungskatalog eingeschränkt wird. Dass also weniger Behandlungen durch die Grundversicherungbezahlt werden. Einverstanden?
Wir werden immer älter. Die Medizintechnik und die Medikamente werden besser, aber auch teurer. Deswegen und weil der Leistungskatalog ständig ausgebaut wird, steigen die Gesundheitskosten stetig. Wenn die nationale Politik da nicht korrigiert, steigen die Prämien ebenso stetig, und die Kantone werden gezwungenermassen immer mehr Prämienverbilligung zahlen müssen. Darum ist für mich klar: Wir müssen den Leistungskatalog einschränken.

Sie haben lange Bundespolitik gemacht. Wie empfanden Sie den Wechsel vom Parlament in den Regierungsrat?
Ich hatte es mir in etwa so vorgestellt, wie es nun ist: Ich arbeite und lerne viel. Das Gesundheitswesen ist spannend, aber sehr komplex. Ich habe Freude an der Arbeit. Zur Direktion gehören so verschiedene Ämter wie die Lebensmittelkontrolle oder das Veterinäramt. Ich habe alle besucht. Mein Fokus liegt derzeit aber klar auf der Spitalplanung.

Und wie läuft es im Regierungskollegium?
Wir arbeiten gut zusammen, sachlich und respektvoll.

Auf Facebook war ein Foto zu sehen, das Sie zusammen mit Martin Neukom im Zug zeigt. Vertragen sich Grün und SVP?
Martin Neukom und ich nehmen meistens die gleiche S-Bahn um 6.49 Uhr ab Winterthur. Wir reden eigentlich wenig über Parteipolitik, sondern tauschen uns über Aktuelles aus.

Erstellt: 30.07.2019, 07:01 Uhr

Sexualstraftäter und Seniorenbewilligung: Rickli setzt erste eigene Akzente

Als Nationalrätin hat sich Natalie Rickli für eine konsequente Umsetzung der Pädophileninitiative eingesetzt. Jetzt, als Vorsteherin der Zürcher Gesundheitsdirektion, nimmt sie dieses Thema wieder auf. «Täter, die wegen Sexualdelikten verurteilt wurden, sollen ihr Leben lang nicht mehr mit Kindern oder anderen schutzbedürftigen Personen arbeiten dürfen», sagt sie. Das soll nicht nur im Bildungsbereich gelten, sondern ebenso im Gesundheitswesen: «Auch Patientinnen und Patienten müssen vor Wiederholungstätern geschützt werden.» Rickli lässt nun abklären, wie die Institutionen mit dem Thema umgehen. Ärzte, die beim Kanton eine Berufsausübungsbewilligung einholen, müssen schon heute hohe Anforderungen erfüllen; zum Beispiel müssen sie einen Strafregisterauszug vorlegen. Der Gesundheitsdirektion ist bisher nicht bekannt, ob dies auch bei Angestellten in Heimen, Praxen oder Spitälern der Fall ist.

Ärzte empört über Heiniger

Einen zweiten Akzent will Rickli bei der ärztlichen Tätigkeit im Ruhestand setzen. Ihr Vorgänger Thomas Heiniger (FDP) hatte entschieden, dass pensionierte Ärzte keine Seniorenbewilligung mehr erhalten und in der Folge keine Medikamente mehr verschreiben dürfen. Das sorgte für grosse Empörung in der Ärzteschaft: Nachdem einer sein Leben lang erfolgreich eine Praxis geführt hat, soll er nicht einmal mehr sich selber ein Blutdruckmittel verschreiben dürfen? Das sehen die Ärzte nicht ein. Rickli prüft nun, ob sie ihnen etwas entgegenkommen kann. «Eine Behandlung von einfachen Verletzungen oder Krankheiten mit Verschreibung von Medikamenten im engen Familienkreis könnte ich mir vorstellen.»

Nicht infrage kommen für sie das Ausstellen von Dauerrezepten oder das Behandeln von chronischen Krankheiten sowie das Abrechnen über die Krankenkasse. Das bleibt den Kollegen mit einer Berufsausübungsbewilligung vorbehalten. Ärztinnen und Ärzte im Pensionsalter dürfen diese weiterhin beantragen, wenn sie bereit sind, die entsprechenden Pflichten wie Weiterbildung zu erfüllen. (an)

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