Zum Hauptinhalt springen

Neue Vorwürfe gegen Übergewichtsarzt

Neue Aussagen ehemaliger Patienten und Kolleginnen belasten den Chirurgen Ralf Senner zusätzlich.

Schwere Vorwürfe: Eine Patientin sagt, dass sie sich seit dem Eingriff vor 18 Monaten täglich mehrfach übergeben müsse: Ärzte führen eine Adipositas-Operation durch. (Archiv)
Schwere Vorwürfe: Eine Patientin sagt, dass sie sich seit dem Eingriff vor 18 Monaten täglich mehrfach übergeben müsse: Ärzte führen eine Adipositas-Operation durch. (Archiv)
Georg Wendt, Keystone

Neue Schilderungen von Patienten deuten darauf hin, dass das Ausmass des Falles Ralf Senner auch in der Schweiz grösser sein dürfte als bisher angenommen. Der Übergewichtschirurg hat über viele Jahre Patienten nicht korrekt informiert, behandelt und operiert, zuerst in München und seit 2010 in der Schweiz.

Das Spital Männedorf (ZH) hat sich vor zwei Wochen vom Chirurgen getrennt. Die Zürcher Gesundheitsdirektion untersucht den Fall nun offiziell – offenbar auch die Rolle des Spitals. Überhaupt nicht aktiv geworden ist hingegen der Ärzteverband FMH beziehungsweise die Zürcher Ärztegesellschaft, wie es auf Anfrage heisst.

Seit die Vorwürfe öffentlich sind, melden sich bei der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (SAPS) und den Patientenstellen Betroffene. Auch bei Redaktion Tamedia rufen ehemalige Patienten an. Die Schilderungen fallen dabei teilweise in die Zeit, als der Chirurg am Spital Männedorf als Belegarzt tätig war. Dort hiess es vergangene Woche, dass man «die Tätigkeit von Herrn Senner regelmässig kontrolliert» habe.

Immer mehr Vorfälle bekannt

Vorfälle wie bei Claudia H.* konnte dies indes nicht verhindern: Die Patientin war 2015 bei Senner und wurde am Spital Männedorf operiert. Nach dem Eingriff habe der Arzt sie aufgefordert, 6800 Franken nachzuzahlen. «Er behauptete, dass er mich mit ‹neuster Technik› operiert habe und er deshalb mehr Geld verlangen müsse», erzählt H. Vor der Operation habe er davon nichts erwähnt. Claudia H. rief daraufhin bei ihrer Krankenkasse an. «Die sagten mir, eine solche Nachzahlung käme gar nicht in Frage und intervenierten gleich selber bei Senner.» Von der Praxis des Chirurgen erhielt H. in der Folge ein «freches E-Mail», wie sie findet: Senner schenke ihr die Operation.

«Solche Patienten haben wir wirklich gerne», steht dort in holprigem Deutsch weiter. «Sie handeln hintenrum und jetzt auf unschuldig spielen.»

Oskar I.* hat einen hohen BMI, die Grundversicherung würde eine Magenoperation problemlos übernehmen. Als er im August bei Senner war, habe dieser gesagt, dass er selber bezahlen müsse. 40'000 Franken sei der Preis in der Schweiz, für 25'000 Franken könne Senner den Eingriff jedoch in Russland vornehmen. «Ich hätte beinahe eingewilligt», sagt I. Doch er wurde skeptisch, als Senner bereits beim zweiten Termin «möglichst schnell das Geld wollte».

Eva P.* wurde vor anderthalb Jahren operiert. Was sie erzählt, übertrifft die bis jetzt bekannten Vorfälle aus der Schweiz. Sie sagt, dass sie seit dem Eingriff fast keine feste Nahrung zu sich nehmen könne und sich täglich mehrfach übergeben müsse. Bis vor ein paar Wochen habe sie es nur dank flüssiger Schokolade, kalorienreichen Flüssigkeiten und Weichkäse geschafft, über der Grenze zum Untergewicht zu bleiben. «Bis ich in der Zeitung davon gelesen habe, dachte ich, dass ich ein Einzelfall bin», sagt P. (Lesen Sie die ganze Leidensgeschichte von Eva P. weiter unten)

Unethisches Verhalten

Problematische Situationen aus der Zeit, als Senner an der Privatklinik Lindberg in Winterthur tätig war, kennt Susanne Maurer. Die Ernährungsmedizinerin leitet das Adipositas-Zentrum Adimed und hat 2012 vorübergehend mit dem Chirurgen gearbeitet. «Es ist grundsätzlich sehr ungewöhnlich, wenn ein Chirurg, der sich Übergewichtsspezialist und Professor nennt, nur eine einzige bariatrische Operation durchführt», sagt sie. Senner habe ausschliesslich Schlauchmagen gemacht, selbst bei Patienten mit Diabetes und Herzkrankheit, die eigentlich einen Magenbypass erhalten müssten.

Maurer ging rasch auf Distanz zu Senner und wies ihm keine Patienten zu. Dazu beigetragen haben Erlebnisse, bei denen Senners Verhalten ihrer Ansicht nach zumindest unethisch war. So habe er einem Patienten gesagt, er solle zunehmen, damit sein BMI über 35 steige und die Krankenkasse eine Operation zahlen würde. Einen anderen Patienten, der zur Nachsorge in die Sprechstunde kam, soll er nach Hause geschickt haben, obwohl eine Urinanalyse auf ein gravierendes Stoffwechselproblem hindeutete. «Geht schon», soll Senner gesagt haben. Maurer sagt jedoch, dass sie nie auf Probleme wegen fehlerhafter Operationen gestossen sei. Solche Berichte stammen bislang alle aus der Zeit in München. Senner selber nimmt keine Stellung zu den Vorwürfen im Artikel. * Namen geändert

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch